Monat: Oktober 2013

Gringoabsteige

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Gringoabsteige

Was ist die erste Frage, die heute ein Reisender (früher hätte ich dazu Backpacker gesagt) fragt, wenn er in ein neues Hostel kommt? Früher, das verrate ich schon mal, war’s: „Gibt’s ein Zimmer? Was kostet ein Zimmer oder ein Bett im Dorm/ Schlafsaal?“ Heute ist es überall: „Gibt’s Wifi?“ Im Ernst! Ich glaub, ich hab ein Generationenproblem! Dass ich Assi ohne gescheites Smartphone unterwegs bin, macht mich schon zum Außenseiter. Wie will ich denn wissen, wer’s geil findet, dass ich gleich zum Strand gehe?
Darf man sich noch „Backpacker“ nennen, wenn man überall in der Welt mit seinen 750 Facebookfreunden vernetzt ist und „geh jetzt zum Strand“ postet, anstatt einfach zum verfickten Strand zu gehen? Und war’s am Strand nur dann gut, wenn mindestens zehn Freunde das Foto von mir am Strand geliked haben. Kann ich es dann rückwirkend als erfolgreichen Tag verbuchen und in der Lebensbilanz abrechnen. Wird mein Erlebnis nicht mehr durch das tatsächliche Erleben zu einem solchen sondern erst durch die postume Würdigung daheimgebliebener Neidhammel. Ein langweiliger Tag am Strand wird durch zehn Klicks zu einem Ereignis upgegradet, zu einem Highlight. Ein bisschen Glanz, ein bisschen Ruhm. Drum like ich jeden Scheiß, um zurückgeliked zu werden. Likest du mich, dann like ich dich. Ich glaub, ich spinne!
Aber eigentlich sollte ich die Fresse halten. Was mache ich denn? Ich bin zwar ständig unterwegs, aber hänge mich dann doch immer ins Netz, zum Bloggen, zum Facebooken usw. Ich versuche, mich damit rauszureden, dass ich meinen Blog als ernstes Schreibprojekt betrachte und ich mir einen gewissen Veröffentlichungszwang auferlegt habe. Also muss ich ja… Aber letztlich bin ich keinen Furz besser! Oder nur einen ganz kleinen!
Aber ich wollte noch was anderes loswerden. Es ist das Phänomen der „Gringoabsteigen“. Das Wort gefällt mir so gut, dass ich hoffe, dass es von mir ist. Dabei handelt es sich um Hostels, die meist von ehemaligen Travellern betrieben werden und genau auf die Bedürfnisse des postmodernen Backpackers ausgerichtet sind. Denn im Gegensatz zu früher wird von vielen Reisenden der Kontakt zur bereisten Außenwelt weitestgehend eingeschränkt. Das klingt erst einmal absurd. Aber das Klientel der Backpacker oder inzwischen Rollkofferreisenden hat sich entschieden geändert. Früher sind Freaks gereist, heute darf jeder nach Mittelamerika!
In besagten Gringo-Hostels wird (fast ausschließlich) englisch gesprochen. Die Leute, die dort arbeiten, sind meist auch Traveller, die für einen, zwei Monate dort jobben. Es gibt einen angenehmen, großzügig gestalteten Aufenthaltsbereich mit Pool, mit cooler Bar und international angesagter Musik, sodass man zum „Party machen“ gar nicht das Hostel verlassen muss. Wenn man doch rausgeht, ziehen meist internationale Horden durch die Straße oder sie nehmen an schlüsselfertigen Tagesausflügen zu den umliegenden Naturschönheiten teil. Alles ist geplant. Alles ist sauber. Alles hat Gringostandard!
So gibt es inzwischen in allen attraktiven Reiseorten typische Gringoabsteigen. Der Lonely Planet führt sie alle zusammen. Das Ärgerliche daran ist, dass in den touristischen Orten besonders die ausländischen (Gringo-) Anbieter das Geschäft an sich gerissen haben. Die Wertschöpfung geht in Gringo-Taschen!
Ich habe in Cartagena mit einem kolumbianischen Hostelbesitzer gesprochen. Als er gehört hat, dass ich meine erste Nacht in einer solchen Gringo-Unterkunft verbracht habe, wurde er ganz neugierig und wollte wissen, was denn nun so speziell dort sei. Gar nicht so leicht zu erklären. „Es un gringo-lugar para los gringos! It’s a gringo-place for gringos!“
Meines Erachtens hat sich das Klientel geändert! Auf den Begriff „Backpacker“ gibt es kein Copyright! Jeder darf sich so nennen, selbst mit einem Rollkoffer, in dem sich neben IPad mit Worldwideflat auch ein vollgepacktes Beautycase samt Glätteisen befinden. Lacht nicht! Ich wäre froh, wenn ich hier aus stilistischen Gründen zur Übertreibung gegriffen hätte. Aber die Wahrheit ist ein gemeines Aas. Denn ich hab’s selbst gesehen und es macht mich traurig! Woran ich natürlich selbst schuld bin – nicht am Glätteisen, sondern daran, dass es mich traurig macht. Soll es mir doch egal sein! Es sollte sie traurig machen.
Auf jeden Fall habe ich am nächsten Tag das Hostel gewechselt! Ob das die Welt verbessert hat…? – Natürlich! Zumindest meine!

