gespaltenes Wasser
gespaltenes Wasser
Ruta de los 7 Lagos, 2. Teil
(1. Teil: https://tommiboe.wordpress.com/2014/02/16/asche-und-kase/)
Am dritten Tag liegt der längste Abschnitt der Ruta de los 7 Lagos vor mir, ca. 80-85 Kilometer. Auch hier wartet wieder ein gutes Stück Dirtroad. Die Straßenarbeiter sind dran dieses Stück zu verkürzen und asphaltieren munter vor sich hin. Ich starte um 8:00, da ich keine Ahnung habe wie lang, schlimm und mühsam die Passage ist und wie viel es wieder auf und ab geht. Der frühe Vogel… Außerdem ist um diese Uhrzeit tatsächlich noch wenig auf der Straße los.
Heute überwiegt das Positive. Die Schotterpiste ist nur für einen kleinen Teil so grottig wie gestern, außerdem hält sich die Staubbelastung heute in Grenzen, da die Piste gewässert wird, und Patagoniens Wunderwaffe der Wind erweist sich als schläfrig gestimmt. Meine Fluchdichte ist im Vergleich zu gestern verschwindend gering und Radfahren mach plötzlich wieder Spaß.
Am höchsten Punkt meiner Etappe befindet sich etwas sehr Interessantes (ja, sogar Spektakuläres für Geographen!): der „Arroyo Partido“. Hier kann man von einer Brücke aus zusehen, wie sich das Flüsschen Arroyo Partido gabelt. Es kommt mit Schwung aus den Bergen um eine Kurve herum und teilt sich dann plötzlich in zwei Flüsschen, von denen das eine in den Atlantischen und das andere in Pazifischen Ozean fließt. Verrückt was? Keine Ahnung, was das Flüsschen dazu veranlasst (naja, Gefälle vermutlich!) oder was es sich davon verspricht (Eintrag ins Guiness-Buch?)! Aber schon eine krasse Idee, sich da so mitten im Gebirge zu spalten. Vielleicht hatte es schon im oberen Flussverlauf Streitigkeiten zwischen den rivalisierenden Wassermassen gegeben. (Was weiß denn ich? Schmelzwasser gegen Regenwasser oder ähnliche Konflikte… „Dann fließ doch woanders lang!“ – „Mach ich auch!“ – „Das will ich ja mal sehen!“ – „Ja, wirste auch sehen!“ und so weiter. Wasser kann mitunter ganz schön zickig sein!)
Der (alt-)kluge Geograph hält für solche seltene Momente, und viele gibt es davon weltweit tatsächlich nicht, natürlich ein eigenes Angeberwort parat. Also Zettel raus und mitschreiben: „Bifurkation“ (da steckt „zwei“ und „Gabel“ drin, also Gabelung).
Von diesem Punkt aus geht’s dann 15 Kilometer mit viel Gefälle (Richtung Atlantik) und Gegenwind (Richtung Pazifik) hinab nach San Martín de los Andes, wo ich am Terminal vorbeirolle und schon eine Stunde später in einen Bus einsteige, der mich genau den gleichen Weg direkt wieder zurückfährt, was irgendwie auch ein komisches Gefühl ist und die Frage zurücklässt: „Wofür das Ganze?“ Aber das ist natürlich eine Frage, mit der man letztlich fast alles kontern kann. Und jetzt wollen wir mal nicht philosophisch werden um diese Uhrzeit. Denn zumindest schön war’s! Das muss auch mal reichen!
Hier zum Videobeweis:
Asche und Käse
Asche und Käse
Patagonien ist schön, ganz schön anstrengend.
Eigentlich fahre ich gerne Rad. Theoretisch!
Mein Radverleiher meint, es gibt gutes Wetter für meine dreitägige Tour. Allerdings soll es am ersten Tag windig werden. Mir ist wohl nicht ganz die Bedeutung dessen klar, wenn das in Patagonien extra erwähnt wird, weil windig ist es ja eigentlich immer. Dementsprechend anstrengend wird der erste Tag. Es gibt eine interessante US-amerikanische Studie über die Korrelation von Gegenwind und Fahrradfahren, die ergeben hat, dass weltweit in 60% der untersuchten Fahrten der Wind eher von vorne als von hinten gekommen ist. Das kann ich zu mindestens 80% bestätigen!
