herr boe
Fotolovestory aus dem Paradies
Fotolovestory aus dem Paradies
Theaterstück für 4 Personen und 1 Zuschauer.
Isla Holbox ist ein Strand gewordenes Paradies, genau das Richtige für Verliebte. Schon gestern war ich auf meiner Walhai-Safari mit einem mexikanischen Pärchen unterwegs, das gerade auf seinem „Luna de Miel“-Trip (zu deutsch: Honigmond-Trip) war.

Und heute bin ich am Strand vor meinem Hotel, hab gerade einen großartigen Schattenplatz bezogen, als ich lautes, ironisches Männergebrüll höre. So richtig mehrfach übertriebenes Geschimpfe, wie wenn man sich unter Freunden und im Spaß als Hurensohn, Hackfresse, Parameciumhirn oder ähnliches beschimpft.
Ich schaue auf und erkenne sofort den erregten Typen an seinem Ganzkörper-Ausdruckstanz. Allerdings schreit er keinen Mann sondern drei Frauen an, die gerade am Strand auftauchen. Aha! Und auch ohne großen mexikanischen Schimpfwortschatz wird die Deftigkeit seiner Brüllattacke deutlich. Und von wegen ironisch…! Inzwischen kann ich auch eine klare Adressatin unter den drei Frauen ausmachen: wohl seine Freundin, die arme. Ich weiß zwar natürlich nicht genau, was sie Schreckliches verbrochen hat, aber ein solches Rumpelstilzchen hat niemand im Paradies verdient. Nicht einmal die Schlange persönlich!
Aber schön, dass sie sich das nicht gefallen lässt, sondern ordentlich zurückschießt. Ihre beiden Freundinnen versuchen es sich unterdessen, am Strand gemütlich zu machen. Sofern es denn möglich ist, Gemütlichkeit mitten in einem unter heftigen Beschuss stehenden Schützengraben dramaturgisch glaubwürdig zu inszenieren. Und da die Freundin offensichtlich ihre Fehler nicht einsieht, eskaliert der Typ munter weiter. Schließlich schmeißt er sein ganzes Zeugs, Strandtasche, Rucksack, Decken…, fluchend und in großräumigen Bewegung schön nacheinander vor ihre Füße. Schade aus dramaturgischer Sicht, dass sich nichts Zerbrechliches oder Explosives darin befindet. Danach stapft er, (als hätte ihm der Regisseur zugerufen: Mehr! Mehr!) lauthals fluchend und großspurig mit den Armen rudernd, am Strand davon! Gerade mal 50 Meter! Was mir irgendwie ziemlich lächerlich erscheint. Seiner vorgeführten Wut hätte eher ein „bis ans Ende dieser Welt“ entsprochen.
Er setzt sich in den Sand und verbirgt sein Gesicht, wie ein schmollendes Kleinkind, zwischen den Knien. Und wartet! Pause, Vorhang!
Vorhang zieht auf. Er in gleicher schmollender Pose, wartend. Auf Godot. Und wir wissen, das kann dauern! Oder vielleicht doch eher auf die Freundin, die endlich ihre Fehler/ Unpünktlichkeit/ generelles Versagen/ mangelnde Feinfühligkeit einem sensiblen Mann/Künstler/Feingeist gegenüber/ oder was auch immer/ einsieht und zu ihm kommt, um sich artgerecht zu entschuldigen?
Sie hingegen sitzt bei ihren Freundinnen, unterhält sich munter und hinterlässt keinen besonders schuldbewussten Gesamteindruck. Na, wann geht sie endlich? fragt sie der (einzige) interessierte Zuschauer (ich!). Nach einer laaangen Viertelstunde (Widerspruch zwischen Echtzeit und gefühlter Zeit) steht ER, da weder Godot noch seine Freundin ihm erschienen sind, schließlich auf, geht zurück und stellt sich ein Stück neben die sitzende Frauenrunde. Und schmollt mit verschränkten Armen weiter.
Nach einer übertrieben langen und ebenso symbolträchtigen (aber exzellent inszenierten) Pause, steht SIE schließlich auf und stellt sich zu ihm. Na, endlich! Aber der Streit geht direkt weiter. Die beiden anderen Frauen zeigen Feingefühl oder haben die Schnauze voll (der Zuschauer tippt auf zweites) und gehen eine Runde ins Wasser. Und tatsächlich setzt sich das Pärchen hin und redet ruhig. Kurz darauf lehnt er (heulend?) an ihrer Schulter. Ohh wie süß! will ich gerade schluchzen. Aber! Sie äußert wohl ein falsches Wort und schon springt er wieder an wie ein frisch geschmiertes Mofa. Er drückt sich explodierend aus dem Sand, während gerade die Mädels aus dem Wasser zurückkommen, und rumpelt und stilzt, als gäbe es kein Morgen.