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Gringo-Absteige mit Pool und Bar, incl. Flatscreen, international anerkannter Gutelaunemusik und USA-Fahne.

Fundstücke – Wasserkraft mal anders

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Fundstücke in Fernwest – Wasserkraft mal anders

Der Stausee Peñol-Guatapé ist nicht nur einzigartig und wunderschön (sieht aus wie eine Binnenschärenküste), sondern er erzeugt auch mehr als 60% des kolumbianischen Stroms. Gut dafür mussten in den 1970er Jahren ca. 5000 Menschen umgesiedelt werden. Aber es hat sich neben der Stromerzeugung ein riesiges Freizeitgebiet für den Großraum Medellín entwickelt mit Wassersportangeboten und dem wunderschön-kitschig aufgemotzten Städtchen Guatapé. Jedes Wochenende ist hier die Hölle los.
Da stellt sich mir die Frage, bei der aktuellen Kohledebatte in Deutschland, sollten wir nicht vielleicht auch ein paar Dörfer fluten? Wo ist der qualitative Unterschied, ob ein Dorf wegen einem Tagebau verschwindet oder für einen Stausee geflutet wird? Richtig, der Unterschied ist, der Stausee erzeugt danach sein Leben lang saubere Energie und schafft zusätzlich noch Arbeitsplätze im Tourismus.
Aber welche Region, welche Dörfer wird es treffen? Ich sehe da schon ein passendes Formal fürs Privatfernsehen: „DSDSSS – Deutschland sucht den Superstausee!“ oder „Ich bin ein Dorf – flute mich!“ – In einer mehrteiligen Spielshow würden dann Dörfer aus ausgewählten Standorten gegeneinander antreten. Und das Verliererdorf wird dann live geflutet!
Es ist jetzt nicht meine Aufgabe, das Konzept schlüsselfertig abzuliefern. Einige Spielideen habe ich aber schon: Keller auspumpen, Gräber umbetten, Sandsäcke stapeln, Kirchen sprengen und so weiter.
Anstatt einfach stumpf Kohle zu verbrennen, als gäbe es keine Alternativen, finde ich, muss man für die Zukunft unserer Energieversorgung auch mal ein bisschen querdenken. Oder was haltet ihr davon, liebe EnBW-, Vattenfall-, eon-, RWE-Drecksäcke? Wasserkraft, schon mal davon gehört…?

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Fundstück – kolumbianische Fahrerverleumdung

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Fundstücke in Fernwest – kolumbianische Fahrerverleumdung

In Kolumbien klebt hinten an allen öffentlichen Verkehrsmitteln eine Plakette mit den Worten „Como conduzco?“. „Wie fahre ich?“ wird hier gefragt und dazu eine Telefonnummer einer kostenlosen Hotline, um sich über die Fahrweise des Bus-/ Taxifahrers zu beschweren. Das soll zu vernünftiger Fahrweise erziehen.
Das ist doch auch mal eine hübsche Idee für Deutschland. Jeder kann sich an eine Hotline wenden und andere Fahrer verleumden (am besten direkt mit dem Handy am Steuer!)
Ich könnte mir das gut als schöne, unpopuläre Idee der „Grünen“ im nächsten Bundestagswahlkampf vorstellen, um noch kurz vor Wahl schnell die Umfrageergebnisse zu halbieren. Und Seehofer und Co könnte sich herrlich künstlich aufregen (was ja auf bayrisch immer besonders lustig und besonders künstlich klingt). Das wäre ja wohl noch schöner! Es wäre ja wohl die Entscheidung eines jeden Bürgers, so beschissen und verantwortungslos zu fahren, wie er wolle. Wir bräuchten nicht die Bevormundung dieser grünen besserwisserischen Gutmenschen. Wahrscheinlich dürfte man demnächst beim Drive-In auch nur noch vegetarische Burger bestellen, weil man auf rotes Fleisch besonders aggressiv fahren würde. So wie ich Seehofer wahrnehme, trinkt der schon morgens rotes Fleisch und zwar ausschließlich!
Wie auch immer! Und egal wie unglaubwürdig das Aufregen wäre, es würde funktionieren. Weil irgendwie hat der Seehofer doch recht…! Am Arsch!

