ÖPNV – wir müssen reden!
Ich bin gestern in Sydney gelandet (yay!) und möchte zu meinem Hostel. Bus und Bahn helfen mir dabei, ist ja klar. Sydney hat eine Bevölkerung von fünf Millionen, da sollte so ein ÖPNV schon etwas können.
Ich habe genau Null australische Dollar in der Tasche, laufe aber trotzdem direkt zur U-Bahn-Station, halte mein Handy ans Lesegerät, die Tore des kleines Gates vor mir flappen auseinander und ich gehe zu meinem Gleis. Die Bahn fährt mich in die City und dort checke ich beim Aussteigen mit dem Handy wieder aus. Fertig! Kein Tarifdschungel. Keine langen, verzweifelten Gesichter am Fahrkartenautomaten.
Frage: Warum kann es etwas, das so einfach ist, nicht auch in Deutschland geben? Warum?! Warum ist das nicht möglich? Verstößt das gegen die irgendwelche Grundrechte? Laufen die Leasing-Verträge mit der Automaten-Maffia aus Jens Spahns Wahlkreis unbefristet? Gibt es noch eine verbindliche Münzpflicht aus dem 9. Jahrhundert, für deren Abschaffung eine Zweidrittelmehrheit im Bundesrat benötigt würde und die FDP stellt sich quer (Spaß!)? Es darf doch gerne jede:r zu Hause das Sparschwein weiterhin mit Münzen vollstopfen, ich mische mich da nicht ein. Aber darf der Rest von uns einfach mal weitermachen? Hallo, Deutschland, aufwachen! Mal das verlötete Faxgerät im Hirn abklemmen und von anderen Ländern lernen!
Es kann ja sein, dass es nicht nötig ist, in Deutschland Elektroautos herzustellen (darauf können sich Konservative und Automobilindustsrie ja meinetwegen einigen. Liebe Grüße von Nokia!). Aber können wir in anderen Bereichen nicht einfach mal genau so klug oder weit sein wie andere? In Neuseeland, in Hongkong und in anderen EU-Länder funktioniert das doch auch.
Und ich höre die „Ja, Abers“ von konservativen Bedenkenträger:innen, die die Vergangenheit verteidigen, als gäbe es kein Morgen. Wir haben ein Recht auf lange Gesichter und Momente des unkontrollierten Fluchens vor Fahrkartenautomaten. Das ist unser Kulturgut. Außerdem können wir dort Leute von auswärts belehren. Herrlich!
Ich fordere eine Entsorgungspflicht für gestrige Politiker:innen! Schmeißt sie in ein schönes, wohltemperiertes Abklingbecken und lasst uns mal die Zukunft annehmen. Die ist nämlich 1. gar nicht so schlimm und 2. in anderen Ländern längst Gegenwart!
Ich könnte mich ja noch weiter aufregen. Aber da kommt gerade mein nächster ÖPNV: eine Fähre, die mich für 1A$ (0,6€) zum Circular Quay bringt, also genau ins Herz von Sydney. Nice!








Scheißhaus mit Aussicht
Scheißhaus mit Aussicht
Schon seit Jahren hängt bei mir zu Hause auf der Toilette der Kalender „die schönsten Pinkelpausen Norwegens“ von meiner Schwester – zu Recht. Denn er hängt dort nicht nur sehr passend, sondern ist zudem künstlerisch sehr schön (Symbolbilder unten!).
Bei meiner Reise durch Neuseeland und bei meinen zahlreichen Wanderungen ist mir aufgefallen, dass das DOC (Departement of Conservation) sehr darauf bedacht ist, dass der Tourismus möglichst naturschonend abläuft. Und deshalb gibt es quasi überall öffentliche Toiletten, das bedeutet auch an fast allen Parkplätzen, an denen Wanderwege beginnen, aber auch auf den Wanderwegen selbst, zum Teil im Gebirge, zum Teil mit geiler Aussicht.
Und so entstand die Fotosammlung „Scheißhaus mit Aussicht!“ Schauen wir mal, ob es für einen gleichnamigen Kalender für 2027 reicht. Bestellungen werden jederzeit angenommen. Weihnachten ist ja auch nicht mehr weit und wie beruhigend ist es denn, wenn man schon jetzt einen Haken bei „Geschwister-Geschenk“ setzen kann. Danach schaut man viel befreiter ins Restjahr!


