WG gesucht

Sanitärcontainer

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Sanitärcontainer

Die deutsche Sprache ist bekannt und berüchtigt für ihre Vielfalt an Wortkombinationen. Wahl- und zum Teil willenlos lassen sich Substantive aneinander hängen und sich neue Worte zusammenbasteln. Sowohl Phantasie als auch Beklopptheit sind dahingehend quasi keine Grenzen gesetzt.
Ich glaube, in keiner anderen Sprache kann man sich bei Scrabble besser in die Haare geraten, da man im Prinzip aus jedem bereits zusammengesetzten Wort noch ein neues basteln kann. Fraglich nur, was ist erlaubt und welche geglückte Kreation gönnt man dem anderen, wenn er damit auf den dreifachen Wortwert kommt und im Gesamtklassement uneinholbar enteilt. – Mein Vater erzählt noch heute von der inzwischen familienlegendären „Kuhbude“, die ihm meine Mutter vor gefühlten hundert Jahren nicht anerkannte und ihm damit ein empfindliches Waterloo auf dem Scrabble-Schlachtfeld zugefügt hatte.
Auch so ein schönes Wort ist „Sanitärcontainer“. Und irgendwie klingt es hübscher, als so etwas tatsächlich ist. Wer schon einmal genötigt war, regelmäßig einen solchen Container zu besuchen, der weiß Bescheid.
Und ich meine nicht diese – zugegeben hässliche – Extremsituation, wie auf einem verregneten Openairfestival ohne Ganzkörperschutzanzug auf ein geflutetes Dixiklo zu müssen…! Holla! Dahingehend bin ich wirklich froh, ein Mann zu sein! Und da lächele ich auch befreit über solche Sprüche wie „Männer sind ja so eklig!“ Nur kein Neid. Wer kann, der kann!
Dabei muss man solche Chemoklos fast noch in Schutz nehmen. Denn was in aller Welt soll dem Ansturm von 10000 Pissern schon standhalten? Da geht sogar eine deutsche Eiche in die Knie!
Ich hingegen hatte das zweifelhafte Vergnügen, über einen Zeitraum von fast einem Jahr einen Sanitärcontainer als mein Bad bezeichnen zu müssen. Es ging also nicht um den singulären Nutzungsakt sondern um die Geschäfte des täglichen Bedarfs. Es musste also auch geduscht werden. Ganz ohne Zweifel: duschen im Prekariat!
Okay, ich habe nicht den Anspruch an einen Duschcontainer, dass es gemütlich sein soll oder gar heimelig oder kuschelig. Ich erwarte keine überschäumenden Dusch- oder Badeorgien. Ich benötige keine Duftöle, Lavalampen, Wasserenthärter unter den Duschköpfen, Badeschwämme, Fußsohlenreflexmassagen, fengshuigerecht installierte Armaturen oder karibische Duschkabinenmalereien. Wenn ich dreckig bin, dann möchte ich duschen. Es muss ja nicht alles im Leben zum Spektakel werden.
Aber eines sollten diese Container können: Sie sollten funktionieren! – Ich weiß nicht, wie oft wir den Servicedienst gerufen haben, weil hier etwas nicht dicht war oder der Boiler überkochte und vor lauter Überkocherei zu platzen drohte, um als Folge in einem gefluteten oder nicht beheizbaren oder einfach nicht funktionierenden Container zu stehen und zu fluchen.
Der Servicemann kam mit einem sturmerprobten Entschuldigungslächeln und reparierte den in die Jahre gekommenen Duschcontainer – fürs erste – und dann fürs zweite – fürs dritte und so weiter!
Was mich aber am Nachhaltigsten verärgert hat, das sind die Duschvorhänge! Dass eine Duschkabine mal kaputtgeht, ein Abfluss verstopft, eine Leitung leckt, ein Boiler explodiert, Gott sicher, das kann alles jedem mal passieren. Ich bin auch schon explodiert. Jeder hat mal einen schlechten Tag.
Aber dass so Grundsätzlichkeiten wie Duschvorhänge nicht funktionieren und ich meine damit jeden verschissenen Tag ihrer verdammten Existenz und zwar in jedem Dreckscontainer, das kann doch wohl nicht wahr sein! Doch! Oh doch!
Ich stehe also in dieser Duschkabine und dusche mich. Ich dusche heiß, nicht so heiß, wie es viele Frauen können, aber doch: Ich bin ein bekennender Heißduscher! – Aber damit muss doch ein Duschvorhang klarkommen. Damit kann und muss ich als Duschvorhang doch rechnen beziehungsweise als Firma, die ihr Geld mit der Vermietung dieser erbärmlichen Drecksdinger verdient. Man muss doch damit rechnen, dass Menschen, die in eine Duschkabine gehen, das heiße Wasser aufdrehen. Und auch die Folgen sind einigermaßen überschaubar:
Das heiße Wasser erhitzt nämlich nicht nur mich, sondern gleichzeitig die Umgebungsluft in der Kabine. Heiße Luft, so haben wir im Kindergarten gelernt, dehnt sich aus und steigt auf. Was bleibt ihr in der Duschkabine auch anderes übrig? Die heiße, aufsteigende Luft wabert also nach oben und dort irgendwie seitlich weg in den Vorraum des Duschcontainers. Das führt innerhalb der Kabine zu einem Massenverlust und so entsteht am Boden der Duschkabine, thermisch gesehen, ein relatives Tiefdruckgebiet. Und mit einem Tiefdruckgebiet zu meinen Füßen bleibe ich in der Dreckskabine und warte auf die fällige Ausgleichsströmung, die da kommen muss. Und sie kommt! Und zwar nicht ausnahmsweise! Sie drückt von draußen – außerhalb meines 80 mal 80cm-Duschparadieses – nach drinnen. Denn dort draußen befindet sich ein relatives Hoch. Und wie wir im Einführungsseminar für angehende Sanitärcontaineringenieure gelernt haben, bewegen sich Luftmassen als Ausgleichsströmung immer vom hohen zum tiefen Druck. Mit Betonung auf: Immer! Nein, das ist keine neue Erkenntnis aus der Nuklearphysik und dafür braucht man auch kein Diplom in Meteorologie. Dafür reicht schon ein Bachelor in „Nur-mal-kurz-das-Hirn-anschalten“.
Die Luft drückt nun von außen den (vorsichtig geschätzt) zwölf Jahre alten Duschvorhang, über dessen Vergangenheit ich lieber nicht bescheid wissen möchte, nach innen und zwar bis ungefähr in die Mitte meiner Kabine und klebt sich, je nachdem wie herum ich stehe, an meine Wade oder mein Schienbein. Und beides möchte ich nicht! Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, beides finde ich unangenehm, unhygienisch und ekelerregend. In einem Etwas, in das ich mich stelle, um mich sauberzumachen, möchte ich nicht von einem alten klebrigen Plastiksack belästigt oder gar umarmt werden, der schon wer weiß wie viele Vorgänger und Vorduscher im Würge- oder Klammergriff gehabt hatte. Das gehört absolut nicht in die Rubrik Hygiene. Da kann ich mich danach ja gleich noch mal duschen. Nur das würde ja wieder nichts ändern!
Das sollte sich mal jemand merken. Falls es überhaupt jemanden vor Ort interessiert. Aber das bezweifle ich aufs Gröbste! Denn kennen Sie irgendwelche Anbieter solcher Kabinen…? Mir sind genau zwei Namen eingefallen: Dixi und ToiToi! Ja, und ist das nicht herrlich, wenn sich zwei Marken den Markt aufteilen können? Aber es kommt noch besser. Denn wissen Sie was…? Beide gehören zu einer Firma! Ja, ist das nicht herrlich?!
Und was schert es schon einen Monopolisten, wenn einem kleinen Kunden bei jedem Duschvorgang der Duschvorhang am Arsch klebt? – Richtig, es geht ihm am Arsch vorbei!

