Auflagen zur Erstellung eines Reiseblogs

Gepostet am Aktualisiert am

Auflagen zur Erstellung eines Reiseblogs

Der neunmalkluge Volksmund weiß ja: „Böse Menschen singen keine Lieder!“ Das beruht natürlich auf einem stark vereinfachten Weltbild, in dem Gut und Böse deutlich abgegrenzt und gut ausgeschildert sind. Aber so ist er nun mal, der Volksmund.
Bleibt die Frage: Wer aber schreibt diese Lieder eigentlich? Vielleicht schreiben ja böse Menschen diese Lieder und lassen sie dann von den Guten singen… Was meines Erachtens, sehr gut zu unserer aktuellen Weltordnung passen würde. Denn wer verdient an den Nutzungsrechten am meisten…?
Wie auch immer. Meine Beobachtung dazu: Verliebte Menschen schreiben jedenfalls keine Lieder! Verliebte Menschen essen, schlafen und f…! Mit anderen Worten: sie sind beschäftigt und kaum für andere Sachen zu motivieren! (Natürlich ist auch diese Sicht der Dinge stark vereinfachten!)
Heißt das gleichzeitig, dass, wenn ein Künstler plötzlich die Liebe findet, er sofort aufhört, Lieder zu schreiben? Das wäre ja bei vielen Künstlern durchaus wünschenswert…!
Aber! Die künstlerische Triebfeder ist und bleibt das Unglück! Dahingehend ignoriere ich gerne alle Einwände. Denn was kommt dabei raus, wenn glückliche Menschen Lieder schreiben? Sachen wie „Wenn i mit dir danz, dann vergess i die Zeit!“ oder „So ein Tag so wunderschön wie heute!“
So etwas kann man sich als Künstler genau einmal erlauben. Danach ist der Ofen aus! Das Publikum wendet sich voll/ vor Grau(s)en ab und man wird jäh vom Künstlerbund verstoßen. Beides zurecht!
Dieses Wissen hat natürlich auch Auswirkungen auf meinen Reiseblog. So hüte ich mich davor (wie vorm Weihwasser), nette, liebreizende Anekdoten und traumhafte Ortsbeschreibungen aneinander zu knüpfen. Zu schnell könnte mir daraus ein Strick gedreht. Denn hier gilt ganz klar die Faustregel: „Willst du deine Freunde behalten, dann erzähle ihnen möglichst detailliert, was schief gelaufen ist!“ Alles andere schürt nur unnötig Neid!
(Niemand braucht noch mehr Rosamunde Pilchers.) Tragik und Komik gehen Hand in Hand und geben ein viel besseres, hübscheres wenngleich natürlich höchst unglückliches Paar ab.
Und wenn man doch über Tolles, Großartiges, Unglaubliches, ja Sagenhaftes berichtet, dann bitte in Demut, möglichst emotionslos, im Stile eines Nachrichtensprechers, einer Gebrauchsanweisung oder eines Küchenrezeptes.
Oder wie hat mir schon meine Oma vor meiner ersten größeren Reise mit einem schelmischen Lächeln mit auf den Weg gegeben: „Alles, was dir passiert, hab ich dir gewünscht!“
Naja und wer will schon sein Oma enttäuschen…?!

 

hier noch ein paar nüchterne Fakten!

tauchen, playa cepe, choroní
tauchen, playa cepe, choroní
kere kere mit kolibri - der gelbe vogel heißt "kere kere", weil er immer so ruft, und das viel, was dazu führt, dass männer ihre frauen, die viel schimpfen, auch "kere kere" nennen!
kere kere mit kolibri – der gelbe vogel heißt „kere kere“, weil er immer so ruft, und das viel, was dazu führt, dass männer ihre frauen, die viel schimpfen, auch „kere kere“ nennen!
equipo "vulcano" - campeones de Mérida
equipo „vulcano“ – campeones de Mérida

– hab eine gute woche an der karibikküste verbracht. was soll ich sagen? war schön! nur das wasser war gar nicht erfrischend!