Hier eine Auswahl oder: So könnte Euer Kalender 2027 aussehen „Scheißhaus mit Aussicht – die Neuseeland-Edition“










Reisen ohne Netz und GoogleMaps
Wir werden nach einer knapp dreistündigen Autofahrt von Ohakune mit unseren Kanus am Whanganui River abgesetzt. Unser Guide hat ein Satellitentelefon, ansonsten heißt es: kein Netz für die nächsten drei Tage. Auch mal schön. Denn, wenn’s sein muss, geht’s erstaunlich gut. Aber freiwilliger Entzug…? Fast noch eindrucksvoller zeigt unsere Abgeschiedenheit dieser Fakt: Wir sind auf 90 km auf dem Whanganui nicht unter einer einzigen Brücke durchgepaddelt! Links und rechts ist einfach Null Zivilisation, nur Natur!
Wäre ich bescheuert, würde ich von drei Tagen „digital detoxing“ sprechen und voller Stolz einen Blog drüber schreiben. Aber es ist in der Tat schon krass, wie sich der immense Medienkonsum (meiner!) „normalisiert“ hat. Dabei haben wir (meine Altersklasse/ mein Baujahr (selbstironisches Zwinkersmiley)) es ja noch ganz anders gelernt. Aber auch mein „Normal“ hat sich voll verschoben und ich meine das gar nicht moralisierend. Ich fand die drei Tage gut und mir hat nichts gefehlt außer das Ergebnis vom VfB. Aber für solche Notfälle haben wir ja das Satellitentelefon – Spaß!
Wie sehr ich abhängig bin, erlebe ich am Tag meiner Weiterfahrt. Wegen starker Niederschläge sind einige Straßen, so auch die Hauptstraße, die ich eigentlich nehmen wollte, gesperrt. Der Chef des Kanuverleihs empfiehlt mir eine Ausweichroute, die mir dann auch GoogleMaps anzeigt. Natürlich habe ich keine analoge Straßenkarte. Hallo! Ich habe ja GoogleMaps! Auf halber Strecke möchte mich Google nach links leiten. Aber dort blockiert ein Auto mit Blaulicht die Spur und erklärt mir, dass Google hier einen falschen Weg vorschlägt. Die Leute haben Blaulicht und reflektierende Warnwesten. Ich glaube ihnen. Die Frau sagt, es könnten noch „some branches“ auf der Straße liegen.
GoogleMaps berechnet eine neue Route und ich folge dem blauen Pfeil (määähh!). Was mich beunruhigt, die ganze Fahrt schon, wenn die Hauptstrecke gesperrt ist, warum bin ich ganz alleine auf der Umleitung? Müssten hier nicht Hunderte, zig oder zumindest ein anderes Auto unterwegs sein…? Nach zwei Kilometern liegt der erste Baum (!) auf der Straße (ahhh, branches!) und immer wieder auch Steine und Geröll. Ich fahre die kurvige Straße sehr vorsichtig weiter und komme an eine Kreuzung, die Google gar nicht kennt, zumindest nicht die Abzweigung nach links. Ich wundere mich kurz und folge dem blauen Pfeil nach rechts – für einen Kilometer. Die asphaltierte Straße hört auf, rechts liegt ein einzelnes, matschiges Gehöft und geradeaus führt eine schmale Gravelpiste weiter. Ich halte. Überlege. Fluche. Beides hilft wenig. Neben mir hält ein Auto mit einer desorientierten, chinesischen Familie. Offensichtlich haben wir das gleiche Problem: GoogleMaps!
Ich erinnere mich an mein Wundern. Wenn Google an der Kreuzung die Straße nicht kannte, dann konnte es mir ja auch nicht den Weg anzeigen. Was bleibt mir übrig? Ich fahre zurück zur Kreuzung und folge der Straße, während Google sucht und sucht und der blaue Pfeil durchs Nichts fährt. Irgendwie beunruhigend, obwohl die Straße frisch asphaltiert ist und durchaus seriös wirkt. Und nach wie vor bin ich der einzige auf der Straße. Eine nervöse Viertelstunde später finde ich mich auf der gesperrten Hauptstraße wieder. Die Richtung stimmt, noch immer Null Verkehr. Eine weitere Viertelstunde danach kommen mir erste Autos entgegen und GoogleMaps zeigt mir seinen blauen Pfeil. Der Sympathikus beruhigt sich, die Normalität ist wieder zurück. Ach, es ist doch entspannend, ein Schaf zu sein und einfach dem blauen Pfeil (ins Licht) zu folgen.