Möglichst umständlich und einzeln sammelt er seine Siebensachen ein und stapft los, dieses Mal weg vom Strand. Die drei Frauen folgen ihm mit gebührendem Abstand. Alle ab! Während der Vorhang fällt erklingt das Lied „Keine Sterne in Athen“ von Stefan Remmler (in einer geilen Version mit LaBrassBanda) mit der wundervollen Textzeile „Ich hab den Urlaub nicht gewollt. Du hast gesagt, es müsse sein!“ Aus dem Off schwebt eine Gedankenblase über den Mann: „Honeymoon mit Brautjungfern klingt irgendwie viel geiler als in echt!“
Vorhang! Ende! Applaus (von mir)!
Fjordgespräche – Kopftransplantation
Fjordgespräche – Kopftransplantation
Für alle, die sich gelegentlich (bis regelmäßig) überfordert fühlen in einer Zeit der Unübersichtlichkeit, des Konsumwahnsinns, der multiplen Verwirklichungsmöglichkeiten und der sich immer weiter beschleunigenden Beschleunigung: Dies ist erst der Anfang! Und ebenfalls für alle mit der Hoffnung, dass irgendwo hinter all diesem Wahnsinn eine bessere, vernünftigere, überschaubare Wahrheit steckt: Hinter dem Wahnsinn kommt nur noch mehr Wahnsinn! (Gut für alle die eh schon schizophren sind!)
Zum Glück beschäftigen sich die Fjordgespräche auch mit drängenden Zukunftsfragen und schaffen es auf diese Art, ein wenig die Angst vor dem Morgen zu nehmen – oder, wenn es gut läuft, sie zu schüren.
In einem unserer thematisch höchst variablen Fjordgespräche geht es heute um Kopftransplantationen. Ein Thema, das gewaltig nach Frankenstein klingt, aber dennoch brandaktuell ist, zumindest für Zukunftsforscher wie uns. Denn bei Kopftransplantationen handelt es sich keineswegs um Zukunftszauber oder Hexenwerk, sondern es ist lediglich ein weiterer logischer Schritt im Bereich der Organverpflanzungen. Und in einer immer älter werdenden Gesellschaft entsteht ein großer kapitalkräftiger Markt für solche Eingriffe. Einem geistig fitten 90jähriger in einem zusehend vom Verfall betroffenen Körper hilft eine Hüft-OP auch nicht mehr langfristig über den Berg, zumal auch andere Gelenke längst verkalkt sind, Knochen mürbe, Organe geschädigt, Lunge verrußt, Leber ruiniert, Herzchen geschwächt und so weiter. Da kommen viele Baustellen zusammen, während schon die nächste Sollbruchstelle naht und die meisten organische Halbwertszeiten längst abgelaufen sind.
Also ist der Gedanke gar nicht so abwegig, sich, wenn denn möglich, für eine Kopftransplantation zu entscheiden. Je nach dem, im Sinne des Sender-Empfänger-Prinzips, ist der Begriff „Körper-“ oder „Ganzkörper-Transplantation“ sogar stimmiger. Denn der Empfänger wird in den meisten Fällen wohl eher der Kopfbesitzer (Head Owner) und nicht der Körpereigentümer (Body Owner) sein.
Aber woher sollen die möglichst jungen und gesunden Körper kommen? Die meisten sonstigen Organspender kommen dafür nicht in Frage, da die zu spendenden Körper häufig bereits an irgend etwas gestorben sind, womit sie keine perfekten Spenderkörper darstellen. Das gilt insbesondere für sie sonst so beliebte Organspendergruppe der Motorradfahrer.
Eine geeignete, aber leider sehr kleine Gruppe stellen die „Kopfschuss-Selbstmörder“ dar. Hier bleibt quasi der ganze Körper heile und transplantierbar. Aber, wie gesagt, sehr kleine Gruppe…
Eine sehr interessante Spendergruppe hingegen sind die Strafgefangenen, die auf die Todesstrafe warten. Auch terminlich sehr praktisch! Denn hier kennt man schon frühzeitig den exakten Spendetermin und könnte daher alle sonstigen notwendigen Transplantationsvorbereitungen treffen. In Zukunft sollte man allerdings auf körperschädigende Tötungsverfahren verzichten. Logisch, dass sich ein vergifteter oder durch elektrischen Stuhl völlig verbrutzelter Körper schlecht für eine Transplantation eignet.