– war 1x tauchen

– bin in einem nationalpark spaziert

– hab viel fisch (pescado frito con patacones) gegessen, wie sich das gehört

– hatte eine schreckliche busfahrt, bzw. keine busfahrt, weil der bus nach einer stunde mitten in der nacht verreckt ist…

– hab schön mit venezolanern das länderspiel gegen peru geschaut (3:2 gewonnen) und ein halb dutzend eiskalter bierchen (0,222 liter flaschen – kein witz) getrunken

– hab ein turnier mit dem team „vulcano“ in merida gespielt und gewonnen

– mache mich morgen auf den weg in den orient! gran sabana! salto angel!

liebe grüße an alle, die es bis hierher geschafft haben!

thomas

Respekt, liebe Busfahrer!

Gepostet am Aktualisiert am

Respekt, liebe Busfahrer!

Respekt! Das muss ja auch mal klar gesagt sein: Respekt vor den Busfahrern!
Okay, bei anderen Berufen würde ein ähnliches psychologisches Gutachten vermutlich eher ein Berufsverbot bewirken. Bei Busfahrer gehört eine gewisse Verrücktheit dahingehend quasi zur Grundvoraussetzung für den Beruf.
Ich kam gerade aus Chichirivichi. Das erwähne ich nur mal, um Euch die Möglichkeit zu geben, gekonnt zu kontern, falls Euch jemand fragt: „Hier, kennste ’n Fluss mit 4 „s“ und 4 „i“? – Haha, Mississippi!“ Hier die passende Antwort: „Hier, kennste ’n Ort mit 3 „tsch“ und 5 (!) „i“? – Haha, Chichirivichi!“
Mein Weg führte mich nach Maracay und von dort über eine Atem beraubende Strecke nach Choroní, was wiederum an der venezolanischen Karibikküste liegt. Wer sich schon mal gefragt hat, warum man „Atem beraubende Strecke“ sagt… Nach dieser Fahrt dürfte zumindest diese Frage geklärt sein! Die Strecke ist derart gebirgig, kurvig und zugleich schmal, dass man sich konzentrieren muss, um in den kurzen geraden Passagen ausreichend Sauerstoff zu bekommen. Sonst wird’s nämlich knapp!
Im Rennsport spricht man in diesem Zusammenhang von einer „technisch anspruchsvollen“ Strecke. Und Begriffe aus dem Rennsport bieten sich bei venezolanischen Busfahrten durchaus an. Da es bei unserer Renn- und Reisegeschwindigkeit aber unmöglich war, rechtzeitig zu erkennen oder zu erahnen, was hinter der nächsten Kurve war, blieb dem Busfahrer einzig das Stilmittel der Hupe. So konnten wir zwar noch immer nicht sehen, ob es tatsächlich hinterm Horizont immer weiter ging und ein neuer Tag auf uns wartete, wie es uns Udo Lindenberg versprochen/ verheißen hatte, aber zumindest unser Gegenverkehr wusste Bescheid. Und unsere Hupe machte Eindruck. Sie wurde, wie bei einem LKW, per Seilzug am Kabinendach ausgelöst und hinterließ eine international gültige Botschaft: Platz da!
Und da die vom Busfahrer verordnete/ verabreichte Geschwindigkeit die relative Kurvendichte noch erhöhte, zog der Busfahrer ungefähr die Hälfte der Zeit an der Hupe. Mehr konnte er nicht hupen, weil er für die übrige Zeit tatsächlich (dringend) beide Hände am Lenkrad brauchte. – Insgesamt war die Fahrleistung beängstigend, aber auch sehr beeindruckend!
Bleibt – bei allem Respekt – nur ein kleiner Vorwurf:
Das Hupen passte nicht immer zur Musik! Obwohl ich manchmal durchaus den Eindruck hatte, der Busfahrer verstünde sich als ein Teil der Kapelle und hupe eigentlich nur zur Musik, fehlte mir in dieser Hinsicht das übergeordnete musikalische Konzept. Fürs Gesamtkunstwerk dieser Busfahrt würde ich mir daher einen passenden Sound&Honk-Track wünschen.