Aber es entschädigen immer wieder die grandiosen Aussichten auf der „Ruta de los siete Lagos“, der Straße der sieben Seen.
Ich komme in einer kleinen Hostería an einem der unzähligen sieben Seen unter. Nach so viel draußen Unterwegssein bin ich anständig müde und das dadurch körpereigen produzierte Morphium betäubt mich umgehend.
An meinem zweiten Tag will ich eigentlich nur einen kleinen Abstecher zum nächsten See, dem Lago Traful, machen. Aber der Tag entwickelt sich viel ernster als gedacht. Der Weg zum See ist eine Dirtroad, aber eine besonders dreckige! Und das werde ich ordentlich zu schmecken und zu inhalieren bekommen. Denn im Juni 2011 beim letzten großen Ausbruch des chilenischen Vulkanverbundes Puyehue-Cordón Caulle legte sich, auch ohne Einreisegenehmigung, eine ordentliche Ascheschicht auf die argentinische Seite. Eine Folge war ein Fischsterben in den Seen. Und die Reste dieser Asche werden vom patagonischen Wind noch immer lustig hin und her geweht, als handele es sich um ein Gesellschaftsspiel. Und mittendrin bin ich, der einzige Radfahrer, der den ganzen Aschestaub wegatmen muss, der von den vorbeifahrenden Autos aufgewirbelt wird. Die Autos passieren mich ziemlich genau im Minutentakt, sodass der Asche die Möglichkeit gegeben wird, sich kurz auszuruhen, um dann sofort wieder aufgewirbelt zu werden. Manchmal, in seltenen Momenten des Glücks, wenn sich die Staub- und Aschewolken vollständig gelegt haben, kann ich kurz die schöne Landschaft genießen. Zum anderen ist die Piste in so erbärmlichem Zustand, dass ich kaum zum Aufblicken komme. – Am Lago Traful finde ich ein schönes windstilles Plätzchen, wo ich meinen Körper parken kann.
Am Ende des Tages bleibt mir, mal ein großes Kompliment an meine Schleimhäute auszusprechen. Ihnen wird ja im Allgemeinen viel zu wenig Beachtung für ihre großartige Arbeit geschenkt.
Kurz nach dem Duschen komme ich zurück in mein Zimmer und finde eine feine Ascheschicht auf meinem Stück Käse, das auf dem Tischchen am offenen Fenster liegt. Das kommt mir doch bekannt vor… Ah, richtig: Morbier, der französische Käse mit dem Aschestreifen in der Mitte, der heute als Güte- und Wiedererkennungsmerkmal gilt. Ursprünglich war das eher ein Armutsbekenntnis, da es pro Tag nicht genügend Milch für einen ganzen Käse gab, so wurde der Laib zum Schutz gegen äußere Einflüsse mit einer Ascheschicht abgedeckt. Logisch zu Ende gedacht könnte man den Käse natürlich noch exquisiter mit einer patagonischen Vulkanascheschicht abdecken. Auf diesem Weg würde die Region endlich die nervende Drecksasche loswerden. Mal schauen, wer wann auf diese großartige Geschäftsidee aufspringt. Denn eines ist sicher: An verblödeten Kunden, die auf ein solches Produkt anspringen würden, mangelt es nicht.
Ach ja… Wo sind die Fotos?
Nachdem meine Kamera im Klo gelandet und ertrunken ist (ließ sich nicht mehr beatmen, Chip konnte jedoch gerettet und inzwischen erfolgreich transplantiert werden in meine neue, dritte Kamera) und die Fotos vom Handy noch nicht auf dem Rechner sind (fehlendes Lesegerät), kann man sich ein paar schöne Bilder vom Ausbruch hier anschauen:
hier geht’s dann zur nächsten Etappe:
https://tommiboe.com/2014/02/17/gespaltenes-wasser/
Spieglein, Spieglein an der Wand…
Spieglein, Spieglein an der Wand…
… wer ist die Schönste im Kontinent?
