Vorsicht wilde Tiere

Gepostet am

Vorsicht wilde Tiere
„Pass auf, wenn du in Australien bist!“ Jaja, denkt mein Traveller-Ich, was soll schon passieren, das gerade knapp zwei Monate in Neuseeland unterwegs war, während mein Kindheits-Ich eine frische Unterhose verlangt. Neuseeland ist an Harmlosigkeit natürlich nicht zu überbieten. Das färbt auch massiv aufs Personal ab. Denn diese Neuseeländer sind so extrem freundlich und hilfsbereit, wie man es vielleicht nur in einem völlig ungefährlichen Land sein kann (vergessen wir mal Vulkane, Erdbeben und Orks. Das würde die Erzählung unnötig beschädigen).
Aber nun Australien. Hier herrscht natürlich eine ganz andere Athletik! Die erste Gefahrenstelle habe ich bereits unversehrt gemeistert. Ich war am Bondi Beacht und habe artig mit den Wellen gespielt oder die Wellen mit mir spielen lassen. Dort gab es kürzlich eine tödliche Bull Shark-Attacke auf einen 12jährigen Surfer. Das ist dann schon eine ganz schön reale Bedrohungslage. Ins Outback komme ich zumindest in diesem Sabbatjahr nicht mehr. Die Gefahr, sich eine giftige Schlange einzufangen, ist daher gering. Und so hatte ich für meinen Ausflug in die Blue Mountains (zwei Zugstunden von Sydney) ebenfalls mit einer geringen Gefährdungslage gerechnet. So kann man sich irren!
Nach meiner Wanderung rund um die berühmten „Three Sisters“ entdecke ich bei meiner Kaffeepause, dass an meiner rechten Socke ein schleimiges, nacktschneckenartiges Vieh hängt. Ihhh! Ich zupfe es ab, was gar nicht so einfach ist. Es stellt sich heraus, es war gar nicht an meiner Socke interessiert, sondern an meinem Blut. Denn inzwischen hatte es sich durch die Socke fest in meiner Ferse verschraubt.
Ich lerne, Landblutegel haben in ihrem Speichel ein betäubendes Serum – ähnlich dem Großmaulpinguin (sorry, der musste sein!), sodass ihr blutsaugendes Wirken oft unbemerkt bleibt. Raffinierte kleine Bastarde! Vielleicht fühlte ich mich auch deshalb so schlapp nach meiner Wanderung und es liegt gar nicht an meiner schlechten Kondition…
Ich betrachte meine Wunde, aus der es blutet, und lerne weiter: Zudem befindet sich im Speichel des Ekels/Egels Hirudin, das die Blutgerinnung hemmt. Ich denke mir, das würde es in Deutschland nicht geben. Das ist doch verschreibungspflichtig und wie sollen Blutegel an das Zeug rankommen? Andererseits kenn ich mich mit dem Darknet nicht wirklich aus und mit den unappetitlichen Interessen von Big Pharma schon mal gar nicht…
Im Kiosk/Café frage ich nach einem Pflaster. Ein alter Aussie betritt die Bühne und fragt, als er mich auf einem Bein herumhüpfen sieht nach meiner Verletzung. Ich erkläre es ihm, worauf ihm ein „Ohhh bloody leeches!“ entfleucht. „You should burn them!“ Tatsächlich ist das sein educated advice: Feuerzeug dranhalten, dann lässt das Viech von selber los. Das sei besser, als es mit Gewalt abzuziehen! Sein Gesicht verrät, er hat viel gesehen und erlebt, sehr viel! Zudem ist er Australier. Hier gibt es Schlangen, Spinnen, Haie, Salzwasserkrokodile, Kängurus, Koalas und Pferde! (Fun Fact: das tödlichste dieser Tiere ist das Pferd. Mit jährlich 5-10 Todesfällen die Nummer 1 in Australien! (Natürlich auf Grundlage, was chatgpt für facts und ich für funny halte))
Also glaube ich ihm und seiner Expertise, ohne es zu überprüfen. Ist bestimmt ein uralter Aboriginal Trick!. Ich werde mir also ein Feuerzeug besorgen und dann heißt: „Burn in hell, you bloodsucking bastards!“

ÖPNV – wir müssen reden!