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Fundstücke – schmutziger Zeitvertreib

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Fundstücke in Fernwest – Schmutziger Zeitvertreib

Manchmal wird man dafür belohnt, wenn man sich die Mühe macht, auch im Ausland Zeitung zu lesen. Dies ist ein gutes Beispiel für eine solche Belohnung, finde ich.
Passiert auf einer „Unterhaltungsseite“ einer kolumbianischen Zeitung. Es ist ein „Matatiempo“, was ein Zeitvertreib ist oder besser mit „Zeit totschlagen“ übersetzt werden kann. Macht euch doch selbst mal die Mühe und kreuzt auf dem Bildschirm die sex Unterschiede an. – Ich habe nur fünf gefunden. War wohl irgendwie abgelenkt!
Sollten wir bei uns auch so etwas haben? Neeeeeh! Pfui! Schweinkram! Dabei kann ich gar nicht beurteilen, wie durchgegendert die Zeitung „al día“ ist. Höchst wahrscheinlich wurde ja am nächsten Tag ein Mann im Mankini präsentiert. Für alle modetechnischen Amöben: „Mankini“ ist der scharfe Einteiler, den Borat trägt. Wer neugierig ist, kann ja mal recherchieren.
Wie steht’s eigentlich bei der aktuellen Debatte über die Frauenquote in Verführungspositionen…? Buuuh! Pfui! Ja sorry… Aber mal im Ernst: immer nur „p.c.“-sein ist doch auch laaangweilig!

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Fundstücke – Drogenferrari

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Fundstücke in Fernwest – Drogenferrari

Cartagena ist voll von Polizisten. Es findet gerade ein Interpol-Kongress statt. Und dafür möchte sich die kolumbianische Polizei von ihrer besten Seite zeigen. Neben modernen Drohnen und Waffen zum Anfassen tritt auch eine Sing- und Tanztruppe der Polizeischule auf einer Plaza auf. Junge, hübsche Polizistinnen dabei (leider nicht zum Anfassen).
Mein persönliches Highlight (trotz der hübschen Mädels) ist allerdings der Drogenferrari der kolumbianischen Polizei. Als vor ein paar Jahren der Drogenbaron Hernando Gomez Bustamante, liebevoll Scratchy genannt, geschnappt worden ist, wurde neben seinen sonstigen Besitztümern auch sein Ferrari beschlagnahmt. Und da die Polizei den quasi ungenutzten Ferrari nicht zu einem angemessenen Preis verkaufen konnte, wurde er vor kurzem umlackiert und wird jetzt stolz dem Bürger als grenzenlos cooler Polizeiferrari präsentiert.

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Herr Boe prüft die moderne Waffentechnik. Allerdings wird ihm im Folgenden die Probefahrt im Drogenferrari verwehrt. Schade!

Fundstücke in Fernwest – „schlafender Polizist“

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Fundstücke in Fernwest – „schlafender Polizist“

„Policía acostado“, „schlafender Polizist“ also, werden sie liebevoll genannt. Aber es gibt noch eine Reihe anderer Ausdrücke für diese verhassten Gesellen, die man in allen Ländern Zentral- und Südamerikas auf der Straße findet: Reductor de velocidad, tope, rompevelocidad, lomo de burro… Gemeint sind die „speed bumps“ oder wie sagt man im Deutschen dazu…? Gibt gar kein richtiges, schönes Wort dafür. Liegt vielleicht auch daran, dass es in Deutschland kaum solche Spaßverderber gibt. Wie wär’s denn mit Geschwindigkeitsminderer? Das klingt doch schön bürokratisch korrekt.
Das Schöne an diesen asphaltischen Bremsbuckeln ist, dass an diesen Stellen der Geschwindigkeitsreduzierung haufenweise Dienstleister herumlungern (siehe Fotos!). Bremsverhalten und Verkäuferdichte stehen hier in signifikantem Zusammenhang. Und da man eh bremsen muss, kann man sich ja auch ein paar Tostones (Bananenchips) oder was auch immer durchs Fenster reichen lassen.

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Fundstücke in Fernwest – Gullideckel

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Fundstücke in Fernwest – Gullideckel

Wenn man durch kolumbianische Straßen läuft, muss man aufpassen! Das klingt erst mal ziemlich Banane. Na klar, Kolumbien ist ein gefährliches Pflaster. Aber das meine ich nicht. Man muss aufpassen, dass man nicht plötzlich, zumindest teilweise, verschwindet. Denn es werden in Kolumbien jeden Tag 200 Gullideckel von „Metalldieben“ geklaut, um sie zu verkaufen! Und zurück bleiben Löcher! Auf dem Foto haben Anwohner Steine über die Löcher gelegt, um die Stolper- und Sturzgefahr einzudämmen. So sieht’s leider nicht überall aus! Das Thema wurde gerade von der Presse entdeckt, weil vor kurzem ein zweijähriges Mädchen nach Sturz in ein solches Loch gestorben ist.

Das erinnert mich an bisschen an die Geschichte, als vor ein paar Jahren im Osten unserer geliebten Teilrepublik am helllichten Tag Eisenbahnschienen abmontiert und per Sattelschlepper abtransportiert worden sind. Hat auch keiner gefragt: „Tschuldigung, was machen Sie denn da?“

DSC03449Abdeckung über geklauten Gullideckeln.