WG gesucht – Lahngarten, 3.Teil

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WG gesucht – Lahngarten, Teil 3

Was mich am nächsten Morgen weckte, klang wie ein Staubsauger. Allerdings war der Lärm viel zu laut dafür. Denn es klang eher so, als würde jemand direkt in meinem Zimmer staubsaugen. Und als ich die Augen öffnete, war es auch so! Eine ältere Frau schob einen Staubsauger durch mein Zimmer! Instinktiv schloss ich wieder die Augen und drehte mich auf die andere Seite. Aber das Geräusch blieb und die Erkenntnis wuchs, dass es womöglich kein Traum war. Vorsichtig öffnete ich ein zweites Mal die Augen und tatsächlich kämpfte sich da ein Staubsauger durch meine halb ausgeräumten Umzugskartons!
„Äh hallo, was machen Sie da?“ rief ich gegen den Staubsaugerlärm an. – „Oh, tschuldigung. Habe ich Sie geweckt?“ – „Ja, äh, aber was machen Sie hier?“ – „Ich mache sauber!“ Okay, so richtig zufrieden konnte ich auch heute morgen nicht mit meiner Fragestrategie sein. Aber irgendwie passierten auch ständig Dinge, die eigentlich nicht passierten. „Wie kommen Sie in mein Zimmer?“ – „Tür war offen!“ antwortete die Frau mit stark osteuropäischem Akzent und ich wusste natürlich inzwischen (selbst), dass sie völlig recht hatte. „Aber…“ Ich brach ab und überlegte lieber noch eine Runde, bevor ich wieder etwas Unnützes fragte. 80 Prozent aller gestellten Fragen könne man sich selbst beantworten, hatte ich mal irgendwo gelesen. Ich lag derzeit bei mindestens 100 Prozent. (Beruhigend, dass mir so etwas gerade jetzt einfiel.) „Aber warum machen Sie hier sauber?“ – „Mache immer Samstag!“ – Damit war die Unterhaltung beendet. Sie wendete mir den Rücken zu und saugte unter meinem Schreibtisch.
Als sie fünf Minuten später fertig war, blickte sie mich aus der Tür an: „Ich bin Ludmilla. Und du? – Hast du Freundin?“ – „Ich äh nein, äh wieso?“ – „Bis nächste Samstag!“ Mit diesen Worten überließ sie mich meiner Ratlosigkeit.
Von Jochen erfuhr ich später, dass Ludmilla immer samstags bei uns putzen würde und dass ihre Kosten sogar schon durch unsere Miete gedeckt würden. Man müsse sich halt dran gewöhnen, dass sie einfach ins Zimmer spazieren würde.

Am nächsten Samstag saß ich morgens am Schreibtisch und wurde trotzdem von Ludmilla überrascht. Denn dieses Mal erschien sie nicht allein, sondern hatte neben dem Staubsauger noch eine junge Frau mitgebracht. Ludmilla zeigte ihr breitestes Lächeln: „Das ist Natascha, meine Tochter!“ – Aha! Putzte ihre Tochter auch hier oder…? „Hast du gesagt, du keine Freundin! Gefällt sie dir?“
Ja, das tat sie, besonders ihre unendlich tiefen schwarzen Augen. Aber trotzdem konnte ich mich aus dieser Situation noch befreien, bevor ich ihre Familie beleidigen und dadurch die Bekanntschaft mit Nataschas drei großen Brüdern machen konnte, die berühmt dafür waren, in der kasachischen Steppe die Kamele mit ihren bloßen Händen zu fangen – und zu enthäuten.

Nach diesen anfänglichen Kuriositäten schwächte sich das Bermudadreieck über meinem Zimmer im Verlauf meines ersten Semesters deutlich ab. Zum Glück oder leider…? Ich weiß es nicht… Immerhin bin ich über Ludmillas Neffen aber noch an ein sehr günstiges Mountainbike und meinen ersten Laptop gekommen sowie an eine handgeklöppelte und extrem kuschelige Kamelhaardecke, die, wenn man ganz tief die Nase reinsteckte, ein wenig nach der schönen schwarzäugigen Natascha roch, aber eben auch nach dem Ärger, den ihre großen Brüder anrichten konnten.

