Reisen ohne Netz und GoogleMaps
Wir werden nach einer knapp dreistündigen Autofahrt von Ohakune mit unseren Kanus am Whanganui River abgesetzt. Unser Guide hat ein Satellitentelefon, ansonsten heißt es: kein Netz für die nächsten drei Tage. Auch mal schön. Denn, wenn’s sein muss, geht’s erstaunlich gut. Aber freiwilliger Entzug…? Fast noch eindrucksvoller zeigt unsere Abgeschiedenheit dieser Fakt: Wir sind auf 90 km auf dem Whanganui nicht unter einer einzigen Brücke durchgepaddelt! Links und rechts ist einfach Null Zivilisation, nur Natur!
Wäre ich bescheuert, würde ich von drei Tagen „digital detoxing“ sprechen und voller Stolz einen Blog drüber schreiben. Aber es ist in der Tat schon krass, wie sich der immense Medienkonsum (meiner!) „normalisiert“ hat. Dabei haben wir (meine Altersklasse/ mein Baujahr (selbstironisches Zwinkersmiley)) es ja noch ganz anders gelernt. Aber auch mein „Normal“ hat sich voll verschoben und ich meine das gar nicht moralisierend. Ich fand die drei Tage gut und mir hat nichts gefehlt außer das Ergebnis vom VfB. Aber für solche Notfälle haben wir ja das Satellitentelefon – Spaß!
Wie sehr ich abhängig bin, erlebe ich am Tag meiner Weiterfahrt. Wegen starker Niederschläge sind einige Straßen, so auch die Hauptstraße, die ich eigentlich nehmen wollte, gesperrt. Der Chef des Kanuverleihs empfiehlt mir eine Ausweichroute, die mir dann auch GoogleMaps anzeigt. Natürlich habe ich keine analoge Straßenkarte. Hallo! Ich habe ja GoogleMaps! Auf halber Strecke möchte mich Google nach links leiten. Aber dort blockiert ein Auto mit Blaulicht die Spur und erklärt mir, dass Google hier einen falschen Weg vorschlägt. Die Leute haben Blaulicht und reflektierende Warnwesten. Ich glaube ihnen. Die Frau sagt, es könnten noch „some branches“ auf der Straße liegen.
GoogleMaps berechnet eine neue Route und ich folge dem blauen Pfeil (määähh!). Was mich beunruhigt, die ganze Fahrt schon, wenn die Hauptstrecke gesperrt ist, warum bin ich ganz alleine auf der Umleitung? Müssten hier nicht Hunderte, zig oder zumindest ein anderes Auto unterwegs sein…? Nach zwei Kilometern liegt der erste Baum (!) auf der Straße (ahhh, branches!) und immer wieder auch Steine und Geröll. Ich fahre die kurvige Straße sehr vorsichtig weiter und komme an eine Kreuzung, die Google gar nicht kennt, zumindest nicht die Abzweigung nach links. Ich wundere mich kurz und folge dem blauen Pfeil nach rechts – für einen Kilometer. Die asphaltierte Straße hört auf, rechts liegt ein einzelnes, matschiges Gehöft und geradeaus führt eine schmale Gravelpiste weiter. Ich halte. Überlege. Fluche. Beides hilft wenig. Neben mir hält ein Auto mit einer desorientierten, chinesischen Familie. Offensichtlich haben wir das gleiche Problem: GoogleMaps!
Ich erinnere mich an mein Wundern. Wenn Google an der Kreuzung die Straße nicht kannte, dann konnte es mir ja auch nicht den Weg anzeigen. Was bleibt mir übrig? Ich fahre zurück zur Kreuzung und folge der Straße, während Google sucht und sucht und der blaue Pfeil durchs Nichts fährt. Irgendwie beunruhigend, obwohl die Straße frisch asphaltiert ist und durchaus seriös wirkt. Und nach wie vor bin ich der einzige auf der Straße. Eine nervöse Viertelstunde später finde ich mich auf der gesperrten Hauptstraße wieder. Die Richtung stimmt, noch immer Null Verkehr. Eine weitere Viertelstunde danach kommen mir erste Autos entgegen und GoogleMaps zeigt mir seinen blauen Pfeil. Der Sympathikus beruhigt sich, die Normalität ist wieder zurück. Ach, es ist doch entspannend, ein Schaf zu sein und einfach dem blauen Pfeil (ins Licht) zu folgen.




