Monat: April 2016

Abendländische Werte in Zeiten der Morallosigkeit

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Abendländische Werte in Zeiten der Morallosigkeit

Seid Ihr auch so besorgt, dass durch den Zustrom von Flüchtlingen unsere Werte bedroht sind? Und dass wir unsere Werte verteidigen müssen? Mit „Werte vorleben“, wäre ich, glaube ich, eher gedient. Aber um welche wichtigen Werte soll es eigentlich gehen? Wie wär’s denn mit Moral…?

„Moral… hä…?!“ Kann sich noch jemand entfernt erinnern…?! Ich finde es schon ziemlich putzig (vorsichtig ausgedrückt), muezzingleich eine abendländische Wertedebatte auszurufen, während sich weite Teile unserer Gesellschaft längst von Moral befreit haben.

Werfen wir doch mal einen Blick auf unsere Wirtschaft. Ein Unternehmen (nehmen wir die kleineren Familienbetriebe mal raus) ist einzig seinen Anteilseignern, seinen Aktionären gegenüber verpflichtet. Das ist ihre quasi-göttliche Verpflichtung. Ihre Aufgabe ist es, Gewinne zu maximieren – egal mit welchen sozialen Kollateralschäden. Gewinnmaximierung ist ein Euphemismus für Ausbeutung und Umverteilung. Anders lassen sich Gewinne heute gar nicht maximieren. Denn die Zeiten mit großem Wirtschaftswachstum sind längst vorbei. Damit ließen sich nämlich Vermögen und Einkommen steigern. Zugegeben auf Kosten anderer Länder. Aber immerhin. Und das waren wir ja seit dem Kolonialismus gewöhnt.

Die heutigen Wachstumsraten reichen natürlich noch immer dafür aus, die Vermögen zu vermehren, im Gegensatz zu den Einkommen. Das werden sie auch noch bei Nullwachstum, aber eben auf Kosten unserer Gesellschaft. Und während die Politik der Wirtschaft und den Banken im Krisenfall zur Seite springt, ist der umgekehrte Fall undenkbar. Haifischkapitalismus kann nicht moralisch sein. Das passt nicht ins Konzept!

Manchmal frage ich mich: Wieso ist eigentlich nicht der Bürger systemrelevant?

Wie auch immer! Das Gleiche gilt für die Banken. Ich bin über einen lustigen Artikel aus der SZ (von 2014) gestolpert, in dem das Konzept „Virtuous Banking“ vorgestellt wurde, also vom „Tugendhaften Banking“. Demzufolge sollten sich alle Banker, entsprechend dem hippokratischen Eid der Mediziner, zu tugendhaftem Banking verpflichten.

Lustig, gell? Noch nie was davon gehört…? Kein Wunder! Wenn man „virtuous banking“ googelt, erhält man lächerliche 515 Treffer. (Zum Vergleich: bei „Penispumpe“ sind es 283000!) Denn es interessiert sich, obwohl es eine großartige Idee ist, keine Sau für Virtuous Banking!

Die Folgen der Entmoralisierung von Wirtschaft und Finanzwesen schlagen natürlich auch auf die Gesellschaft durch. Wer kann schon von seinen Bürgern verlangen, sich moralisch korrekt zu verhalten, solange die Wirtschaft machen kann, was sie will, und ihr zur Zügelung so schmutzige Deals wie „freiwillige Selbstverpflichtungen“ angeboten werden, die, ich habe recherchiert und nachgezählt, in keinem einzigen verschissenen Fall JEMALS etwas bewirkt haben. „Freiwillige Selbstverpflichtung“…? Am Arsch! Gedankenexperiment: Man überließe dem Steuerzahler, auf der Basis einer freiwilligen Selbstverpflichtung seine Steuern zu begleichen. Würde bestimmt super klappen!

Moral, Verzicht und Demut sind in unserem vollkapitalistischem Konsumtempel nicht vorgesehen und sogar, wie uns unsere Wirtschaftshörigkeit souffliert, Wohlstandsgefährdung und Zukunftsverweigerung!

Äh… was wollte ich noch mal sagen? Welche Werte wollte ich doch gleich verteidigen…?! Naja… egal… irgendetwas Abendländisches, glaube ich…!

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Herr Boe fragt sich: „Werte…? Moment mal..? Da war doch was…! Warte, ich hab’s gleich! Nee, doch nicht. Hmm, Werte…? Verteidigen? Wir jetzt…?! Hää?! Verstehe ich doch nicht!“

 

16.3

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16.3

Nein, es geht nicht um den 16. März. Auch wenn gerade der 16. März womöglich endlich mal eine persönliche, würdigende Geschichte verdient hätte. Bei Interesse, was am 16. März so alles passiert ist, empfehle ich dieses Internet, von dem neuerdings alle reden.