Busreisen im Sozialismus

Gepostet am Aktualisiert am

Busreisen im Sozialismus
Am Montagvormittag bin ich am Terminal, um mir ein Ticket für den Nachtbus von Dienstag auf Mittwoch nach Coro zu kaufen, einem Ort an der venezolanischen Karibikküste. Die Schalter sind aber schon halb geschlossen, mit Schildern „no hay boletos“ im Fenster, also alles ausverkauft für den Abend. Nun gut, ich will ja erst am nächsten Tag aufbrechen. Hinterm Schalter sitzen noch immer zwei Frauen, die sich zwar mit sich bestens unterhalten können, aber mit mir nicht so richtig. Schließlich verweist mich die eine knapp auf ein anderes Schild in der Auslage: „se vende boletos solamente el día mismo del viaje!“ Heißt: Ich kann heute gar kein Ticket für morgen kaufen. Denn das geht nur am Tag der Reise! Klar, logisch…! Als ich noch mal nachfrage, weil sich mir der Sinn des Ganzen nicht erschließt, bekomme ich zwar keine Erklärung, aber immerhin den Tipp, morgen früh um zwei spätestens drei Uhr da zu sein, um mich anzustellen. Der Schalter macht dann um sieben Uhr auf. Bienvenido al socialismo del cieglo 21! Willkommen im Sozialismus des 21. Jahrhunderts.
Und die meinen das ernst! Und alle machen da mit! In Deutschland stellen die Leute nachts nur in eine Schlange, wenn man Tickets fürs Championsleague-Finale haben möchte oder wenn der neue Harry Potter rauskommt. Schlimm genug! Oder man braucht ein Busticket und lebt zufällig im real existierenden Sozialismus! Im real existierenden Kapitalismus sitzen die Nasskappen nächtelang fürs neueste Iphone auf der Straße. Weiß grad gar nicht, was schlimmer ist… Macht mich irgendwie beides traurig!
Am nächsten Tag stehe ich früh auf und fahr mit meinem Gepäck und einem Plan B zum Busterminal. Ich bin um halb sieben da – nicht etwa um zwei! Der Schalter ist noch nicht geöffnet, aber die Schlange reicht bereits durchs halbe Terminalgebäude – für 40 Plätze! Mit anderen Worten: Plan B tritt in Kraft!
Ich begebe mich direkt zum Bahnsteig und nehme einen Bus nach Barinas. Das liegt quasi auf dem Weg nach Maracay, und von dort geht’s dann weiter. Die Busse fahren regelmäßig los, wenn sie voll sind, und dann halt der nächste! Das funktioniert! In Barinas steige ich um nach Valencia, was die drittgrößte Stadt Venezuelas ist und nur etwa 30 Kilometer von Maracay entfernt ist, von wo ich dann nach Choroní möchte. Der aufmerksame Leser ermüdet zwar bei der Aufzählung böhmischer Dörfer, bemerkt aber, dass der Ort Coro nicht dabei ist. Plan B beinhaltet auch einen anderen Zielort. Obiges Choroní liegt auch an der Küste, wollte ich ursprünglich aber erst später besuchen. (So viel zur Planänderung!)
Nachteil von B ist natürlich, dass ich einen ganzen Tag in vollen Bussen bei lauter Musik verbringen, anstatt in einem bequemeren Nachtbus nachts zu reisen… Aber: Immerhin bin ich auch drin und komme voran!
Es ist halb fünf (nachmittags!), als mein Plan B scheitert. Ich stehe am Terminal in Valencia und will in den nächsten Bus nach Maracay. Die Idee hatten aber noch ein paar Hundert andere vor mir. Ich hatte während der Fahrt schon gehört, dass es heute – warum auch immer – keine Direktbusse nach Caracas gibt. Daher müssen sich alle, die nach Caracas wollen, etappenweise von Busbahnhof zu Busbahnhof hangeln. Und meine nächste Etappe liegt mitten auch auf dem Weg nach Caracas. Hatte ich erwähnt, dass die Ferienzeit in Venezuela zu Ende geht…?
Die Schlange ist jedenfalls so lang, dass mir kurz mein Zeitgefühl verloren geht. Ich wache wieder aus dem Sekundenschlaf auf und höre „Coro! Coro!“ rufe. Nein, es ist kein Papagei, der auf meiner Schulter gelandet ist! Es ist nämlich so, dass lateinamerikanische Busse, die noch nicht voll sind, sprechen können. Es laufen also Männer oder Frauen über die Bahnsteige und schreien diverse Zielorte aus. Das ist oft sehr hilfreich.
Einer der Buseinweiser, den ich frage, schätzt auf mindestens drei Stunden Wartezeit… Ich werfe noch mal einen kurzen Blick auf die Schlange, aber nur so lange, dass mir nicht wieder schwindelig wird, geh pullern und steige in den Bus nach Coro. Ich komme damit zwar an mein ursprüngliches Ziel, habe aber einen ordentlichen Zickzackkurs hingelegt und damit nochmals fünf Stunden Fahrt vor mir. Immerhin: Der Bus ist nur halb voll, ich hab also eine eigene Sitzreihe für mich und er ist klimatisiert. Zudem ist Coro die größere Stadt und ich werde dort auf alle Fälle, selbst wenn ich spät ankomme, noch etwas für die Nacht finden.
Auch im letzten Bus ist die Musik so laut, dass ich trotz Oropax noch die nach DIN genormte „deutsche Zimmerlautstärke“ mitbekomme.