Gepostet am

Ich bin gestern in Sydney gelandet (yay!) und möchte zu meinem Hostel. Bus und Bahn helfen mir dabei, ist ja klar. Sydney hat eine Bevölkerung von fünf Millionen, da sollte so ein ÖPNV schon etwas können.
Ich habe genau Null australische Dollar in der Tasche, laufe aber trotzdem direkt zur U-Bahn-Station, halte mein Handy ans Lesegerät, die Tore des kleines Gates vor mir flappen auseinander und ich gehe zu meinem Gleis. Die Bahn fährt mich in die City und dort checke ich beim Aussteigen mit dem Handy wieder aus. Fertig! Kein Tarifdschungel. Keine langen, verzweifelten Gesichter am Fahrkartenautomaten.
Frage: Warum kann es etwas, das so einfach ist, nicht auch in Deutschland geben? Warum?! Warum ist das nicht möglich? Verstößt das gegen die irgendwelche Grundrechte? Laufen die Leasing-Verträge mit der Automaten-Maffia aus Jens Spahns Wahlkreis unbefristet? Gibt es noch eine verbindliche Münzpflicht aus dem 9. Jahrhundert, für deren Abschaffung eine Zweidrittelmehrheit im Bundesrat benötigt würde und die FDP stellt sich quer (Spaß!)? Es darf doch gerne jede:r zu Hause das Sparschwein weiterhin mit Münzen vollstopfen, ich mische mich da nicht ein. Aber darf der Rest von uns einfach mal weitermachen? Hallo, Deutschland, aufwachen! Mal das verlötete Faxgerät im Hirn abklemmen und von anderen Ländern lernen!
Es kann ja sein, dass es nicht nötig ist, in Deutschland Elektroautos herzustellen (darauf können sich Konservative und Automobilindustsrie ja meinetwegen einigen. Liebe Grüße von Nokia!). Aber können wir in anderen Bereichen nicht einfach mal genau so klug oder weit sein wie andere? In Neuseeland, in Hongkong und in anderen EU-Länder funktioniert das doch auch.
Und ich höre die „Ja, Abers“ von konservativen Bedenkenträger:innen, die die Vergangenheit verteidigen, als gäbe es kein Morgen. Wir haben ein Recht auf lange Gesichter und Momente des unkontrollierten Fluchens vor Fahrkartenautomaten. Das ist unser Kulturgut. Außerdem können wir dort Leute von auswärts belehren. Herrlich!

Ich fordere eine Entsorgungspflicht für gestrige Politiker:innen! Schmeißt sie in ein schönes, wohltemperiertes Abklingbecken und lasst uns mal die Zukunft annehmen. Die ist nämlich 1. gar nicht so schlimm und 2. in anderen Ländern längst Gegenwart!
Ich könnte mich ja noch weiter aufregen. Aber da kommt gerade mein nächster ÖPNV: eine Fähre, die mich für 1A$ (0,6€) zum Circular Quay bringt, also genau ins Herz von Sydney. Nice!

Scheißhaus mit Aussicht

Gepostet am

Scheißhaus mit Aussicht
Schon seit Jahren hängt bei mir zu Hause auf der Toilette der Kalender „die schönsten Pinkelpausen Norwegens“ von meiner Schwester – zu Recht. Denn er hängt dort nicht nur sehr passend, sondern ist zudem künstlerisch sehr schön (Symbolbilder unten!).
Bei meiner Reise durch Neuseeland und bei meinen zahlreichen Wanderungen ist mir aufgefallen, dass das DOC (Departement of Conservation) sehr darauf bedacht ist, dass der Tourismus möglichst naturschonend abläuft. Und deshalb gibt es quasi überall öffentliche Toiletten, das bedeutet auch an fast allen Parkplätzen, an denen Wanderwege beginnen, aber auch auf den Wanderwegen selbst, zum Teil im Gebirge, zum Teil mit geiler Aussicht.
Und so entstand die Fotosammlung „Scheißhaus mit Aussicht!“ Schauen wir mal, ob es für einen gleichnamigen Kalender für 2027 reicht. Bestellungen werden jederzeit angenommen. Weihnachten ist ja auch nicht mehr weit und wie beruhigend ist es denn, wenn man schon jetzt einen Haken bei „Geschwister-Geschenk“ setzen kann. Danach schaut man viel befreiter ins Restjahr!