Auf meiner bisherigen Reise wurde ich immer wieder gefragt, wo denn, meiner Meinung nach, die schönsten Frauen Südamerikas herkommen. Dahingehend scheint meine Meinung recht wichtig zu sein. Denn, egal in welchem Land, immer wieder werde ich das gefragt. Vermutlich hat sich mein Sachverstand rumgesprochen.
Meine Antwort darauf ist inzwischen, dass ich Kolumbien und Argentinien benenne – oder sagt man inzwischen „nominiere“? Woraufhin in gut 104% der Fällen nachgefragt wird, was denn mit Venezuela sei. Das ist schließlich das Land mit den weltweit meisten Schönheitsköniginnen. Aber, ehrlich gesagt, verfettet das Land in einem Tempo, dass man, meiner Meinung nach, nicht mehr von hübschen Frauen sprechen darf. Denn hübsch und knackig sind sie nur, wenn sie noch ganz frisch sind. Klingt hart, aber der Verfall und die Verfettung setzen dann pünktlich mit 18 Jahren und mit 20 ist der Käse meist schon fritiert und artig aufgegessen und hat sich mich voller Breitseite niedergeschlagen. In der Tat habe ich selten das Vergnügen gehabt, neben so vielen dicken und fetten Frauen im Bus gesessen zu haben. Allerdings fehlt mir dahingehend der gewichtige Erfahrungswert der USA.
Eine andere südamerikanische Vergleichsstudie, ebenfalls von mir in aufwendigen Einzelinterviews durchgeführt, hat ergeben, dass die unbeliebtesten Südamerikaner eindeutig und mit großem Vorsprung die Argentinier sind. Sie gelten eigentlich in allen Ländern als eingebildet, stolz und arrogant und dass sie sich für etwas Besseres halten und die anderen Südamerikaner dementsprechend abschätzig behandeln. Das wurde im Prinzip überall so bestätigt.
Als ich dann in Uruguay mit realen Argentiniern in Kontakt kam, hab ich ihnen von ihrem schlechten Ruf berichtet. Das Putzige war, dass sie sich kaum dagegen gewehrt haben. Allerdings haben sie diese Außenwahrnehmung ein wenig präzisiert. Denn das träfe zwar insgesamt schon zu, aber eben nicht für die Argentinier allgemein sondern für die so genannten Porteños, also das Drittel der Bevölkerung in und um die Hauptstadt Buenos Aires. Denn diese seien, das bestätigten die Argentinier aus Entrerrios und Corrientes, in der Tat überheblich und arrogant und hielten sich für etwas Besseres.
So gesehen sind die unbeliebtesten Südamerikaner die Porteños. Gut, dass wir das aufgeklärt haben…
Kleiner Grenzverkehr, Teil 4
Kleiner Grenzverkehr, Teil 4
In Punta del Diablo traf ich drei Norddeutsche, die gerade aus Brasilien nach Uruguay eingereist waren. Sie wollten ein paar Tage in Uruguay verbringen, bevor es dann weiter nach Buenos Aires gehen sollte. Sie führten, während ich am gleichen Tisch saß, eine interessante Diskussion. Interessant deshalb, weil ich ähnliche Gespräche auch immer mit meinem inneren Team führe. Ihr kennt vielleicht diese Drecksäcke Einerseits und Andererseits, die einfach nicht die Fresse halten können.
Die Jungs waren über Chui/ Chuy eingereist. Der Ort hat zwei Schreibweisen, eine portugiesische und eine spanische, weil er genau auf der Grenze liegt. Und ihnen ist so etwas Ähnliches wie mir zwischen Paraguay und Argentinien passiert (siehe https://tommiboe.wordpress.com/2014/01/14/kleiner-grenzverkehr-teil-3/). Der grenzübergreifende Bus hielt zwar auf der brasilianischen Seite zum Pässestempeln aber nicht auf der uruguayischen, sondern fuhr einfach direkt weiter zum Busterminal. Ohne weiter zu überlegen, fuhren die drei nach Punta del Diablo, was ungefähr eine Stunde von der Grenze entfernt liegt.