Stellen sich mir folgende Fragen:
1. Bin ich ein Sensibelchen? Es scheint ja sonst niemanden zu stören.
2. Wird man im Alter geräuschempfindlicher? Ich dachte immer, man wird taub… So ein bisschen taub wäre manchmal gar nicht schlecht!
3. Gibt es auch Oropax „fuerte“ oder „deep inside“?
4. Habe ich gerade einen Erziehungsauftrag für mein Sabbatjahr gefunden? Da ich noch genügend Busreisen vor mir habe, nehme ich mir vor, fortan bei jeder Busfahrt den Busfahrer scheißfreundlich zu bitten, die Musik etwas leiser zu machen.

Und Reisende wissen: es ist immer gut, Aufgaben zu haben!

Los Llanos – Wildlife mit und ohne Federn

Gepostet am Aktualisiert am

Los Llanos – Wildlife mit und ohne Federn

Nach den ersten ruhigeren Tagen in Mérida führte mich mein erster Ausflug in den Llanos, eine riesige, tierreiche Tieflandebene, in der extensive Viehhaltung betrieben wird. Und die Viehwirtschaft ist tatsächlich so extensiv, dass die Artenvielfalt noch immer sehr hoch ist.
Von den 3500 Vogelarten Südamerikas leben doppelt so viele in den Llanos! Für genauere Zahlen siehe Wikipedia und den Bildband „Die Vögel Venezuelas“. Darin auch viel schönere Fotos als von mir. – Aber neben Vögeln gab es auch richtige Tiere zu sehen! Das klingt eventuell ein wenig abwertend gegenüber Vögeln, soll es aber auch! Ich meine, ein Seeadler, zum Beispiel, geht voll in Ordnung, oder ein Uhu. Aber das sind für mich auch echte Tiere und nicht bloßes Federvieh! Ihr versteht, was ich meine…? Ich kann mit so Flatterzeugs nichts anfangen. Einer Nachtigall kann ich schon mal eine laue Maiennacht lauschen. Und Kolibris sind toll. Aber das sind auch keine blöden Vögel, das sind ja eher vom Himmel gefallene Elfen. Aber das war’s auch!
Aber wenn der Guide nur noch einmal anhält und wichtigtuerisch „Savanna Hawk!“ sagt, dann raste ich aus! Der mag ein hübsches Gefieder haben, aber das ist ein dummer Habicht – mehr nicht! Hundertfach unterwegs! Was soll die Aufregung!
Kommen wir also zu etwas Erfreulichem. Denn es gab auch richtige Tiere zu sehen: Ameisenbär in gespreiztem Galopp mit wehendem Schweif, eine süße Baumboa, eine 3 Meter kleine, aber wunderschöne Anaconda, eine Tortuga mata mata, so eine Urzeitschildkröte mit langem, ungemein hässlichem Reptilienhals, obligatorische Brüllaffen und, meine Damen und Herren, schnallen Sie sich fest, sperren Sie Ihre Kinder weg, wir haben tatsächlich diese rosafarbenen Flussdelphine gesehen! – Nein! Doch! Oh! – Rosafarbene Flussdelphine – geht’s noch?! Dagegen können doch mal echt alle Vögel ihre Federn einpacken und sich in ihre Winterquartiere verziehen!