Nix los in Dargaville
Da ich ja weder der ausgemachte Frühbucher noch überhaupt der Mega-Planer bin, kommt es regelmäßig (bis meistens) vor, dass ich erst am Vortag oder gar am gleichen Tag meine Unterkunft buche (Anm: Inzwischen bin ich mit einem normalen Auto unterwegs, da ich meinen kleinen Camper auf der Südinsel wieder abgegeben habe). Ich bin pragmatisch gealtert. Das heißt, ich schlafe nicht mehr im Dorm, aber ich brauche auch keine gestärkte Bettwäsche oder ein eigenes Bad. Und manchmal ist der Ort, an dem ich schlafe, auch einfach nur ein Ort, an dem ich schlafe, was hin und wieder auch ein verschlafener Ort ist. Ich bin zwar nicht in Palmerston North gelandet (liebe Grüße an D.). Aber ich habe es nach Dargaville geschafft. Der Name klingt spannender als der Ort. Aber das wäre quasi bei jedem Namen außer Langenweiler oder Boringville der Fall.
Vier von drei Restaurants haben geschlossen. Aber es ist ja auch Samstagabend 19 Uhr. Wer will da schon essen gehen…? Geöffnet haben eigentlich nur Take-Aways, was irgendwie bezeichnend ist, dass es selbst die Einheimischen hier nicht aushalten. Der Thai hat geöffnet. Hmmmmm! macht meine Erinnerung an zehn Wochen reisen und essen in Asien. Ahhh! denkt das Zukunfts-Ich, das weiß, dass ich bei meinen Rückflügen gerade einen Zwischenstopp in Thailand gebucht habe. Gemeinsam betreten Vergangenheits- und Zukunfts-Ich das Restaurant, um dort in der Gegenwart heftig enttäuscht zu werden. Tiefkühlgemüse in merkwürdig-süßem Curry. Dafür so heiß, dass ich mir die Zunge verbrenne. Aber was habe ich erwartet in Dargaville…?
Auf dem Nachhauseweg komme ich an einem Schaufenster vorbei, in dem ein lustiges Schild hängt: „The best thing about living in a small town is even when you don’t know what you are doing someone else does!“
Dargaville war einst Zentrum der Kauri-Holzindustrie. Hier im Hinterland wurden die majestätischen Kauriwälder abgeholzt und von Dargaville aus verschifft. „Einst“ bedeutet, bis ca. 1920, danach war der Job nämlich erledigt und bis auf kleine Reste die Kauriwälder verschwunden und Dargaville wieder in der Bedeutungslosigkeit. Na danke, Dargaville, ein Arschloch bist du also auch noch. Inzwischen werden hier hauptsächlich Süßkartoffeln angebaut und ich sehe, wie sich plötzlich Basti Schweinsteiger in meinen Blog einmischt und sagt: „Das ist doch nicht lustig!“ Und im Hintergrund rufen Werbegesichter: „Aber funny!“ und präsentieren viel zu gutgelaunt eine Chipstüte mit Funny-Süßkartoffel-Chips.
Ähh… wie bin ich darauf gekommen und wie komme ich da wieder raus…? Egal!





Fotosafari am Taranaki oder Zwischenstopp am Mount Fuji
Nach drei windigen, regnerischen Tagen auf dem wilden und wunderschönen Whanganui River fahre ich weiter zum Mount Taranaki. Neuseeland ist ein bisschen ein Angeber und geht mir auf den Sack mit seinen nicht enden wollenden Naturschönheiten. Verdammt, wie soll man sich da mal entspannen…?! Es geht einfach immer weiter! Puhh…! So anstrengend hatte ich mir das Ganze auch nicht vorgestellt.
Der Taranaki ist ein Lehrbuch-Schichtvulkan, perfekt, ebenmäßig, eine Wichsvorlage eines jeden Vulkanologen oder Vulkaniers. Und außerdem ist er so etwas wie das Bodydouble für den Mount Fuji auf Japan. So wurden große Teile des Films „The Last Samurai“ hier und nicht am echten Mount Fuji gedreht. Sogar ein japanisches Dorf wurde wurde dafür als Filmkulisse in einem Tal nachgebaut.