Daher setzt sich die „IHTG“ („International Head Transplant Group“) in Zusammenarbeit mit Gilette (bzw. Procter & Gamble) für die Wiedereinführung eines sehr erfolgreichen, wenngleich veralteten Verfahrens ein, das Kopftransplanteure das Herz höher schlagen lässt: die gute alte Guillotine! Gillette arbeit derzeit schon an einer sauberen und präzisen Technik, die schon in einigen Jahren unter der Produktbezeichnung „Gillettine“ einsatzbereit sein soll.
Schon jetzt taucht allerdings eine soziale Problematik im Spender-Empfänger-Kontext auf. Zu viele Schwarze warten derzeit in Todeszellen (vor allem in den USA), während der Großteil des Empfängerklientels Weiße sind. So könnte es, nach derzeitigen Erwartungen von der IHTG, zu Fällen von sogenanntem „körperinternen Rassismus“ kommen. Michael Jacksons persönlicher Hautaufheller sieht dabei in der heutigen und, vor allem, morgigen Technik aber noch großes Entwicklungspotential, auch schwarze Haut entschieden weißer darzustellen. Er selbst bezeichnet sein, wie er findet erfolgreiches, Verfahren als „Schwarz-Weiß-Malerei“.
Kleines techniches Problemchen derzeit noch: die OP selbst! Hmmm…! Zwar lassen sich in OPs an Ratten schon einwandfrei Kopf vom Rumpf trennen und auch erfolgreich transplantieren. Inzwischen überleben sogar einige Ratten diesen Eingriff. Allerdings hatte bisher noch kein Rattenkopf tatsächlichen Zugriff auf den Spenderkörper, konnte ihn also nicht bewegen. Was, zugegeben, schon ein bisschen blöd ist. Aber wir sind ja erst am Anfang des Wahnsinns! Ich bin sicher, unsere Enkel werden sich über solche OPs gemeinsam mit ihren Klonen kaputtlachen.
Vielleicht besser, gar keine Enkel in diese Welt zu setzen (oder so ähnlich…)!
(Wer übrigens glaubt, der Herr Boe dreht mal wieder völlig durch, für den dieses: Neurowissenschaftler Sergio Canavaro plant eine Kopftransplatation für 2017. Und es hat sich sogar schon ein freiwilliger Kopf gefunden, nämlich der von Valery Spiridonov, der an einem unheilbaren und tödlichen Muskelschwund leidet! So viel für heute zum Wahnsinn!)
Beautytipps für Hausobst
Beautytipps für Hausobst
Stuttgart, März 2015. Grace sieht nicht gut, gar nicht gut! Nein, ich habe keine neue Freundin! Und wenn, dann würde sie natürlich ganz ausgezeichnet aussehen…! Ich rede von meiner Grapefruit. Erst kürzlich habe ich über meine inzwischen mindestens neun Monate alte Grapefruit und ihre beachtliche Gesundheit berichtet (siehe https://tommiboe.wordpress.com/2015/02/25/uber-grapefruit-und-anderes-gemuse/). Sie sah für ihr Alter verdammt gut aus und, wie jedes Haustier, verdiente auch jedes Hausobst seinen Namen. Und da sie nicht nur etwas Grape– sondern auch etwas Grazienhaftes hatte, nannte ich sie Grace. Ich hielt sie als Beobachtungs- und Studienobjekt auf meinem Fensterbrett.
Auf meine Geschichte erhielt ich etliche Rückmeldungen zu meinem neuen Hausobst, unter anderem eine mögliche Erklärung für ihre blendende äußerliche Verfassung. Und zwar wurde die Vermutung geäußert, dass meine Grace wohl „gut gewachst“ worden sein. Wachsen ist also anscheinend ein Prozedere, das nicht nur im Skisport erfolgversprechend ist, sondern auch als geheimer Beautytipp für Obst gilt. Die Wachsschicht als Schutz gegen Umwelteinflüsse. Vielleicht wird das Prinzip ja auch demnächst für den schönheitswahnsinnigen Menschen entdeckt. Bevor man sich Botox in die Fresse spritzen lässt, kann man sich doch mal schön das Gesicht einwachsen lassen!
Zurück zum Obst! Aber da meine Grapefruit nicht nur Beobachtungs- sondern eben auch Forschungsobjekt war, habe ich ihr eine Entwachsungskur verordnet, um mal zu schauen, wie sich meine Grapefruit ungewachst in der harten Wirklichkeit behauptet.
Gestern bin ich nach einer Woche Skischullandheim nach Hause gekommen und musste erkennen, ja, es gibt einen Unterschied zwischen gewachst und ungewachst (und ich rede nicht nur von Skiern!). Denn Grace sieht gar nicht gut aus! Schade, sie war mir (der Kalauer muss jetzt sein) richtig ans Herz gewachsen!