Hier geht’s zu den ersten beiden Teilen!

https://tommiboe.com/2015/05/05/wg-gesucht-lahngarten-1-teil/

https://tommiboe.com/2015/05/07/wg-gesucht-lahngarten-2-teil/

WG gesucht – Lahngarten, 2.Teil

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WG gesucht – Lahngarten, Teil 2 (

zum ersten Teil: https://tommiboe.wordpress.com/2015/05/05/wg-gesucht-lahngarten-1-teil/)

An meinem dritten Tag, es war ein Freitag, fand ich ein Päckchen vor meiner Zimmertür. Als Aufschrift stand lediglich „Lahngarten / Zimmer 3“ drauf. Okay! Das war mein Zimmer. Aber wer schickte mir ohne richtige Adresse und völlig ohne Absender ein Päckchen? Richtig: niemand! Denn es war offensichtlich nicht für mich, sondern für meinen Vormieter. Ich stellte das Päckchen in mein Zimmer und nahm mir vor, bei meiner Rückkehr die Pfanne, äh, Jochen, mal zu interviewen, wo und wie ich meinen Vormieter erreichen könnte beziehungsweise was es nun genau mit dem Vogel auf sich hatte.

Nachdem ich abends in der Stadt mit ein paar meiner neuen Bekannten etwas getrunken hatte, kam ich spät nach Hause. Beim Betreten meines Zimmers fielen mir sofort zwei Dinge auf. Erstens mein Licht ging nicht. Das war ärgerlich aber nicht ungewöhnlich. Denn anscheinend hatten es sich meine neuen Flurmitbewohner zum Hobby gemacht, mir, in meiner Abwesenheit, die Glühbirnen zu klauen, was zwar nur mäßig originell, aber wenigstens einfach umzusetzen war, da sich meine Zimmertür nach wie vor nicht abschließen ließ. Andererseits war ich froh, dass sie sich vorerst auf das Entwenden der Glühbirnen – und das Entleihen der Bratpfanne natürlich – beschränkten.

Zweitens roch es nach Gras! Und zwar nicht nur latent sondern so auffällig, als hätte man in meinem Zimmer Gras geraucht! – Das ging jetzt wirklich zu weit! Ich musste etwas unternehmen. Okay, nicht jetzt – ich war müde -… und ich wusste auch noch nicht was, aber es musste etwas getan werden! – Gleich morgen!

Nachdem ich festgestellt hatte, dass auch die Schreibtischlampe nicht brannte, zog ich mich im Dunkeln aus, tapste zum Bett und legte mich hinein. „Ahhhh!“ Ich schreckte zurück und purzelte aus dem Bett. Unter meiner Decke befand sich bereits etwas, was dort absolut nicht hingehörte! – Definitiv ein menschlicher Körper! Wenigstens war er noch warm! Wie um alles in der Welt…?!

„Was’n los?“ kam eine wenngleich verschlafene, jedoch eindeutig weibliche Stimme aus meinem Kissen. „Hallo?! Äh… wer äh… wie äh… was ähh?!“ Ich gebe zu, meine Fragestellung war nicht besonders originell. Fehlte nur noch „wieso weshalb warum“ und ich konnte direkt bei der Sesamstraße anfangen.

Ich rappelte mich schreckhaft auf und stolperte in Richtung Tür, tastete nach dem Lichtschalter: Ach, ja richtig! Da war doch was…! „Hallo? Wer ist denn das da in meinem Bett?“ fragte ich eine Frage, die sonst wohl eher in die Kategorie „Männerfantasien“ gehörte. Aber irgendwas musste ich ja fragen! – „Ich bin Betty und wer bist du?“ – Sicher! In meinem Bett lag Betty. Sonst noch was?! Kam sie aus Bethlehem, war auf Betablockern und stand auf Beethoven oder was?!

„Was machst du in meinem Bett? Warum riecht es hier so nach Gras und wo sind schon wieder meine Glühbirnen hin?!“

Ich sah zu, wie ein Streichholz entflammte und eine Kerze in meinem Bett angezündet wurde. In seinem Schein tauchte ein Frauengesicht auf, ein recht hübsches sogar.

„Und woher hast du die Kerze?“ – „Stellst du immer so viele Fragen?“ – „Nein, äh, aber vielleicht erhoffe ich mir einfach ein paar Antworten.“ – „Suchen wir nicht alle nach Antworten…?“

Das war nach meinem Geschmack für diese Uhrzeit und diese schräge Situation dann doch ein wenig zu philosophisch! Eine Viertelstunde später waren die drängendsten Fragen geklärt und ein formschöner Joint gebaut und entzündet.

Sie hieß also tatsächlich Betty und war auf der Suche nach meinem Vormieter Benjamin über meinen Mitbewohner Jochen, die Pfanne, sowie das Päckchen in meinem Zimmer gestolpert, in dem sich eine größere Ladung Gras für besagten Benjamin befand. Der vertickte also Gras und so auch an Betty. Daraufhin hatten es sich Betty und Jochen in seinem, äh meinem Zimmer gemütlich gemacht. Jochen hatte sogar Streichhölzer und eine Kerze in meinen Kartons gefunden und sogar einen Korkenzieher. Damit kannte sich Jochen entschieden besser in meinem Zimmer aus als ich selbst. Ich würde ihn das nächste Mal befragen, wenn ich etwas nicht finden konnte.

Jochen und Betty hatten eine Flasche Wein (von mir natürlich) getrunken und das Päckchen geöffnet, um sich einen Joint zu bauen, da Betty offenbar wusste, was sich darin befand. Nach der Flasche Wein hatte sich Jochen dann verabschiedet und nach dem zweiten Joint war Betty in meinem Bett eingeschlafen. – Soweit ihre Geschichte!

Nachdem Betty und ich den Joint geraucht hatten, fragte sie mich, ob sie den Rest der Nacht bleiben könnte, und ich wusste nicht, was ich dagegen hätte unternehmen können. Denn ganz offensichtlich hatte ich hier in meinem Zimmer ohnehin nichts zu sagen!