aus die „die schönsten Pinkelpausen Norwegens“ (das Original, Jahrgang unbekannt, Künstlerin Vera_Bing)
Monat Mai (glaube ich)

Hier eine Auswahl oder: So könnte Euer Kalender 2027 aussehen „Scheißhaus mit Aussicht – die Neuseeland-Edition“

Reisen ohne Netz und GoogleMaps

Gepostet am


Wir werden nach einer knapp dreistündigen Autofahrt von Ohakune mit unseren Kanus am Whanganui River abgesetzt. Unser Guide hat ein Satellitentelefon, ansonsten heißt es: kein Netz für die nächsten drei Tage. Auch mal schön. Denn, wenn’s sein muss, geht’s erstaunlich gut. Aber freiwilliger Entzug…? Fast noch eindrucksvoller zeigt unsere Abgeschiedenheit dieser Fakt: Wir sind auf 90 km auf dem Whanganui nicht unter einer einzigen Brücke durchgepaddelt! Links und rechts ist einfach Null Zivilisation, nur Natur!
Wäre ich bescheuert, würde ich von drei Tagen „digital detoxing“ sprechen und voller Stolz einen Blog drüber schreiben. Aber es ist in der Tat schon krass, wie sich der immense Medienkonsum (meiner!) „normalisiert“ hat. Dabei haben wir (meine Altersklasse/ mein Baujahr (selbstironisches Zwinkersmiley)) es ja noch ganz anders gelernt. Aber auch mein „Normal“ hat sich voll verschoben und ich meine das gar nicht moralisierend. Ich fand die drei Tage gut und mir hat nichts gefehlt außer das Ergebnis vom VfB. Aber für solche Notfälle haben wir ja das Satellitentelefon – Spaß!
Wie sehr ich abhängig bin, erlebe ich am Tag meiner Weiterfahrt. Wegen starker Niederschläge sind einige Straßen, so auch die Hauptstraße, die ich eigentlich nehmen wollte, gesperrt. Der Chef des Kanuverleihs empfiehlt mir eine Ausweichroute, die mir dann auch GoogleMaps anzeigt. Natürlich habe ich keine analoge Straßenkarte. Hallo! Ich habe ja GoogleMaps! Auf halber Strecke möchte mich Google nach links leiten. Aber dort blockiert ein Auto mit Blaulicht die Spur und erklärt mir, dass Google hier einen falschen Weg vorschlägt. Die Leute haben Blaulicht und reflektierende Warnwesten. Ich glaube ihnen. Die Frau sagt, es könnten noch „some branches“ auf der Straße liegen.
GoogleMaps berechnet eine neue Route und ich folge dem blauen Pfeil (määähh!). Was mich beunruhigt, die ganze Fahrt schon, wenn die Hauptstrecke gesperrt ist, warum bin ich ganz alleine auf der Umleitung? Müssten hier nicht Hunderte, zig oder zumindest ein anderes Auto unterwegs sein…? Nach zwei Kilometern liegt der erste Baum (!) auf der Straße (ahhh, branches!) und immer wieder auch Steine und Geröll. Ich fahre die kurvige Straße sehr vorsichtig weiter und komme an eine Kreuzung, die Google gar nicht kennt, zumindest nicht die Abzweigung nach links. Ich wundere mich kurz und folge dem blauen Pfeil nach rechts – für einen Kilometer. Die asphaltierte Straße hört auf, rechts liegt ein einzelnes, matschiges Gehöft und geradeaus führt eine schmale Gravelpiste weiter. Ich halte. Überlege. Fluche. Beides hilft wenig. Neben mir hält ein Auto mit einer desorientierten, chinesischen Familie. Offensichtlich haben wir das gleiche Problem: GoogleMaps!
Ich erinnere mich an mein Wundern. Wenn Google an der Kreuzung die Straße nicht kannte, dann konnte es mir ja auch nicht den Weg anzeigen. Was bleibt mir übrig? Ich fahre zurück zur Kreuzung und folge der Straße, während Google sucht und sucht und der blaue Pfeil durchs Nichts fährt. Irgendwie beunruhigend, obwohl die Straße frisch asphaltiert ist und durchaus seriös wirkt. Und nach wie vor bin ich der einzige auf der Straße. Eine nervöse Viertelstunde später finde ich mich auf der gesperrten Hauptstraße wieder. Die Richtung stimmt, noch immer Null Verkehr. Eine weitere Viertelstunde danach kommen mir erste Autos entgegen und GoogleMaps zeigt mir seinen blauen Pfeil. Der Sympathikus beruhigt sich, die Normalität ist wieder zurück. Ach, es ist doch entspannend, ein Schaf zu sein und einfach dem blauen Pfeil (ins Licht) zu folgen.