Ich hatte ihnen gerade von meinem letzten Grenzverkehr berichtet und noch eine Episode erzählt, dass die Argentinier recht humorlos sein können, wenn ihnen ein Stempel fehlt, und sich im Gegenzug ihre Humorlosigkeit ordentlich bezahlen lassen.
Angefeuert durch meine Berichte entfachte sich eine lebhafte Diskussion darüber, was sie nun tun sollten. Während einer der drei meinte, am besten sei es wohl, gleich am nächsten Tag zurück nach Chui/ Chuy zu fahren und sich die uruguayischen Einreisestempel abzuholen, war ein anderer dafür, einfach ganz entspannt abzuwarten, was eine Woche später bei der Ausreise passieren würde. Getreu dem Motto: „No risk, no fun!“ oder „Was willste denn mal deinen Enkeln erzählen…?!“ Der dritte von ihnen schwankte noch in seiner Meinung, sodass die möglichen Ausreiseszenarien ein paar Mal durchgespielt wurden. Ich spielte ein bisschen mit, brachte zusätzliche Argumente ein und fand den Gedanken total spannend, wie das wohl ausgehen würde.
Schließlich, nachdem ein Hostelmitarbeiter meinte, es würde höchstens 800 Peso Strafe kosten (knapp 30€), einigten sie sich auf die Risikovariante, also: einfach Weiterreisen! (Wobei ich persönlich die Aussage des belgischen Surfers/ Hostelmitarbeiters nicht sonderlich überzeugend oder kompetent fand. Aber manchmal reicht ja eine moralisch-symbolische Unterstützung völlig aus, um eine Entscheidung zu treffen.)
Ich rang den dreien noch das Versprechen ab, mir mitzuteilen, wie und mit welchen Komplikationen der anstehende Grenzverkehr ablaufen würde. Das würde hoffentlich eine nette Episode für meine Rubrik „kleiner Grenzverkehr“ geben. Also „hoffentlich“ natürlich aus meiner und nicht aus ihrer Sicht! Denn eventuelle Grenzschwierigkeiten würden eine Geschichte selbstverständlich entschieden interessanter machen.
Gut eine Woche später erhielt ich die Nachricht, dass alles ohne Probleme und ohne Kosten abgelaufen sei. Laaaangweilig! Diese Urus sind einfach zu nett. Denen waren es also völlig egal, dass die Jungs ohne Einreisestempel durch ihr Land tourten. So eine lockere Einstellung macht die Urus natürlich sehr sympatisch. Man stelle sich so etwas in einem anderen südamerikanischen Land oder spaßeshalber mal in den USA vor…! Aber auch deutsche Behörden sind, wenn man nicht gerade EU-Bürger ist, in solchen Angelegenheiten ziemlich humorbereinigt.
Aber in Uruguay scheint das alles, ganz harmlos zu sein. Denn hier ticken die Uhren ohnehin eine Nuance entspannter. Allein ihr Präsident, José Mujica, ist eine spezielle Nummer. „Pepe“ Mujica ist ein „Staatsdiener“, der die Bedeutung dieses Titels tatsächlich verstanden hat und diesen Namen im Gegensatz zu der seelenlosen Politikerkaste auch wirklich verdient. So verzichtet er auf 90 % seines Gehalts, fährt noch seinen uralten VW-Käfer, hat Bolivien und Paraguay einen eigenen Überseehafen auf uruguayischem Boden angeboten, um deren Entwicklungschancen zu verbessern (siehe https://tommiboe.wordpress.com/2014/01/13/fundstucke-aus-fernwest-hafengeschenke/), und hat in einem besonders kalten Winter Obdachlose auf seine Finca eingeladen. Zudem liegt das Land gerade mit der UN im Clinch, weil es Marihuana legalisiert. Lässt sich aber von der globalisierten Doppelmoral nicht einschüchtern, sondern zieht die Sache konsequent durch, weil es ihm vernünftig erscheint! Scheiß auf die Meinung der USA und ihrer Freunde oder Ex-Freunde…
Bravo! Uruguay hat also entschieden mehr zu bieten als „drei U auf engstem Raum“ (Funny van Dannen)!