Als ich am folgenden Morgen aufwachte, waren Betty und das Paket mit dem Gras verschwunden. Manche Probleme lösten sich also doch ganz einfach im Schlaf auf – immerhin! Erleichtert drehte ich mich um und schlief noch einmal ein.

zum ersten Teil: https://tommiboe.wordpress.com/2015/05/05/wg-gesucht-lahngarten-1-teil/)

WG gesucht – Lahngarten, 1. Teil

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WG gesucht – Lahngarten (Teil 1)

Es war mein erstes Semester in Marburg. Nach wochenlanger Suche, nach Nächten auf Isomatten und Sofas hatte endlich ich ein Zimmer gefunden. Es handelte sich um ein kleines Zimmer mit Dachschräge in einem ehemaligen Landgasthaus an der Lahn, das zwischenzeitlich als Asylantenwohnheim genutzt worden war, ehe der Inhaber auf Studenten umgesattelt hatte, wohl eher aus ökonomischen als denn aus humanitären Gründen.
Ich teilte mir noch mit sieben anderen den Gang und das Bad sowie den Krach der gegenüber liegenden Teppichzuschneiderei und den Ärger, der von meinem Vormieter übriggeblieben war. Jener war anscheinend nicht so ganz freiwillig, dafür recht überhastet ausgezogen. Aber davon sollte ich erst nach meinem Einzug erfahren.
Der Vermieter überreichte mir den Haustürschlüssel und fügte lächelnd hinzu, das Zimmerschloss würde schon in den nächsten Tagen ausgewechselt werden und bis dahin gäbe es eben noch kein Schloss. Gut! Ich hatte mich schon an den Gedanken gewöhnt, überhaupt kein Zimmer zu haben, dahingegen war ein fehlendes Schloss für mich kein wirkliches Problem. Nach langer Suche hatte ich ein günstiges Asylanten… äh… Heim gefunden, in Raddistanz zur Stadt. Ich war zufrieden!
Mein Einzug war schnell erledigt. Ein Schlafsofa, ein Schreibtisch, ein Schreibtischstuhl, ein Schrank, ein Regal, ein Tischchen und zwei Klappstühle. Das war mein Mobiliar. Das Studium konnte beginnen!
An meinem ersten Morgen erwachte ich von einem seltsamen Klappern. Ich öffnete die Augen und blickte in, äh, auf den Hintern eines Typen, der sich im Schränkchen unter meinem Waschbecken zu schaffen machte. Ob er darin wohnte? schoss es mir durch den Kopf. Schließlich wusste ich über die prekäre Wohnungssituation in Marburg bescheid…
„Hallo?! Was machst du da?!“ – Der Hintern drehte sich um und stotterte. „Äh… Ich wollte äh… mir nur deine äh Pfanne ausleihen… äh… wer bist du überhaupt?“ – „Gute Frage! Wer bist du? Und was machst du hier in meinem Zimmer?“ – „Äh, Jochen, äh, die Pfanne!“ – Sein neugieriger, forschender Blick blieb an einem offenen Karton hängen, aus dem ein Pfannengriff herausragte. Seine Miene hellte sich schlagartig auf: „Cool! Ne Pfanne!“ – So hatte ich meinen ersten Mitbewohner kennengelernt, Jochen, die Pfanne!

Am nächsten Morgen weckte mich ein lautes Klopfen an der Tür. Ich war ein wenig verkatert vom Vorabend und brauchte einige Momente, um zu Sinnen zu kommen. Aber da pochte es schon wieder recht energisch und eine herrische Stimme rief etwas gegen die Tür. „Ja! Was…? Moment!“ Jochen konnte es nicht sein, da er einfach ohne Klopfen eintrat, wenn er seine, äh meine Panne brauchte? Ich schlüpfte in eine Jogginghose, die neben dem Bett lag, und wankte verschlafen zur Tür. Wer machte um diese Uhrzeit so einen Terror?! Die Antwort stand vor der Tür: die Polizei! Zwei Uniformierte, wahrscheinlich zu gleichen Teilen ein Freund und ein Helfer, standen verbissen lächelnd vor der Tür. „Huch!“ versuchte ich, die Situation adäquat zusammenzufassen, und fügte noch ein Verständnis heuchelndes „Öhh!“ hinzu.
„Guten Morgen!“ schallte es durch den Flur, sodass auch die restlichen Studentenköppe Bescheid wussten, dass der Tag begonnen hatte. „Ja, guten Morgen!“ antwortete ich artig. Damit konnte man ja nichts falsch machen. Lud man Beamte frühmorgens auf einen Kaffee ein? Aber wahrscheinlich war es gar nicht mehr frühmorgens… Oder fragte man sie nach ihrem Befinden, ihren Hobbys, ihrem Dienstgrad, ihren Vorurteilen gegenüber langhaarigen Studenten…? – Meine Erfahrungswerte dahingehend waren gering. Ich probierte ein unverfängliches „Kann ich etwas für Sie tun?“ – Der eine Polizist schaute seinen Kollegen höhnisch an: „Ein richtiger Komiker, was?“ – „Mal schauen, wer zuletzt lacht?“ antwortete der andere recht schnurrbärtig. Das sollte wohl bedeuten, dass es sich bei diesem Letzten nicht um mich handeln sollte. Vielmehr verstand ich allerdings nicht. Also schwieg ich eine Runde, um mit diesem rhetorischen Trick des Schweigens darauf zu verweisen, dass es an den Polizisten sei, Klarheit in diese Angelegenheit zu bringen, und erzählen, weswegen sie nun hier seien. Schließlich waren sie zu mir gekommen.
Die entstandene Pause dauerte allerdings länger als üblich. Sie hielt verdammt lange – zu lange! – „Ähm, auch auf die Gefahr hin, dass Sie bereits wissen, warum Sie hier sind, würden Sie es mir bitte auch sagen?“ Die beiden Polizisten schauten mich fragend an, dann fragte mich der Schnurrbart finster: „Wollen Sie mich verarschen oder nehmen Sie Drogen?“ – Und ich sagte reflexartig den Satz, den ich schon immer mal sagen wollte, aber noch nie die Gelegenheit dazu gehabt hatte: „Ich mache von meinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch!“ – Ups! Hatte ich das tatsächlich laut gesagt?! In Anbetracht der beiden, mich anstarrenden Polizistenfratzen konnte die Antwort nur „Ja!“ lauten.
Der Schnurrbart berappelte sich zuerst: „Sehr witzig! Sie hatten eine schriftliche Vorladung zu Gericht…“ – „Was?! – Nein, nein, Moment…!“ – „Sie haben bereits zwei Vorladungstermine ohne Angabe von Gründen verstreichen lassen und daher werden wir Sie zum dritten nun persönlich eskortieren! Und auch darüber sind Sie im Vorfeld schriftlich aufgeklärt worden. – Wenn Sie sich bitte ankleiden würden!“ – „Moment, Moment, Moment!“ Ich hob den Zeigefinger, um meine Worte zu bestärken. Da suchten die beiden Freunde wohl einen anderen. Ich musste dieser Farce ein Ende bereiten und zum Glück fiel mir dafür noch ein anderer großartiger Satz ein: „Ich bin nicht der, für den Sie mich halten!“ Gleichzeitig durchsuchte mein Blick ein wenig verzweifelt mein Zimmer. In welchem Umzugskarton befanden sich überhaupt meine Papiere…?
Drei Minuten und fünf Umzugskartons später waren die beiden Beamten endgültig und eindeutig davon überzeugt, dass es sich bei mir nicht um Benjamin Schmolke handelte und ich sie nicht zum Gericht begleiten musste. Dennoch ließ sich der Schnurrbart einen Abschiedskommentar nicht nehmen: „Man sieht sich immer zweimal im Leben, Freundchen!“ – Inzwischen hatte ich mein Lächeln wiedergefunden: „Okay, dann hab ich auch Drogen dabei – versprochen!“

