Monat: Mai 2021

Über das Flugverhalten von Obst und Gemüse

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Über das Flugverhalten von Obst und Gemüse

Barum, Montag, 24. Mai. Meine Mama bringt mir Erdbeeren vom Obsthof mit. Ende Mai, Erdbeeren, kann man machen. Kann man meinen…

Sie sehen trügerisch nach Erdbeeren aus, wirken fast echt. Ich nehme die dunkelste aus dem Körbchen, schließe die Augen, beiße hinein und: Gurke!!! – Ich öffne enttäuscht die Augen und werfe die verbleibende Hälfte im hohen Bogen in den Garten. Fliegt aber okay! denke ich. Kann doch keine Gurke gewesen sein. Die haben kein gutes Flugverhalten. Die trudeln in der Luft.

Ich habe in den letzten Jahrzehnten dazugelernt. Da Gemüse, Obst und Früchte immer schwerer geschmacklich zu erkennen und zu unterscheiden sind (die Geschmacksrichtung Gurke dominiert, meiner Erfahrung nach!), unterscheide ich sie nach dem Flugverhalten. So kann ich zumindest die Gurke oft direkt ausschließen, da sie eine miserable Aerodynamik hat. Bananaesk könnte man sagen.

Ich werfe eine weitere, etwas größere Gurke, äh, Erdbeere in den Garten. Auch Erdbeeren fliegen etwas unrund, aber die Genauigkeit der Flugbahn ist durchaus zufriedenstellend. Die Amsel hüpft auf und flattert empört davon. Selbst die Amsel verschmäht die Erdbeere.

Meine Mama schaut mich streng an, nimmt mir das Körbchen weg und schüttelt den Kopf: „Die haben vier Euro gekostet!“

Montagabend. Die Erdbeeren wurden zur Strafe gezuckert und bis zur Unkenntlichkeit mit Vanillesauce übergossen. Und was soll ich sagen: „Lecker!! Hmmm… echt lecker, die Vanillesauce!“

Dienstag. Ich schlendere durch den elterlichen Garten und erkenne, dass die Natur wohl noch nicht so weit ist. „Unsere“ Erdbeeren brauchen noch ein bisschen, also, ein ganz gutes bisschen noch und sie konfrontieren mich mal wieder mit einer meiner Schwächen: Geduld. Verdammt!! – Los Sommer, komm in die Puschen!

Wie habe ich schon von meiner Oma gelernt: „Don’t do Erdbeertörtchen in April!

Hartnäckige Meinung bei völliger Ahnungslosigkeit

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Früher, in Zeiten der Ahnungslosigkeit, vertraute die Menschheit auf Expert:innen. Es gab eine Ausnahme. Denn schon damals gab es 80 Millionen Bundestrainer. Aber ansonsten hatte man keine Ahnung, daher auch keine Meinung und hielt die Fresse. Es war, als wäre eine Ahnung die Grundvoraussetzung für eine Meinung. Das klingt heute natürlich völlig absurd. Denn die meisten pflegen ihre hartnäckigen Meinungen bei völlig Ahnungslosigkeit und das ist überhaupt kein Widerspruch mehr. Im Gegenteil! Heute sind wir selbst die Expert:innen und praktischer Weise für alles!

Schließlich haben wir alle an der YouTube-Fernuni unsere Credits erworben und tragen unsere Facebook-Expertisen allen vor, die nicht bei drei im Darknet verschwunden sind. Nach über einem Jahr Corona sind wir doch alle Epidemiologie-Expert:innen, Impf-Strateg:innen und RKI-Ehrenpräsident:innen.

Kennt Ihr auch das Gefühl, Ihr seid der/die einzige im Raum, der/die die Zusammenhänge wirklich blickt? Und nein, es ist gar kein Gefühl, vielmehr ist es inzwischen eine Gewissheit. Eigentlich müsste Markus Lanz jeden Moment bei mir anrufen und mich in seine Sendung einladen! (Ich hab ihm doch extra meine Nummer geschickt…!)

Ich habe mir aber mittlerweile eine andere Rolle zugelegt. Ich zucke einfach mit den Schultern und sage: „Sorry, Impfen…? Nee, dazu habe ich keine Meinung.“ – Probiert das mal aus. Das verunsichert die Gegenüber ungemein, wenn man einfach (aber mit voller Absicht!) auf eine klare Position verzichtet und dazu nett lächelt. – Auch gut: „Lockdown, sorry, hab ich keine Meinung, das ist mir echt zu kompliziert!“ – „Äh, wie, du hast keine Meinung…? Bist du blöd…?!“ – Und ich antworte: „Nee, ich bin nicht blöd. Denn sonst hätte ich ja auf derart komplexe Zusammenhänge so eine einfache Antwort, wie du sie immer hast!“

Ich nenne das „ahnungsvolle Meinungslosigkeit!“ Das wiederum verstehen die meisten anderen natürlich nicht…

Bleibt stabil!