Was gab’s sonst noch auf der Tour:
„nette Leute“: ein supernetter Guide, Tillo, und dazu ein nettes Pärchen aus dem Stuttgarter Raum, Julia und Thomas.
„Carne en vara“ (für alle, die gerne Fleisch essen: So wird’s richtig lecker! Typisch für die Region „Los Llanos“: Das Fleisch aufgespießt in großen Teilen schräg übers Feuer gestellt und dann mal ein paar Stunden gewartet…)
„Piranhas füttern“: Schön immer wieder den Köder am Haken reingeworfen und von den Mistviechern abknabbern lassen. Hätten die Hühnchenstücke auch direkt ins Wasser werfen können – wäre schneller gegangen! Unser Guide hat aber drei recht dicke Piranhas rausgezogen, die wir dann abends verköstigt haben. Die Biester sind echt lecker!
„Sich auf Pferderücken bewegt“: „Reiten“ darf man aus begriffsnutzungsrechtlichen Gründen nicht dazu sagen!
„Rafting“: ein nettes, aber recht harmloses Flüsschen runtergeschippert.
„Fahrt durch die Anden“: Tja, die Anden reichen bis Venezuela! Schöne Fahrt durch die Sierra Nevada de Mérida, aufgrund des frischen Klimas das Hauptanbaugebiet Venezuelas für viele landwirtschaftliche Produkte.

carne en vara

tortuga mata mata - urzeitschildkröte
tortuga mata mata – urzeitschildkröte

 

anaconda, klein

 

capyvara (Wasserschwein, nicht lecker!!!) mit Vogel
capyvara (Wasserschwein, nicht lecker!!!) mit Vogel

 

piranha, ungefährlich weil tot, dafür lecker!!!
piranha, ungefährlich weil tot, dafür lecker!!!

 

caminando en cavallo
caminando en cavallo

Und sonst so:
In Mérida bei großartiger Gastfamilie untergekommen.
Schon einen Trainingstag im Ultimate mitgemacht. Jetzt darf ich auch gleich in zwei Wochen am Turnier in Mérida teilnehmen.

Bis dahin werde ich mich ein wenig an der Küste vergnügen!

Wünsche Euch alles Gute!

Busfahrt mit Vallenato

Gepostet am Aktualisiert am

Eine Busfahrt mit Vallenato
oder: „Bärchen, ich schwör, das hättest du nicht überlebt!“

Für alle, die Vallenato kennen: Ihr wisst ja Bescheid!