(hier geht’s zum 2. Teil: https://tommiboe.wordpress.com/2015/05/07/wg-gesucht-lahngarten-2-teil/)

Der Besteck-Nazi

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Der Besteck-Nazi

Schon ein paar Wochen vor unserem Klobürstendrama hatten wir mal wieder eine solcher WG-Sitzungen gehabt, in der über gemeinsame Aktionen, Anschaffungen oder natürlich über WG-interne Probleme gesprochen wurde. Meist wurde lediglich zusammen gegessen, Wein getrunken und locker über dies und das geschwätzt. Es sei denn es gab wichtige Themen.

Aber dieses Mal – Manuel sei Dank – hatten wir ein richtiges Thema. Er räusperte sich: „Also, wir brauchen dringend ein Ordnungssystem für das Besteckfach der Spülmaschine!“ – Wow! – Wie hatten wir ohne leben können?! fragte ich mich. – Augenblicklich herrschte absolute Stille in unserer Küche. Kein Kauen, Schmatzen, Schlucken – kein Atemzug! Nichts!

Mein Mitbewohner Chris suchte verzweifelt meinen helfenden Blick. Denn wie sollte man adäquat auf so etwas reagieren? Gab es ein Verhaltenshandbuch für solche Situationen? Es gab doch Ratgeber für jeden Scheiß! Gab es bereits einen Ratgeber mit dem Titel: „Wie gehe ich mit meinem Mitbewohner um, der ein Ordnungssystem für das Besteckfach der Spülmaschine braucht“? Oder gab es eine Telefonhotline des psychologischen WG-Beratungsdienstes?

Chris’ Blick fand den meinen und wir prusteten zeitgleich los. Manuels Miene verfinsterte sich. „Ich meine das völlig ernst! Es ist jedes Mal totales Chaos im Besteckfach …!“ Aber weiter kam er nicht. Denn unser Lachen wuchs sich weiter aus und auch Bettina hatte schon schwer mit sich zu kämpfen. – Wer allerdings vermutet, Manuel hätte sich womöglich durch unsere Heiterkeit anstecken oder ablenken lassen und erkannt, wie absurd seine Äußerung auf einen normalen Menschen / WG-Bewohner wirken musste, der kannte Manuel schlecht. Denn jetzt wurde er erst so richtig fuchsig!

„Ja, ist schon klar, dass Ihr Euch über alles lustig macht, wenn man mal einen konstruktiven Verbesserungsvorschlag macht!“ Ich versuchte, gleichmäßig in den Bauch zu atmen, um mich zu beruhigen. – „Wo ist denn überhaupt das Problem?“ fragte Jan schließlich in die Stille. „Wo das Problem ist?! Das kann ich genau sagen!“ Chris hatte inzwischen einen knallroten Kopf und ich hatte ein bisschen Angst um ihn, dass er ersticken könnte, weil er seit geraumer Zeit in eine Brötchentüte atmete. „Ich ordne nämlich das Besteck beim Einräumen in die unterschiedlichen Fächer ein. Die großen Löffel kommen in das eine Fach, die kleinen in ein anderes und so auch die Messer, Gabeln und das sonstige Küchengerät wiederum in ein eigenes Fach!“ – Aha! Mir fehlte noch immer die Handlungs- und Bewusstseinsebene, auf der ich Manuel angemessen begegnen konnte.

Bettina hielt den Austausch am Leben: „Und warum machst du das?“ Ja, genau, das war doch mal eine gute Frage… „Warum?! – Weil ich dann beim Ausräumen alle Löffel, Messer und Gabeln mit einer Handbewegung direkt einsortieren kann!“

„Das hat man davon, wenn man Beamte Kinder machen lässt!“ dachte ich für mich. Jedenfalls dachte ich, dass ich es nur für mich gedacht hatte. Aber aufgrund der versammelten Blicke, die mich trafen, hatte ich es wohl laut genug für alle Beteiligten gedacht. Mit einem lauten Bums platzte die Brötchentüte vor Chris‘ Gesicht.

Dabei lag ich mit meiner Unterstellung vollkommen verkehrt. Denn Manuels Vater war kein Beamter. Er war sogar ein erstaunlich entspannter und lustiger Typ, den ich kurz bei Manuels Einzug kennengelernt hatte. Er entsprach also eher dem Gegenteil des Beamtenklischees und auch des Verhaltens seines Sohnes Manuel. – Aber mit meiner Fehlinterpretation saß ich einfach einem übergeordneten Irrtum auf. Schließlich hatten es die 68er ja schrecklich einfach gehabt. Was waren das für herrliche Bedingungen gewesen! Die gesellschaftlichen Verhältnisse konnten gar nicht geeigneter sein, um mit Krach und Getöse gegen das Spießertum anzugehen. Was war das für eine Vorlage für junge, ambitionierte Steinewerfer. Man muss einfach von einer extrem putschfreundlichen Gesamtsituation sprechen.

Aber wie sollte man sich gegenüber Revolutionären verhalten? Was machte man, wenn die Revolution schon gelutscht und Laios schon ermordet worden war? Die Generation nach der Revolution war dahingehend die tote Generation. Denn alle Brandsätze waren geschmissen, alle Molotowcocktails geraucht und alle Sitzblockaden längst abgesessen. Schließlich konnte man nur stehende Mauern umschubsen! Aber was passierte danach…?