Die Überschrift „16.3“* bezieht sich auf meine Lieblingsregel im Ultimate, die, meines Erachtens nach, nicht nur sehr gut die Besonderheit von Ultimate Frisbee und seinem Regelwerk zeigt, sondern über dies hinaus eine schöne Anregung zur Verbesserung des Miteinanders im Leben allgemein darstellt.

Die Regel 16 kümmert sich um „das Weiterspielen nach einem Call“. Ein Call ist das Ansagen einer Regelverletzung seitens eines Spielers. Da es keine Schiedsrichter im Ultimate gibt, kümmern sich die Spieler selber um das Leiten des Spielgeschehens, beziehungsweise eigentlich verhält es sich genau anders herum: Da sich die Spieler eigenständig und selbstverantwortlich um das Regeln des Spiels kümmern, bedarf es keiner Schiedsrichter.

16.3* besagt nun, dass man, wenn ein Call keine Bedeutung für den Spielzug gehabt hat (z.B. ein Foul abseits vom eigentlichen Spielgeschehen), so weiterspielt, als hätte es diesen Call gar nicht gegeben. Damit erlaubt man also einem unwesentlichen Vergehen nicht, wesentlich zu werden.

Diese Regel und, besser noch, dieses gesunde und weise Bewusstsein dahinter, kann man, meines Erachtens, auch prima im normalen Leben jenseits des Sportplatzes anwenden. Wenn man sich z.B. mit seinem Partner oder einem Freund streitet und der Streit zu keinem guten Ende kommt, dann ruft man, anstatt sich immer weiter zu streiten, einfach laut „16.3!“. Das bedeutet, man tut so, als hätte es den konkreten Streitanlass gar nicht gegeben und besinnt sich stattdessen auf die Wichtigkeit der Partnerschaft oder der Freundschaft und freut sich daran, dass sich die Bedeutung der Beziehung nicht durch einen so blöden, unbedeutenden Streit beschädigen lässt.

So gesehen, hilft die Einhaltung des Ultimate Regelwerks auch in anderen Lebenssituationen weiter. Daher ein Hoch auf 16.3! Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn ich zufällig einmal Zeuge werden dürfte, wie zwei fremde Streitende auf der Straße plötzlich innehalten und einer von ihnen „16.3“ zum anderen sagt und so den Streit beendet. Sind das nicht tolle Aussichten? Dies ist hier also ein Plädoyer für ein bisschen mehr 16.3 in uns allen.

*16.3 Weiterspielen nach einem Call

„Unabhängig davon, wann ein Call gemacht wurde, bleibt das Ergebnis des Spielzugs bestehen, sofern sich die Spieler beider Mannschaften einig sind, dass das Foul, die Violation oder der Call dieses Ergebnis nicht beeinflusst haben.“

( file:///C:/Users/thomas/Downloads/wfdf_rules_of_ultimate_2013_german%20(2).pdf)

Der fünfzehnte Keks

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Der fünfzehnte Keks

Peinlicher Fehler beim „Gleichnis vom zehnten Keks“ entdeckt!

Wie jetzt im Zuge der „Panama Papers“ bekannt geworden ist, liegt dem „Gleichnis vom zehnten Keks“ ein schwerwiegender Fehler zugrunde (vgl. „der zehnte  Keks“ :  https://tommiboe.com/2016/04/02/der-zehnte-keks/ )!

Auf dem Teller, vor dem der Banker, der Flüchtling und der besorgte Bürger saßen, befanden sich ursprünglich, neuesten Ermittlungserkenntnissen aus den Panama Papers zufolge, nicht zehn sondern sogar fünfzehn Kekse. Allerdings waren bereits fünf verschwunden, als sich der Flüchtling und der besorgte Bürger an den Tisch setzten. Wann genau der Banker an dem Tisch mit den Keksen Platz genommen hatte, lässt sich leider nicht mehr genau nachvollziehen. Der zu dem Vorfall befragte Banker gab, 1. sich an nichts Genaues erinnern zu können, 2. es seien ohnehin nur höchstens acht Kekse auf dem Teller gewesen und 3. er werde nur noch über seinen Anwalt kommunizieren. Ungefragt fügte er noch hinzu, Briefkastenfirmen seien nichts Illegales und Steueroasen könne es in Panama schon allein aus klimatischen Gründen überhaupt nicht geben, da Großteile des Landes von tropischem Regenwald bedeckt seien. Ohnehin seien die Golfplätze auf den Britischen Jungferninseln viel besser als in Panama, wobei sich der Banker beiläufig einige Kekskrümel aus dem Mundwinkel wischte.