Aber vielleicht werde ich mir einfach Schellack-Politur kaufen und damit beginnen, Obst und Gemüse selber zu wachsen und wir die Nachwelt zu erhalten. Klingt nach einem tollen neuen Hobby! Mal schauen, wie lange sich polierte Radieschen halten. So haben sie wenigstens wieder einen sinnvollen Verwendungszweck, weil essen kann man diese, nach Gurke schmeckenden Pseudo-Radieschen ja schon lange nicht mehr!
(dazu: https://tommiboe.wordpress.com/2015/03/03/uber-radieschen-und-anderes-obst/)
Massenindividualtourismus
Massenindividualtourismus
Dass man beim Wandern auf dem Inka-Trail Leuten mit Rollkoffern begegnet, fehlt gerade noch. Aber wir sind nahe dran. Und schon bald darauf werde ich vermutlich von geländegängigen Elektrorollkoffern überholt werden.
Backpacker sterben zwar nicht aus, aber die Wege, auf denen sie sich bewegen, sind immer ausgelatschter, sodass man sie inzwischen auch bald mit Rollkoffern befahren kann. Der Soziologe spricht von „Ausdifferenzierung“, ich spreche von „Massenindividualtourismus“. (Ich hab mich ja schon mal an anderer Stelle über Gringoabsteigen ausgekotzt: https://tommiboe.wordpress.com/2013/10/31/gringoabsteige/)
Schon lange ist der Abenteuerurlaub kein Abenteuer mehr. Aber er besaß zumindest noch die Idee, den Duft vom Abenteuer. Inzwischen ist das Abenteuer nur noch eine industriell gefertigte Duftmarke. Die gefährlichen und anstrengenden Nebenwirkungen wurden erfolgreich rausgezüchtet. Dafür ist es nun benutzerfreundlich und seine Oberfläche mit mindestens 14,1 Millionen Pixeln glänzt, blinkt und lächelt in alle Richtungen. Wir kennen das Prinzip von der Tomate, deren Geschmack heute keinen mehr kümmert und auch kaum noch jemand kennt. Hauptsache, Farbe, Form und Konsistenz stimmen. Toll, dass man eine Tomate heute zehn Wochen im Kühlschrank liegen lassen kann. Wozu muss sie dann auch noch schmecken…?
Ich freue mich schon auf den (nicht mehr fernen) Tag, an dem ich mir die Tomate bequem zu Hause mit meinem 3D-Drucker ausdrucken kann. Mit freundlicher Unterstützung von Hewlett Packard und Nestlé. Kommt in meine Küche direkt neben den verfickten Nespresso-Automaten: der Nesgemüsé-Drucker.
Dabei wollte ich mich (dieses Mal) doch gar nicht über Nestlé aufregen sondern über die fürchterlichen Rollkoffer-Backpacker-Fuzzis. Wahrscheinlich gibt es bald schon Retro-Rollkoffer mit so putzigen Schulterriemen-Atrappen. Aber Backpacken kann heute wirklich jeder. Kinderleicht. Man muss selbst nichts mehr machen oder können oder selbst organisieren. Es gibt ja andere, die die wichtigsten Dinge für einen übernehmen.
Aber letztlich sind das natürlich nur Entwicklungen, die auch in anderen Bereichen stattfinden. Beim Wildwassersport gibt’s diese Ausdifferenzierung schon seit langem. Fürs Wildwasserkajak braucht man jahrelange Erfahrung, Raften kann jeder Dödel (so auch ich, yeah!), weil man das fehlende Können kaufen kann: „Kompetenz-Oursourcing“ nennt man das! Oder mathematisch: Geld + fremde Kompetenz = Abenteuer!
Die meisten machen das inzwischen auch beim Denken. Wofür sich in aufwendigen, zeitintensiven Prozessen eine eigene Meinung bilden, womöglich auch noch fundiert?! Wer hat dafür noch Zeit und Nerven?! Es gibt doch so viele schöne, vorgefertigte Meinungen an jeder Straßenecke, die prima funktionieren und uns das Leben vereinfachen: „Meinungs-Outsourcing“ nennt sich das. Wen kümmert’s da, von wem sie sind und wem sie dienen?
Ist vielen doch gar nicht mehr klar, dass sie längst eine völlig fremde Meinung haben. Fällt höchstens noch mal auf, wenn die Politiker-Marionetten zu blöd sind, die diktierten Worthülsen fehlerfrei aufzusagen.
Was wollte ich eigentlich sagen…? Ach ja: „Ballermann ist überall!“ – Ja, ich weiß, das ist Blödsinn. Nur weil sich Rollkoffer-Fuzzis in Gringoabsteigen treffen und mir die Aussicht, die Gedanken und die Freude am Reisen verderben, muss ich mich nicht immer so aufregen. Doch, verdammt! Natürlich muss ich mich darüber aufregen! Weil es zum Kotzen ist!