Danach wurde gegen die Rebellion rebelliert! Was blieb unserem armen Manuel anderes übrig? Er sehnte sich nach Disziplin und Ordnung. Das war sein persönlicher Vatermord!

Währenddessen hatten sich die Blicke Chris zugewendet, der sichtlich geschockt auf die Reste seiner geplatzten Brötchentüte starrte. Er zitterte sogar regelrecht. Und dann warf er Manuel einen so finsteren Blick zu, wie ich es noch nie von ihm gesehen hatte: „Du verschissener Besteck-Nazi! Ist dir klar, dass mir deinetwegen fast die Fresse explodiert wäre?! – Wegen so einem Scheiß!“

Schöner Einwand! So kann man auch mal ganz sauber und sachlich ein überflüssiges Thema beenden!

Bächarschmand

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Bächarschmand

Nahe unserer WG gab es einen kleinen türkischen Laden, bei dem man neben dem obligatorischen Döner auch andere Lebensmittel kaufen konnte. Er hatte, schon bevor jeder Supermarkt seine Tore bis weit in die Abendstunden geöffnet hatte, sehr verbraucherfreundliche Öffnungszeiten, ihm waren christliche Feiertage schnuppe und zudem offerierte er Bier. Ein (schnörkelloses aber völlig) überzeugendes Gesamtkonzept, wie ich noch heute finde.
        Wir besaßen in unserer WG ein praktisches plastisches Biertragerl, in das 6 Bier hinein passten, mit dem wir abends mal eben in Hausschuhen Bier holen konnten. Okay, zugegeben, keiner von uns besaß wirkliche Hausschuhe, es soll hier aber trotzdem als Metapher dafür herhalten, wie unmittelbar wir uns diesen oft recht aufdringlichen Bierwunsch erfüllen konnten.
        Es war Sonntagabend. Es bestand akuter bierbedingter Handlungsbedarf und ich war an der Reihe. Ich quengelte nicht rum, argumentierte nicht und suchte niemanden, der noch dringender mit dem Bierholen an der Reihe hätte sein können. Denn es waren nur hundert Meter, es regnete nicht, ich war durstig und wollte ohnehin eine rauchen. Das Bierholen kam fast einer Belohnung gleich. Und – das kann ich jetzt schon verraten – auch ich wurde für das Bierholen belohnt. Denn wenn ich nicht gegangen wäre, hätte ich folgendes Ereignis nie erlebt:
        Unmittelbar vor dem Eckladen tauchte aus der anderen Richtung eine Frau auf, die gleichzeitig mit mir das Geschäft erreichte. Ich ließ ihr den Vortritt und folgte ihr. Während ich meinen Sechserträger mit Bier auffüllte, bestellte sie an der Bedienungstheke beim türkischen Ladenbesitzer. Als ich mich zum Zahlen dazugesellte, ließ sie gerade den Satz fallen, der mein Leben verändern sollte: „Ich hätte gern ein’ Becher Schmand.“ Okay, das klingt vermutlich erst einmal recht unspektakulär. Aber geben Sie dem Leben eine Chance!
Denn während die Frau auf ihren Schmand wartete, kniffen sich die Augen der Bedienung zusammen und ein deutlich erkennbares Fragezeichen in der Längsfalte zwischen den Augenbrauen tauchte auf: „Bächarschmaaahnd?“ Dieses Wort muss man sich lautmalerisch und mit mindestens zwei bis drei Fragezeichen sowie türkischen Akzent vorstellen „Bächarschmaaahnd??“ Versuchen Sie es selbst einmal! „Bächarschmaaahnd??“
Was völlig klar war, der Frau neben mir jedoch nicht: der Türke hatte natürlich keinen blassen Schimmer, was um alles in der Welt Bächarschmaaahnd sein sollte, drum wiederholte er so genau, wie es ihm möglich war: „Bächarschmaaahnd…??“ Die Frau lächelte und antwortete darauf völlig empathiefrei: „Ja, ein’ Becher Schmand!“ – Und wie durch ein Wurmloch zwanzig Sekunden zurückgeworfen, wiederholten sich das Zusammenkneifen der Augen, der Faltenwurf der Stirn und die verständnislose Rückfrage: „Bächarschmaaahnd??“ Und man konnte förmlich sehen, wie dieses Bächarschmand-Wortungetüm im Gehirn Stück für Stück in alle Einzelteile auseinandergenommen wurde und doch nicht sinngebend zusammengesetzt werden konnte und zwar mit dem deutlichen und weithin sichtbaren Resultat: Was um alles in der Welt ist Bächarschmand? – Aber die Frau erkannte nichts und nickte erneut: „Ja bitte!“
        Dankbar diesem fein inszenierten Schauspiel beiwohnen zu dürfen, übernahm ich die nun mir zustehende Rolle und deutete in Zeitlupe mit dem Zeigefinger in die Glasvitrine auf einen ebensolchen Becher und sprach genüsslich dieses herrliche deutsche Wort aus: „Da, Schmand!“ – Die Augen des Türken weiteten sich, drohten beinahe vor Freude aus ihren Augenhöhlen zu hüpfen. Er griff in die Vitrine, nahm diesen Becher heraus, hielt ihn glücklich in seinen Händen und las mit einem Kaiserlächeln im Gesicht vor, was darauf stand: „Aaah! – Schmaaahnd!“
In diesem Augenblick erschien mir Gott. Denn ich war dabei gewesen und hatte diese Situation miterleben dürfen! Dankbar ging ich nach Hause. Ich hatte mir das strahlende Lächeln des Türken geliehen und sprach dieses zauberhafte deutsche Kleinod mit türkischem Akzent und Falte zwischen den Augenbrauen vor mich hin: „Bächarschmaaahnd?? – Aaah! Schmaaahnd!“
Ich würde mir wünschen, dass auch Sie, wenn Sie das nächste Mal im Supermarkt Schmand einkaufen, ein breites Lächeln aufsetzen, Ihre Stirn in Falten werfen und halblaut für sich selbst sagen „Bächarschmaaahnd??“. Probieren Sie es auch dann aus, wenn Sie gar keinen Schmand kaufen wollen, selbst bei Schmandallergie. Schnappen Sie sich einen Becher und tun Sie es! Ja, trauen Sie sich! Sie müssen es ja nicht sooft und so laut sagen, dass Sie gleich eingeliefert werden!
„Bächarschmaaahnd??“

Klobuerste

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Der Tag, an dem mir beinahe der Kopf abgerissen wurde

Oder einfach: Die neue Klobürste!