Herr Boe möchte sich daher in aller Form für diesen Fehler in der Berichterstattung entschuldigen. Klar dass das „Gleichnis vom zehnten Keks“ so, schon allein rechnerisch, gar nicht mehr zulässig ist.

Wie jetzt bekannt worden ist, ist in Wirklichkeit die Keksgröße verändert worden, sodass aus der selben Teigmenge locker 15 Kekse hergestellt werden können. Logische Folge ist, dass die Kekse kleiner werden und dass der zehnte Kekse, um den wir uns alle streiten dürfen, nur noch einem Fünfzehntel entspricht. (Kopfschütteln: Diese raffinierten Hunde!)

gleichnis der zehnte keks

 

Der zehnte Keks

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Der zehnte Keks

An einem Tisch sitzen ein Banker, ein Flüchtling und ein besorgter Bürger. Auf dem Tisch ein Teller mit zehn Keksen. Der Banker nimmt sich neun Kekse und flüstert verschwörerisch dem besorgten Bürger zu: „Pass auf, der Flüchtling will deinen Keks!“

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Hmmm, lecker Kekse! Für mich….? Haha, sehr witzig!

Bei all den Diskussionen der letzten Wochen und Monate über das Flüchtlingsthema fällt mir nichts ein, was auch nur annähernd so knapp und treffend das Ganze zusammenfasst wie der obige Witz.

All das Geschwafel, egal von welcher Seite, ist entweder verlogen, übertrieben, falsch, hetzerisch, blind, dumm, heuchlerisch oder alles zusammen. Denn es geht hier nicht um den zehnten Keks, es geht um alle zehn Kekse! Aber irgendwie will wohl keiner (außer den Linken und die scheinen nach wie vor in Deutschland nicht zu zählen) dieses Fass mit der Verteilung von allen zehn Keksen aufmachen.

Und das ist erbärmlich und blind und, ich wiederhole mich an dieser Stelle gerne, heuchlerisch! Wie, ohne eine ehrliche Diskussion um die unehrliche Verteilung in der Gesellschaft, lassen sich unsere Probleme denn lösen?

Genauso wenig lässt sich der Wahlerfolg der AfD ausschließlich mit der Flüchtlingskrise erklären. Das tun nur Leute, die den Unterschied zwischen Gründen und Auslösern nicht erkennen können oder nicht erkennen wollen. Denn der Auslöser ist klar, die Flüchtlingskrise, aber die Gründe liegen viel tiefer, sind komplizierter und vielleicht sogar noch unerfreulicher, da sie sich nicht auf „rechts/ ausländerfeindlich/ verwirrt/ asozial“ reduzieren lassen, sondern das Jahrzehntelange Versagen und Vergessen der Politik gegenüber einem Teil der Bevölkerung offenbaren.

Tja… und auch dieses Fass will dann wohl keiner der Verantwortlichen aufmachen. Denn auch dann würde man wieder beim ersten Fass mit den zehn Keksen rauskommen. Denn während sich in den letzten 20 Jahren die Vermögen lustig vermehren konnten und die Reichen davon profitierten, stagnierten die Durchschnittseinkommen und es wurde der Niedriglohnsektor massiv ausgebaut. Jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland steht inzwischen in einem atypischen Arbeitsverhältnis, sodass Arbeit heute nicht mehr vor Armut schützt, geschweige denn eine sichere Rente garantiert. Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer und anscheinend ist das alternativlos, weil äh… weil ähh… weil phhh… naja, weil die Einflüsterer und Lobbyisten uns irgendwie erklären, dass wenn die Reicher nicht immer reicher werden, ihnen irgendwelche Anreize fehlen und so die Armen noch ärmer würden… oder so ähnlich… oder nicht?! Na klar! Verstehe!

Und was machen wir…? Wir glauben diesen neoliberalen Stuss und streiten uns wie die Deppen um den zehnten Keks. Na bravo!

Der neutrale Beobachter muss sich bei der Interpretation des Keks-Gleichnisses letztlich nur die Frage stellen, ob es angebrachter ist, dem Erzähler Neid oder dem Banker Gier zu unterstellen! Beides ist möglich und funktioniert. Und irgendwie auch putzig, wie gut der Verweis auf die Neiddebatte immer wieder klappt, sodass keiner mehr die hässliche Fratze der Gier erkennen mag!

 

Neues zum Gleichnis: https://tommiboe.com/2016/04/06/der-fuenfzehnte-keks/