Gringoabsteige

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Gringoabsteige

Was ist die erste Frage, die heute ein Reisender (früher hätte ich dazu Backpacker gesagt) fragt, wenn er in ein neues Hostel kommt? Früher, das verrate ich schon mal, war’s: „Gibt’s ein Zimmer? Was kostet ein Zimmer oder ein Bett im Dorm/ Schlafsaal?“ Heute ist es überall: „Gibt’s Wifi?“ Im Ernst! Ich glaub, ich hab ein Generationenproblem! Dass ich Assi ohne gescheites Smartphone unterwegs bin, macht mich schon zum Außenseiter. Wie will ich denn wissen, wer’s geil findet, dass ich gleich zum Strand gehe?
Darf man sich noch „Backpacker“ nennen, wenn man überall in der Welt mit seinen 750 Facebookfreunden vernetzt ist und „geh jetzt zum Strand“ postet, anstatt einfach zum verfickten Strand zu gehen? Und war’s am Strand nur dann gut, wenn mindestens zehn Freunde das Foto von mir am Strand geliked haben. Kann ich es dann rückwirkend als erfolgreichen Tag verbuchen und in der Lebensbilanz abrechnen. Wird mein Erlebnis nicht mehr durch das tatsächliche Erleben zu einem solchen sondern erst durch die postume Würdigung daheimgebliebener Neidhammel. Ein langweiliger Tag am Strand wird durch zehn Klicks zu einem Ereignis upgegradet, zu einem Highlight. Ein bisschen Glanz, ein bisschen Ruhm. Drum like ich jeden Scheiß, um zurückgeliked zu werden. Likest du mich, dann like ich dich. Ich glaub, ich spinne!
Aber eigentlich sollte ich die Fresse halten. Was mache ich denn? Ich bin zwar ständig unterwegs, aber hänge mich dann doch immer ins Netz, zum Bloggen, zum Facebooken usw. Ich versuche, mich damit rauszureden, dass ich meinen Blog als ernstes Schreibprojekt betrachte und ich mir einen gewissen Veröffentlichungszwang auferlegt habe. Also muss ich ja… Aber letztlich bin ich keinen Furz besser! Oder nur einen ganz kleinen!
Aber ich wollte noch was anderes loswerden. Es ist das Phänomen der „Gringoabsteigen“. Das Wort gefällt mir so gut, dass ich hoffe, dass es von mir ist. Dabei handelt es sich um Hostels, die meist von ehemaligen Travellern betrieben werden und genau auf die Bedürfnisse des postmodernen Backpackers ausgerichtet sind. Denn im Gegensatz zu früher wird von vielen Reisenden der Kontakt zur bereisten Außenwelt weitestgehend eingeschränkt. Das klingt erst einmal absurd. Aber das Klientel der Backpacker oder inzwischen Rollkofferreisenden hat sich entschieden geändert. Früher sind Freaks gereist, heute darf jeder nach Mittelamerika!
In besagten Gringo-Hostels wird (fast ausschließlich) englisch gesprochen. Die Leute, die dort arbeiten, sind meist auch Traveller, die für einen, zwei Monate dort jobben. Es gibt einen angenehmen, großzügig gestalteten Aufenthaltsbereich mit Pool, mit cooler Bar und international angesagter Musik, sodass man zum „Party machen“ gar nicht das Hostel verlassen muss. Wenn man doch rausgeht, ziehen meist internationale Horden durch die Straße oder sie nehmen an schlüsselfertigen Tagesausflügen zu den umliegenden Naturschönheiten teil. Alles ist geplant. Alles ist sauber. Alles hat Gringostandard!
So gibt es inzwischen in allen attraktiven Reiseorten typische Gringoabsteigen. Der Lonely Planet führt sie alle zusammen. Das Ärgerliche daran ist, dass in den touristischen Orten besonders die ausländischen (Gringo-) Anbieter das Geschäft an sich gerissen haben. Die Wertschöpfung geht in Gringo-Taschen!
Ich habe in Cartagena mit einem kolumbianischen Hostelbesitzer gesprochen. Als er gehört hat, dass ich meine erste Nacht in einer solchen Gringo-Unterkunft verbracht habe, wurde er ganz neugierig und wollte wissen, was denn nun so speziell dort sei. Gar nicht so leicht zu erklären. „Es un gringo-lugar para los gringos! It’s a gringo-place for gringos!“
Meines Erachtens hat sich das Klientel geändert! Auf den Begriff „Backpacker“ gibt es kein Copyright! Jeder darf sich so nennen, selbst mit einem Rollkoffer, in dem sich neben IPad mit Worldwideflat auch ein vollgepacktes Beautycase samt Glätteisen befinden. Lacht nicht! Ich wäre froh, wenn ich hier aus stilistischen Gründen zur Übertreibung gegriffen hätte. Aber die Wahrheit ist ein gemeines Aas. Denn ich hab’s selbst gesehen und es macht mich traurig! Woran ich natürlich selbst schuld bin – nicht am Glätteisen, sondern daran, dass es mich traurig macht. Soll es mir doch egal sein! Es sollte sie traurig machen.
Auf jeden Fall habe ich am nächsten Tag das Hostel gewechselt! Ob das die Welt verbessert hat…? – Natürlich! Zumindest meine!

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Gringo-Absteige mit Pool und Bar, incl. Flatscreen, international anerkannter Gutelaunemusik und USA-Fahne.

2 Kommentare zu „Gringoabsteige

    Veit sagte:
    November 7, 2013 um 4:43 pm

    Stimmt wohl…das mit dem wifi und smartphone ist mir auch aufgefallen…hat alles seine Vor- und Nachteile je nach dem wie man den Urlaub gestaltet

    Massenindividualtourismus | tommiboe sagte:
    Juli 22, 2014 um 9:15 am

    […] (Ich hab mich ja schon mal an anderer Stelle über Gringoabsteigen ausgekotzt: https://tommiboe.wordpress.com/2013/10/31/gringoabsteige/) Schon lange ist der Abenteuerurlaub kein Abenteuer mehr. Aber er besaß zumindest noch die Idee, […]

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