Und nun bin ich auf Fotosafari, auf der Suche nach dem richtigen guten Schuss für meine neue Fototapete. Der Wetterbericht verspricht mir ein paar sonnige Morgenstunden. Aber das Wetter kann sich an so einem Berg (2500m) schnell ändern und ab Mittag sind ohnehin schon wieder Wolken angesagt. Die Anfahrt zum Mount Taranaki ist schon einmal vielversprechend. Der erste Blick ist noch fast wolkenfrei. Vom Visitor Center aus mache ich mich auf den Weg in Richtung Gipfel. 600 Höhenmeter später entscheiden sich das innere Team und das Wetter (es ist hier auf 1500m inzwischen wolkig und sehr windig) nicht weiter hochzulaufen, sondern für eine gemütlichere Runde. Vom Gipfel ist längst nichts mehr zu sehen. Außerdem würde der eigentliche ernste Aufstieg (noch mal 1000 Höhenmeter) jetzt erst beginnen. Weise Entscheidung, Team!
Zudem habe ich noch eine Fotoidee in Hinterhand. Westlich vom Taranaki befindet sich ein Leuchtturm, von dem schon etliche Fotos existieren. Vielleicht gelingt ja auch mir ein besonderer Schuss. Ob sich die einstündige Autofahrt zum Cape Egmont Lighthouse gelohnt hatte, könnt Ihr ja mal für Euch bewerten. Mein inneres Team war heute zufrieden mit mir und wurde mit einem Bad in der North Taranaki Bight und zwei Bieren in der Shining Peak Brewery in New Plymouth belohnt.










Now we talkin‘ wine, mate!
„It’s 1,06 miles to Martinborough, I got one bike, dirty clothes, it’s noon and I’m wearing sunglaces. Hit it!“
Martinborough ist ein kleines, verschnarchtes Städtchen in der Weinregion Wairarpa und weltbekannt (merkt Euch das, Bildungsbüger:innen) für seinen Pinot Noir. Um Martinborough herum liegen mehr als 20 Weingüter, die man bequem mit dem Rad ansteuern kann. Warum ich die Wäsche erwähne? Zum einen , weil ich keine Zigaretten haben, und zum anderen, Ihr wisst ja, dreckige Wäsche ist ein schmutziges, persönliches, oft unangenehmes Geschäft. Niemand redet drüber. Aber einer muss sich ja darum kümmern! Auch dafür stehe ich mit meinem Qualitäts-Reiseblog, für den ihr nichts als mit Eurer wertvollen Zeit bezahlen müsst. Ich bin quasi vom ÖRB. Alles schon mit Euren Zwangsgebühren bezahlt, ihr Schlafschafe! (Her mit Euren Hass-Kommentaren!)
Während ich auf meine Wäsche warte, teste ich das lokale Bier, die Brauerei hat leider noch geschlossen. Aber das „The Village Café“, in dem sich der „South Wairapa Rotary“ natürlich vom Fass an. Transparenz muss sein! Ich möchte keine Informationen zurückhalten. Auch das gebietet der moralische Kompass Eures Qualitäts-Blogs „tommiboe.com“, nur echt mit selbstironischem Twist, der aber stets der Weltenverbesserung, ja, -Rettung dienen möchte, so denn Chewbucca will oder wie auch immer der Troll von meinem Motorroller heißt…?
Ich schweife ab. Aber nun gut, wenn das nicht die Essenz dieses Blogs ist…! Vielleicht muss ich auch einfach zu lange auf die Wäsche warten, die ja auch noch getrocknet werden will und das erste Bier regt nicht nur die Fantasie an, sondern lässt auch die Nutzer noch in einem schreibfähigen Modus Operandi zurück. Was ees aber heute zu ändern gilt. Denn – huuh, lange Einführung – heute klappere ich (passt sehr zu meinem alten Rad) ein paar dieser Weingüter ab, um Weine zu probieren und, geben wir es ruhig zu, um Wein zu trinken! Und dahingehend kann ein Bier zur Einstimmung ja nicht schaden!
Da meine Waschmaschine nicht schleudern will, muss ich mithilfe des Tankwarts (Ja! Ihr dürft gerne nachfragen!) eine neue Runde drehen: die Wäsche in der Nachbarmaschine; ich mit dem Rad durchs Dorf. Habe dabei das sehr leckere „Tuatara Pils“ kennengelernt. Will das Schicksal mir sagen, bleib doch beim Bier…!?
Ein schräger Vogel zwitschert mir vom Straßenrand ein Kompliment zu meiner kolumbianischen (Wayuu) Strandtasche. Ich plädiere nicht auf Cat Calling und werde auf lustig-chaotisch-kreative Weise von meinem ersten Wein-Tasting abgehalten. Danke dafür!