Expert:innen sind ja alle, die mit einem vielsagenden, aber nichtswissenden Grinsen einen analogen Impfpass verkehrt herum in die Kamera halten.

Abiaufsicht oder: die Langeweile des Todes

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Abiaufsicht oder: die Langeweile des Todes

Langeweile bekommt nur 1,5 von 5 Sternen. Wäre Langeweile ein Film, keiner würde reingehen. Andererseits – zurzeit wären wahrscheinlich viele froh, mal für eineinhalb Stunden gepflegter Langeweile ins Kino zu dürfen!

Ich weiß, Langeweile muss nicht schlecht sein. Es gibt sie in der entspannenden, erholenden Variante, ein langweiliger Rosamunde Pilcher-Film mit einem langweiligen Weißwein. Große Langeweile kann dafür sorgen, dass die Wohnung geputzt oder gar Socken gebügelt werden und ein langweiliges Buch (z.B. Adalbert Stifters „Nachsommer“) kann hervorragend beim Einschlafen helfen!

Ich hatte gestern die Langeweile des Todes, mit anderen Worten: Abiaufsicht! Nicht dass eine normale Aufsicht bei Klausuren oder Klassenarbeiten besonders spannend wäre. Aber dabei kann man wenigstens lesen, vorbereiten oder korrigieren. Das alles ist bei der Abiaufsicht natürlich nicht erlaubt.

Wir sitzen in unserer Turnhalle, einem Ort von Spiel, Spaß und Bewegung, die Schüler:innen hochkonzentriert über ihren Abiaufgaben, ich atme. Nach einer Viertelstunde ist mein Kaffee ausgetrunken und mein Knoppers aufgeknoppert, mein Handlungsspielraum für die nächsten eineinhalb Stunden damit weitestgehend ausgeschöpft. Die Uhr an der Wand hat nicht einmal einen Sekundenzeiger, den ich aufmerksam verfolgen könnte. Und den Minutenzeiger zu beobachten… keine weitere Erklärung. Ich möchte Euch nicht langweilen!

Mir ist so langweilig, ich habe gedanklich angefangen, meine Wohnung zu putzen. Und alleine im Kopf zu prokrastinieren, ist gar nicht so leicht. Ich versuche mich mit einem Gedankenspaziergang und scheitere. Ich konzentriere mich auf meine Atmung, vier Sekunden einatmen, fünf Sekunden Luft anhalten, acht Sekunden ausatmen – Pranayama! Mein Herzschlag wird immer langsamer, aber mein Puls so hart, dass ich Angst bekomme, es könnte die Abiturient:innen ablenken. Meine yogische Selbsterfahrung lehrt mich: Die Zeit vergeht auch nicht schneller, wenn man sehr langsam atmet. Verdammt! Ich höre auf zu atmen. Mein Metabolismus ist so weit runtergefahren, der lebensnotwendige Restsauerstoff diffundiert über die Haut.

Mein Kollege, der vorne sitzt, fängt an zu weben. Zur Klarstellung: Handarbeiten sind natürlich nicht erlaubt! Mit Weben ist hier der Hospitalismus gemeint, der bei eingesperrten Pferden auftritt, indem sie ihren Kopf großen Schleifen bewegen, um sich ein wenig selbst zu spüren. Ein kleines bisschen Pferd sein, also Pony quasi oder Isländer….

„Bohh – wat is dat langweilig“, denke ich und erinnere mich an einen alten Sketch von Hape Kerkeling. Aber Rätselhefte sind auch nicht erlaubt. Oh Mann, kann einer mal mein Leben vorspulen!

Als ich am Abend mit meiner Schwester telefoniere, erfahre ich, dass in Norwegen Rentner:innen die Aufsicht in den Abiprüfungen übernehmen. Wie geil ist das denn?! Die Leute, die am meisten in Langeweile geschult, ja, gestählt sind, für Aufsichten einzusetzen. Hochqualifiziert im Endstadium! Viele deutsche Rentner:innen fänden diesen Job wahrscheinlich auch total abwechslungsreich und spannend.

Hallo Kultusministerium Baden-Württemberg, kannst du mich hören…?! – Ich will auch Rentner:innen!!!

Ich sehe schon die Schlagzeile:

„SKANDAL!!1! Zweifach geimpfte Rentner:innen dürfen Abiturklausuren beaufsichtigen!“

Fundstück – Bier und Langeweile « tommiboe