Während meines Studiums wohnte ich eine Zeitlang in einer 7er-WG, was man sich wie das Leben in einer sonstigen WG vorstellen kann – nur schlimmer! Schlimmer durchaus auch im positiven Sinne. Denn es war immer etwas los. Irgendjemand hatte immer gerade etwas zu feiern, um Anlässe waren wir nie verlegen: Geburtstage, Besuche, bestandene Prüfungen, nicht bestandene Prüfungen, Semesterende, Semesteranfang, sogar christliche Feiertage wurden schamlos missbraucht… was auch immer!

Aber er war besonders im negativen Sinne schlimmer, weil es kaum bessere Gründe gibt, sich erfolgreich in die Haare zu geraten, als zusammenzuwohnen. Unterschiedlichste Interessen, (Ess-) Gewohnheiten, Hygienevorstellungen (, was oft auf dasselbe heraus­kommt), Haarlängen, (Musiklautstärken, Nachtaktivitätsgrade,) Urinierverhalten, ja gar Geschlechter prallen mitunter recht schwungvoll aufeinander. – Die charakteristische Diversität oder Artenvielfalt einer WG machen ihren Reiz, aber auch ihre Reibung aus. Penibel, pragmatisch, pubertär, gleichgültig, herrschsüchtig, zickig, beschwichtigend, provozierend, (stutenbissig) oder gar erzieherisch… Ein Molotovcocktail der Gefühle!

Die Sprengkraft dieser bunten Mischung steigt mit der Bewohnerzahl n, was ein mathematisches Phänomen ist, wie mir einer meiner Mitbewohner, ein Mathematikstudent, (einmal) vorgerechnet hatte. Allerdings steige diese Sprengkraft nicht unendlich, sondern sie kippe ab einer gewisse Zahl wieder ab. Er begründete dies so, dass die der Reibung zur Verfügung stehende Oberfläche einer jeden Person begrenzt sei. Das heißt, dass bei „n“ gleich 7 eine gewisse Sättigung eintrete und die anstehenden Konflikte nicht mehr optimal emotional ausgelebt werden könnten. Und damit sinke der PPSKK, der potenzielle Personensprengkraftkoeffizient. Aber genug dazu! Sollen sich damit unterbeschäftigte Mathematik-Nerds auseinandersetzen…!

Kommen wir zu dem Tag, an dem ich die potenzielle Sprengkraft unserer WG testete – mit maximalem Erfolg. Meine gute Tat des Tages war es gewesen, eine neue Klobürste für die WG zu besorgen. Unsere alte war – gelinde gesagt – ziemlich benutzt. – Als ich meinen Kauf im Klo austauschte, bemerkte ich, dass es sich bei der neuen und der alten um sehr ähnliche, kaum zu unterscheidende Modelle handelte. Und in diesem Moment ritt mich das Teufelchen! Eine kleine, aber gemeine Idee durchzuckte mein Gehirn und verlangte nach sofortiger Umsetzung, bevor irgendwelche Konsequenzen oder gar mögliche Personensprengkraftkoeffizienten ermittelt werden konnten.

Noch bevor mich ein Mitbewohner mit der neuen Bürste gesehen hatte, war ich in der Küche, hatte die Spülmaschine geöffnet, die neue Bürste im Geschirr platziert, die Maschine wieder geschlossen und den Spülvorgang gestartet. Pfeifend verließ ich die Wohnung und machte mich auf den Weg in die Uni.

Als ich abends nach Hause kam, brannte die Hütte! Die WG war vollzählig um den Küchentisch versammelt. Meine fröhliche Begrüßung löste eine neue Eiszeit aus, was in Zeiten der Klimaerwärmung womöglich eine metaphorische Fehlbesetzung ist. Aber jegliche Mimik um den Tisch war eingefroren. Nicht einmal Chris, dem eigentlich gar nichts zu peinlich oder zu dumm war und der immer unpassende Kommentare unters Volk streute, zuckte nicht mit dem Mundwinkel. – „He! Was ist los? Hat die Mensa die Preise erhöht?!“ Ein anderer Ausdruck für: „Ein plötzlicher Todesfall…?!“ – Als Antwort hielt mir die ohnehin etwas spaßfreie Miriam die Klobürste unter die Nase: „Sagt dir das etwas…?!“ – „Kann sie denn sprechen?“ – Chris rutschte aus Versehen ein Kichern heraus, wurde aber durch einen Blick der Kategorie „Ja zur Todesstrafe!“ zum Schweigen gebracht. Auch Manuel machte keinen amüsierten Eindruck: „Das hier ist echt nicht witzig!“ – „Was ist nicht witzig?“ – Miriam wedelte mit der Klobürste. „Das hier! Die war in der Spülmaschine!“ – „Ach!“ – Frostiges, tötendes Schweigen schlug mir entgegen! Spaßbereitschaft sah definitiv anders aus! Offensichtlich hatten schon alle anderen WG-Bewohner glaubhaft eidesstattliche Versicherungen abgegeben, nichts mit dieser Klobürstennummer zu tun zu haben. – Da blieb wohl nur noch ich übrig!

Ich schnüffelte an der Klobürste, die sich noch immer direkt vor meiner Nase befand: „Naja! Zumindest ist sie jetzt mal wieder richtig sauber!“ – Eines der heutzutage selten eintretenden Wunder sorgte dafür, dass meine Mitbewohnerin Miriam in diesem Moment nicht platzte, obwohl alle physikalischen Anzeichen daraufhin deuteten. „Du… du… du… du bist echt das Letzte!“ stammelte Miriam schließlich kaum hörbar hervor. Ehrlich gesagt, ich genoss dieses absurde Szenario. Es handelte sich um eine sogenannte „Fun-Omega-Situation“, die gerne mit „Schluss mit lustig“ übersetzt wird und ich besaß den Schlüssel, um die Hintertür (aus) dieser ausweglosen Lage zu öffnen.