Wenig später bin ich bei „Poppies“, mir werden für $15 (7,50€) 5-6 Weine vorgesetzt, die ich amtlich wegdegustiere. Danach gibt es sehr gutes Essen!
Danach, ich bin spät dran. „Zu viel Wäsche, zu wenig Wein!“ sagt der Volksmund, hurtig zum Moy Hall Vineyard. Dort wird bereits aufgestuhlt, aber der Manager in Charge Bas Muller (holländische Eltern) verabreicht mir ein individuelles Tasting im Stehen an der Theke, für lächerliche $10, mit sehr nettem persönlichen Smalltalk. Hinter mir wird schon gefegt. Also schnell weiter, es wird sportlich, zum Glück ist es nicht weit und ich erreiche „Tirohana Estate“, wo eine große getigerte Katze und die nächsten fünf Weine auf mich warten. Auch hier bin ich der einzige (letzte) Gast, um den sich sehr bemüht wird (10$). Ein letztes Vineyard hat noch geöffnet: „Haythornthwaite Wines“. Ich weiß nicht, ob ich bedürftig oder durstig aussehen. Aber die Gläser werden reichlich gefüllt und so fühle auch mich allmählich!
Ich radle unfallfreihändig zurück und übergebe lediglich das Rad, mehr nicht.
Während ich den Text niederschreibe, merke ich mir, was mir gefehlt hat. Es war so ein bisschen die Klugscheißerei und das kompetente Nicht-Fachgesimpel über Wein und die Welt, das man in geselliger Runde anstimmen könnte. Okay, ich versuche das auch schon, wenn ich alleine bin. Aber was will mein Kindheits-Ich schon Bedeutendes zum Thema Wein anmerken? Außerdem verstehe ich es ohnehin kaum, weil es so lallt. Verträgt halt nix!











Tschüss Südinsel!
Es ist Samstagmittag, mein letzter Tag in Christchurch auf der Südinsel. Habe heute nach vier Wochen meinen kleinen, treuen und mir liebgewonnenen Camper abgegeben. Hab im gleichen Restaurant wie genau vor einem Monat, an meinem ersten Tag in Neuseeland, wieder Ramen gegessen und dazu ein kleines IPA getrunken. Hmmm, das Ganze schmeckt lecker, aber auch sehr nach Abschied. Wehmut streift mich…
Ich schlendere durch den Riverside Market und tröste mich mit einem lecker „Lager Lager“ in der Sonne. Neben mich setzen sich drei Männer, die ihren Tag mit einem Espresso Martini starten. Es wird laut und viel gelacht. Ich will mich schon über zu viel gute Laune beschweren. Stattdessen kommen wir sehr nett ins Gespräch. Sie sind Anfang 40, kommen aus Wellington, waren gestern auf einem Festival und haben amtlich gefeiert. Nebenbei werden weitere Biere bestellt. Wenig später heißt es: Wir ziehen weiter! Und ich werde einfach, als wäre das völlig normal, eingeladen mitzukommen. Ich überlege eine gute halbe Sekunde und bin dabei! Wir leihen uns E-Scooter und flitzen durch die Stadt zur nächsten Bar. Es handelt sich um eine ehemalige Kirche, die standesgemäß zu einem Pub umgeschraubt wurde. Über der Theke hängen noch die Orgelpfeifen. Nice! Endlich mal ein vernünftiger Grund, wieder in die Kirche zu gehen. Könnten wir das Konzept vielleicht auch in Deutschland umsetzen?
Nach einer weiteren wilden Rollerfahrt landen wir in einer coolen sonnigen Rooftop-Bar und zum Abschluss fahren wir noch mit dem Auto (uiii!) zum Bruder des einen, wo noch ein bis zwei Absacker getrunken werden.
Als ich zurück in meinem Zimmer bin, packe ich halb fluchend (weil betrunken) und halb lächelnd (weil sehr betrunken) in einer wilden Aktion meinen Rucksack, damit ich das nicht morgen früh um 6 Uhr machen muss, wenn mein Taxi vor der Tür steht (ich muss ja den Zug von Christchurch nach Picton bekommen).
Tschüss, liebe Südinsel, war sehr schön mit dir und vielen Dank, liebe Kiwis, für Euer freundliches Assimilieren! Ihr habt mir einen wirklich großartigen Abschied geschenkt!