Nix los in Dargaville

Gepostet am Aktualisiert am

Da ich ja weder der ausgemachte Frühbucher noch überhaupt der Mega-Planer bin, kommt es regelmäßig (bis meistens) vor, dass ich erst am Vortag oder gar am gleichen Tag meine Unterkunft buche (Anm: Inzwischen bin ich mit einem normalen Auto unterwegs, da ich meinen kleinen Camper auf der Südinsel wieder abgegeben habe). Ich bin pragmatisch gealtert. Das heißt, ich schlafe nicht mehr im Dorm, aber ich brauche auch keine gestärkte Bettwäsche oder ein eigenes Bad. Und manchmal ist der Ort, an dem ich schlafe, auch einfach nur ein Ort, an dem ich schlafe, was hin und wieder auch ein verschlafener Ort ist. Ich bin zwar nicht in Palmerston North gelandet (liebe Grüße an D.). Aber ich habe es nach Dargaville geschafft. Der Name klingt spannender als der Ort. Aber das wäre quasi bei jedem Namen außer Langenweiler oder Boringville der Fall.
Vier von drei Restaurants haben geschlossen. Aber es ist ja auch Samstagabend 19 Uhr. Wer will da schon essen gehen…? Geöffnet haben eigentlich nur Take-Aways, was irgendwie bezeichnend ist, dass es selbst die Einheimischen hier nicht aushalten. Der Thai hat geöffnet. Hmmmmm! macht meine Erinnerung an zehn Wochen reisen und essen in Asien. Ahhh! denkt das Zukunfts-Ich, das weiß, dass ich bei meinen Rückflügen gerade einen Zwischenstopp in Thailand gebucht habe. Gemeinsam betreten Vergangenheits- und Zukunfts-Ich das Restaurant, um dort in der Gegenwart heftig enttäuscht zu werden. Tiefkühlgemüse in merkwürdig-süßem Curry. Dafür so heiß, dass ich mir die Zunge verbrenne. Aber was habe ich erwartet in Dargaville…?
Auf dem Nachhauseweg komme ich an einem Schaufenster vorbei, in dem ein lustiges Schild hängt: „The best thing about living in a small town is even when you don’t know what you are doing someone else does!“
Dargaville war einst Zentrum der Kauri-Holzindustrie. Hier im Hinterland wurden die majestätischen Kauriwälder abgeholzt und von Dargaville aus verschifft. „Einst“ bedeutet, bis ca. 1920, danach war der Job nämlich erledigt und bis auf kleine Reste die Kauriwälder verschwunden und Dargaville wieder in der Bedeutungslosigkeit. Na danke, Dargaville, ein Arschloch bist du also auch noch. Inzwischen werden hier hauptsächlich Süßkartoffeln angebaut und ich sehe, wie sich plötzlich Basti Schweinsteiger in meinen Blog einmischt und sagt: „Das ist doch nicht lustig!“ Und im Hintergrund rufen Werbegesichter: „Aber funny!“ und präsentieren viel zu gutgelaunt eine Chipstüte mit Funny-Süßkartoffel-Chips.
Ähh… wie bin ich darauf gekommen und wie komme ich da wieder raus…? Egal!

(ohne Worte)