Für alle anderen:
Auch einem geübten Backpacker passiert mitunter mal ein Schnitzer. Also merkt Euch für alle Zeit (also besonders ich!): Oropax gehören, verdammt noch mal, ins Handgepäck! Da gibt es keine Ausreden.
Mir war es gelungen nach einem langen Flug und einer staureichen Busfahrt vom Flugplatz nach Caracas doch noch einen Platz im Nachtbus nach Mérida zu ergattern. Das klingt doch wie ein Erfolg. Erstmal! Aber, die Einleitung lässt die berechtigte Vermutung zu, dass sich die Oropax im Kulturbeutel im großen Rucksack befanden und nicht, da wo sie hingehörten, in meinen Ohren!
(Exkurs zum Thema „Stau in Caracas“: Was will man erwarten, wenn man in einer Fünfmillionenstadt den Sprit an die Bevölkerung verschenkt…?! En serio! Was soll da wohl passieren?! Und „verschenken“ ist hier ausdrücklich nicht metaphorisch gemeint, sondern soll heißen, dass er nichts kostet. Eine Tankfüllung kostet deutlich weniger als 1 Dollar! Offizieller Wechselkurs! Und wehe es fängt jetzt einer an, ja, aber das hängt ja davon ab, wie viel man verdient…)
Die Direktbusse nach Mérida waren schon ausverkauft. So musste ich froh sein, überhaupt noch einen Platz zu bekommen. Auch wenn mir nicht so ganz klar war, wohin dieser Bus, ich den ich da geschoben wurde, denn nun genau fuhr. Ich konnte auch durch angestrengtes Suchen in meiner Karte keinen halbwegs ähnlich lautenden Ort in der groben Nähe von Mérida finden. Auch Nachfragen half nicht: Jaja, Umsteigen in Nuschelnuschel! Danke vielmals.
Ich fand einen Platz in der letzten Reihe des Busses, in der man die Rückenlehnen nicht verstellen kann. Immerhin saß dort ein Mitreisender, der auch nach Mérida wollte, was mich so sehr erleichterte, dass mir die korrekte Aussprache und geographische Lage von Nuschelnuschel plötzlich völlig egal waren. Denn so verkehrt konnte der Bus ja nicht sein!
Auch die hinterste Reihe füllte sich bis auf den letzten (5.) Platz, sodass es gemütlich wurde und eigentlich – gemäß lateinamerikanischer Busfahrerregel – hätte losgehen müssen. Es sei denn: man wartet auf noch mehr Passagiere, die sich in die Gänge zwängen. Was natürlich auch sehr beliebt ist… Aber nein! Es ging einfach ohne Grund nicht los. Die beiden Busfahrer erschienen und gingen immer mal wieder, setzten sich schon mal wichtig auf ihren Platz, um ihn aber wieder zu verlassen, was der Venezolaner aber kommentarlos verträgt.
Damit uns Wartenden nicht allzu langweilig wurde, lief bereits ein Actionfilm. Der Bildschirm war vorne über dem Fahrer und die Boxen, die praktischer Weise über der letzten Sitzreihe hingen, konnten einiges und waren so gut mit der Karosserie verschraubt, dass wir die Bässe auch mit dem Hintern hören konnten.
Es wäre alles halb so wild gewesen, wenn es nicht doppelt so laut gewesen wäre. Der durch den Sozialismus gestählte Venezolaner erträgt das ohne Murren. Denn er weiß, dass es in einer Planwirtschaft nicht immer alles gibt. Für uns konkret bedeutete das: Es gibt nur „laut“, denn „leise“ ist gerade aus!
Als wir endlich eine Stunde später los fuhren, lief bereits der nächste Film, zwar kein Action, aber genau so unerträglich laut. Ich fühlte schon den Wahnsinn in mir aufsteigen und es lagen noch 14 Stunden Fahrt vor mir. Wie war das noch mal mit der venezolanischen Ratifizierung der Genfer Konventionen…?
Nachdem der überlaute und überwitzige Film vorüber war, ging es mit der Musik los. In wechselnder Folge erklang Salsa (okay), Merengue (naja) und schließlich Vallenato (Oh mein Gott!). Im Kabinett des Grauens fehlte lediglich Reggeaton, der es in seiner Unerträglichkeit mit dem Vallenato tatsächlich aufnehmen kann. Vielleicht sollte der Verzicht auf Reggeaton als venezolanischer Versuch des Gottesbeweises herhalten… Wer weiß? – Auf jeden Fall wiederholte sich die Playlist einige Male, schließlich hatten wir ja Zeit.
Den „Vallenato“ muss ich kurz erklären. Eine Combo setzt sich zusammen aus einem möglichst verstimmten Akkordeon (fragt mich nicht, warum das so ist. Traditionen sind manchmal schwer zu erklären…), einer Trommel, einer Güira (einer Art Käsereibe, über die ununterbrochen hoch- und runtergeschrubbt wird) und einer wehklagenden Jammerstimme, die die immer gleiche Geschichte vom Mann erzählt, der sein geliebtes Tal (samt Familie, Geliebte und Esel) verlassen musste und darüber fürchterlich leidet und selbstverständlich nie nie glücklich werden kann. Doch anstatt einfach in sein verdammtes Tal zurückzukehren und endlich die Fresse zu halten, heult er einem in tausendfacher und doch immer gleiche Weise die Ohren voll. Unerträglichkeit erreicht durch den Vallenato eine ungeahnte Dimension.
Natürlich möge man einwenden, Musik sei Geschmacksache. Aber Toleranz muss auch seine Grenzen haben! Ich zum Beispiel kann rechtes Gedankengut weder tolerieren noch ertragen. Ebenso gehört, meines Erachtens, der Vallenato völkerrechtlich geächtet!
Aber irgendwie hatte diese Fahrt mit Null Stunden Schlaf und 12 Stunden Vallenato auch etwas Bezauberndes, was ich nur schwer erklären kann. Jedenfalls störten mich am Ende der Fahrt nicht mal mehr die komischen Blicke der Mitfahrenden, die mich beim lauten, klagenden Mitsingen trafen. So viel schlimmer konnte es schließlich gar nicht klingen!

Ach ja, fast hätte ich es vergessen: „Bärchen, ich schwör, diese Fahrt hättest du nicht überlebt!“