Nachdem ich mich also wirklich gründlich versichert hatte, dass es sich bei unserer Küche um eine garantiert 100% humorbereinigte Zone handelte, versuchte ich mich auf einem fremdem Terrain: der Deeskalation! – Ich verzichtete auf Humor und gestand, jawohl, die Bürste in die Spülmaschine gesteckt zu haben und fügte, ganz ohne dramatische Pause, hinzu, dass es sich dabei aber um eine neue Klobürste handele und ausdrücklich nicht um unsere alte! – Weiterhin eisiges Schweigen. In den Blicken meiner WG-Genossen war keinerlei Erleichterung zu spüren, kein Aufatmen, kein Auflösen der Spannung!

Man glaubte mir nicht! – Miriam sprach den Gedanken aller aus: „Sicher!“ – Auch ein bekräftigendes „Ja, ehrlich!“ konnte die Geschworenen nicht überzeugen! Ich war ein ekliges, dummes Schwein, das die versiffte, Scheißetriefende Klobürste mit dem übrigen Geschirr in die Spülmaschine gesteckt hatte. – Ich war überführt, verurteilt und musste nur noch meine gerechte Strafe über mich ergehen lassen: die Entziehung sämtlicher Menschenrechte war vermutlich nur der harmlose Teil davon!

Meine politische Erkenntnis daraus war, dass demokratische Prozesse innerhalb einer WG recht schnell zu einer Abschaffung der Gewaltentrennung und vermutlich im nächsten Schritt zur Todesstrafe führen. Was in meinen Augen eindrucksvoll beweist, dass Demokratie eine weitestgehend überschätzte Angelegenheit ist.

Ihr glaubt mir nicht?“ – Blicke sagen mehr als Worte. „Ähm, was ist mit der Unschuldsvermutung?“ – „Pah!“ machte ausgerechnet Manuel, unser wertekonservativer Jurastudent, und ich machte mir eine gedankliche Fußnote, mal ein klärendes Gespräch mit seinem Juraprof zu führen.

Bettina, die bisher noch nichts gesagt hatte, räusperte sich: „Okay! Wenn das hier eine neue Klobürste ist, wo ist dann die alte? Auf dem Klo ist sie nämlich nicht…“ – Bettina musste sich einige missbilligende Seitenblicke gefallen lassen. „Naja, die alte habe ich weggeschmissen!“ – „Soso!“ Miriam natürlich: „Weggeschmissen…!“ – „Ja, weggeschmissen! Ich weiß nicht, ob du sie dir gewöhnlich einrahmst…? Aber ich werde sie, um euch alle zu beruhigen, wieder aus dem Müll holen! Und zwar jetzt gleich, bevor es zu selbstjustiziablen Übergriffen kommt.“ Ich nickte in die Runde und machte mich auf den Weg zu den Mülltonnen, wurde aber von Manuel gestoppt. „Keine Tricks!“ raunte er mir zu. – „Was…?!“ Ich verstand nicht ganz, worauf er hinauswollte. „Keine Tricks!“ – Was guckte der denn für Filme? Damit sollte er dringend aufhören. Ich wiederholte für Manuel langsam und deutlich: „Ich gehe jetzt runter und hole die Klobürste aus dem Müll!“ – „Gut, und ich komme mit!“ – Auf diese Weise lernte man seine Mitbewohner mal von einer ganz anderen Seite kennen. Manuel begleitete mich also auf meinem Weg zu den Mülltonnen und ich konnte es mir dieses Mal nicht nehmen lassen, ihn noch ein wenig vorzuführen. Ich sah also zuerst in der falschen Mülltonne nach und begann, begleitet von einigen nervösen „Das gibt’s doch gar nicht!“, in ihr zunehmend hektisch herumzuwühlen. Nachdem Manuel mein merkwürdiges Treiben einige Momente beobachtet hatte, erhob er hämisch seine Nase: „Na…?! – Ist sie nicht mehr da? – Wahrscheinlich geklaut worden, was?!“ – „Äh, ja, äh, vielleicht hat sie jemand, äh, in die andere Mülltonne getan…!“ – „Sicher! Schwer davon auszugehen! – Warte, ich schau mal für dich nach!“ – Herrlich!

Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie Manuel die Kontrolle über seine Gesichtsmuskulatur verlor, als er die Klappe der Mülltonne öffnete und gleichzeitig seine eigene zu Boden fiel. Denn dort war sie! Die alte, versiffte Klobürste! „Wie wär’s jetzt mit einem kleinen Lächeln?“ – „Du Arsch!“ – Naja, oder so! Ich klopfte ihm auf die Schulter: „Ich geh dann mal wieder hoch. Magst du die Bürste mit hochnehmen? Ich glaub, Miriam wollte sie sich noch einrahmen!“

Haben solche Geschichten nicht immer eine Moral? Ich glaube, ich habe gelernt, mich nicht mehr ausschließlich den Ideen meines Teufelchens hinzugeben, zumindest nicht völlig unreflektiert. Des Weiteren, erkenntnistheoretisch, eignet sich, meines Erachtens, dieses Klobürstenexperiment ausgezeichnet dafür, um die Mitbewohner einer WG besser kennenzulernen, auch was demokratische Prozesse angeht. Man sollte sich dabei bewusst sein, dass Experimente scheitern können. Aber dieses Scheitern kann schließlich auch als Chance betrachtet werden.

Die konkreten Folgen für unsere WG waren, dass kurze Zeit später Manuel und Miriam ausgezogen sind. Die beiden sind übrigens seitdem zusammen und ich weiß bis heute nicht, wen von beiden ich dafür beglückwünschen muss.

Von allen übrigen Beteiligten wird inzwischen herzlich über diese Geschichte gelacht. Und Chris nimmt seither auf jede WG-Party, auf die er geht, in seinem Rucksack eine neue Klobürste mit und warte auf den unbeobachteten Moment, sie in der Spülmaschine zu verstecken, was zur Folge hat, dass er sehr lange auf den Partys bleiben und dort viel trinken muss, da es auf WG-Partys kaum unbeobachtete Momente in einer Küche gibt, da sich dort, bekanntlich, immer die meisten Menschen aufhalten.

Na, und wenn Euch mal langweilig in Eurer WG ist, wisst Ihr jetzt ja, was zu tun ist!