Nix los in Dargaville
Da ich ja weder der ausgemachte Frühbucher noch überhaupt der Mega-Planer bin, kommt es regelmäßig (bis meistens) vor, dass ich erst am Vortag oder gar am gleichen Tag meine Unterkunft buche (Anm: Inzwischen bin ich mit einem normalen Auto unterwegs, da ich meinen kleinen Camper auf der Südinsel wieder abgegeben habe). Ich bin pragmatisch gealtert. Das heißt, ich schlafe nicht mehr im Dorm, aber ich brauche auch keine gestärkte Bettwäsche oder ein eigenes Bad. Und manchmal ist der Ort, an dem ich schlafe, auch einfach nur ein Ort, an dem ich schlafe, was hin und wieder auch ein verschlafener Ort ist. Ich bin zwar nicht in Palmerston North gelandet (liebe Grüße an D.). Aber ich habe es nach Dargaville geschafft. Der Name klingt spannender als der Ort. Aber das wäre quasi bei jedem Namen außer Langenweiler oder Boringville der Fall.
Vier von drei Restaurants haben geschlossen. Aber es ist ja auch Samstagabend 19 Uhr. Wer will da schon essen gehen…? Geöffnet haben eigentlich nur Take-Aways, was irgendwie bezeichnend ist, dass es selbst die Einheimischen hier nicht aushalten. Der Thai hat geöffnet. Hmmmmm! macht meine Erinnerung an zehn Wochen reisen und essen in Asien. Ahhh! denkt das Zukunfts-Ich, das weiß, dass ich bei meinen Rückflügen gerade einen Zwischenstopp in Thailand gebucht habe. Gemeinsam betreten Vergangenheits- und Zukunfts-Ich das Restaurant, um dort in der Gegenwart heftig enttäuscht zu werden. Tiefkühlgemüse in merkwürdig-süßem Curry. Dafür so heiß, dass ich mir die Zunge verbrenne. Aber was habe ich erwartet in Dargaville…?
Auf dem Nachhauseweg komme ich an einem Schaufenster vorbei, in dem ein lustiges Schild hängt: „The best thing about living in a small town is even when you don’t know what you are doing someone else does!“
Dargaville war einst Zentrum der Kauri-Holzindustrie. Hier im Hinterland wurden die majestätischen Kauriwälder abgeholzt und von Dargaville aus verschifft. „Einst“ bedeutet, bis ca. 1920, danach war der Job nämlich erledigt und bis auf kleine Reste die Kauriwälder verschwunden und Dargaville wieder in der Bedeutungslosigkeit. Na danke, Dargaville, ein Arschloch bist du also auch noch. Inzwischen werden hier hauptsächlich Süßkartoffeln angebaut und ich sehe, wie sich plötzlich Basti Schweinsteiger in meinen Blog einmischt und sagt: „Das ist doch nicht lustig!“ Und im Hintergrund rufen Werbegesichter: „Aber funny!“ und präsentieren viel zu gutgelaunt eine Chipstüte mit Funny-Süßkartoffel-Chips.
Ähh… wie bin ich darauf gekommen und wie komme ich da wieder raus…? Egal!





Fotosafari am Taranaki oder Zwischenstopp am Mount Fuji
Nach drei windigen, regnerischen Tagen auf dem wilden und wunderschönen Whanganui River fahre ich weiter zum Mount Taranaki. Neuseeland ist ein bisschen ein Angeber und geht mir auf den Sack mit seinen nicht enden wollenden Naturschönheiten. Verdammt, wie soll man sich da mal entspannen…?! Es geht einfach immer weiter! Puhh…! So anstrengend hatte ich mir das Ganze auch nicht vorgestellt.
Der Taranaki ist ein Lehrbuch-Schichtvulkan, perfekt, ebenmäßig, eine Wichsvorlage eines jeden Vulkanologen oder Vulkaniers. Und außerdem ist er so etwas wie das Bodydouble für den Mount Fuji auf Japan. So wurden große Teile des Films „The Last Samurai“ hier und nicht am echten Mount Fuji gedreht. Sogar ein japanisches Dorf wurde wurde dafür als Filmkulisse in einem Tal nachgebaut.
Und nun bin ich auf Fotosafari, auf der Suche nach dem richtigen guten Schuss für meine neue Fototapete. Der Wetterbericht verspricht mir ein paar sonnige Morgenstunden. Aber das Wetter kann sich an so einem Berg (2500m) schnell ändern und ab Mittag sind ohnehin schon wieder Wolken angesagt. Die Anfahrt zum Mount Taranaki ist schon einmal vielversprechend. Der erste Blick ist noch fast wolkenfrei. Vom Visitor Center aus mache ich mich auf den Weg in Richtung Gipfel. 600 Höhenmeter später entscheiden sich das innere Team und das Wetter (es ist hier auf 1500m inzwischen wolkig und sehr windig) nicht weiter hochzulaufen, sondern für eine gemütlichere Runde. Vom Gipfel ist längst nichts mehr zu sehen. Außerdem würde der eigentliche ernste Aufstieg (noch mal 1000 Höhenmeter) jetzt erst beginnen. Weise Entscheidung, Team!
Zudem habe ich noch eine Fotoidee in Hinterhand. Westlich vom Taranaki befindet sich ein Leuchtturm, von dem schon etliche Fotos existieren. Vielleicht gelingt ja auch mir ein besonderer Schuss. Ob sich die einstündige Autofahrt zum Cape Egmont Lighthouse gelohnt hatte, könnt Ihr ja mal für Euch bewerten. Mein inneres Team war heute zufrieden mit mir und wurde mit einem Bad in der North Taranaki Bight und zwei Bieren in der Shining Peak Brewery in New Plymouth belohnt.









