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Mit Phil Collins durch den Altiplano

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Mit Phil Collins durch den Altiplano

Es gibt ja nicht umsonst das Sprichwort: „Alles, was schön ist, ist nicht nur schön!“ Oder war das auch wieder bloß so ein Spruch von meiner Oma…?
In jedem Fall passt das auch zu unserer Tour durch den atemberaubenden Altiplano. Wobei hier „Atem beraubend“ endlich auch mal wortwörtlich zu gebrauchen ist. Denn wir kratzten bei unserem Roadtrip mehrfach an der 5000 Höhenmeter-Marke. Da wird’s schon dünne!
Das Ganze ging in San Pedro de Atacama, Chile, los. Morgens um 8 Uhr wurde in von einem Mercedes Sprinter eingesammelt und zur chilenischen Migrationsstelle gebracht. Als wir dort ankamen, standen dort schon acht bis zehn andere Sprinter und vor der Stempelstelle, an der eine Person arbeitete, die entsprechenden Sprinterbesatzungen in der Schlange. Nicht zum ersten Mal stellte sich mir die Frage: Warum müssen eigentlich ALLE Touren IMMER zur genau gleichen Zeit beginnen? (Ich meine, wenn man irgendwo den Sonnenaufgang sehen will, leuchtet mir das ein…)
In Torres del Paine durfte ich ebenfalls Zeuge dieser Idiotie werden. Dort starteten ALLE Reisebusse um 7:45, was dazu führte, dass ALLE Busse zur gleichen Zeit an der Rangerstation waren, wo man sich, busweise, registrieren ließ und dann eine Belehrung über die Regeln im Nationalpark bekam. Das dauerte pro Bus so 20-30 Minuten. Die anderen Busse mussten also warten. Und das machen die JEDEN Tag so. Aber auf die Idee, dass die Busse womöglich zu unterschiedlichen Zeiten aufbrechen könnten (Ich hätte gerne einen späteren Bus genommen), kommt niemand. Nach unserer Busschlange war jedenfalls den ganzen Tag nichts mehr los an der Rangerstation. Ich Depp durfte das bezeugen, weil ich auf meine Regenjacke warten musste, die ich im Bus vergessen hatte.
In San Pedro war es das gleiche Spiel. Alle Gruppen starteten zur exakt gleichen Zeit. Und so trafen wir uns auf unserer dreitägigen Tour immer wieder.
An einer der winzigsten Grenzstationen der Welt bekamen wir unseren Einreisestempel und wechselten in bolivianische Toyota Landcruiser 4×4, zu je fünf oder sechs Personen. In dieser Besatzung blieben wir dann für die nächsten Tage zusammen. Allerdings trafen wir auf unserem Trip an JEDER Station auf alle anderen Gruppen. Zum Glück befanden wir uns in der Nebensaison und so rollten nur 20-25 Jeeps pro Tag und Richtung durch den Altiplano. Zur Hauptsaison sind es dann über 80! Krasse Vorstellung! Ich kam mir schon jetzt beinahe vor wie ein Teil der Rallye Paris-Dakar-Uyuni!
Ich entwickelte eine spezielle Fotografiertechnik, die ich mir noch rechtlich schützen lassen werde, die den perfiden Eindruck entstehen lässt, dass nur wir dort ganz allein unterwegs waren.
Das Schlimme an dem tollen Trip war, um wenigstens einmal während der zehn Monate auf die Einleitung zurückzukommen, die Musik. Unser Fahrer ließ einen Gruselmix der scheußlichsten, weichgespülten Softporno-, Einkaufs- und Fahrstuhlmusik aller Zeiten laufen. Eine kleine Auswahl des Grauens gefällig? Nicht, auch gut! Wer das in seiner Ballung nicht erträgt, sollte beim Lesen zwischendrin eine Pause machen oder hier aufhören zu lesen.
James Blunt, Backstreet Boys, Lionel Richie, Meat Loaf, Kansas, Michael Boldon, Guns N’Roses, Genesis, U2, Georg Michael, Whitney Houston, Maria Carey, Sinnead O’Connor, Roxette, Britney Spears und vieles Schlimmes mehr. Ach, ja, hätte ich ja fast vergessen, und natürlich und reichlich die Obernervbratze von Phil Collins.
Und dazu die dünne Höhenluft…! Freunde, Freunde!

Aber sonst, ich will ja nicht nur klagen: ein Oskar für die großartige Kulisse! Mehr dazu!

kaum zu erkennen und gut versteckt hinter dem linken Jeep befindet sich auf über 4000 Höhenmeter im Nichts die bolivianische Grenzstation. Sie ist damit einer der winzigsten besetzten Grenzstationen of the world!
kaum zu erkennen und gut versteckt hinter dem linken Jeep befindet sich auf über 4000 Höhenmeter im Nichts die bolivianische Grenzstation, die bolivianische Fahne verrät sie. Es ist damit einer der winzigsten und höchsten besetzten Grenzstationen of the world!
Jeeps in Lauerstellung an der Isla Pescado. Es sind nur 25, es ist ja Nebensaison!
Jeeps in Lauerstellung an der Isla Pescado. Es sind nur 25, es ist ja Nebensaison!
auch schön! Wer genau hinsieht, erkennt die sorgfältig angeordneten Steinchen für die Parkbuchten der Jeeps. Das Ganze im Nichts auf 4500m. Putziges Volk!
auch schön! Wer genau hinsieht, erkennt die sorgfältig angeordneten Steinchen für die Parkbuchten der Jeeps. Das Ganze in the middle of nothing auf geschätzten 4500m. Putziges Volk!

Bilateraler Weinvergleich

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Bilateraler Weinvergleich

Das Prinzip des heutigen Blogs kennen Sportfreunde aus den so genannten Head-to-Head-Vergleichen vor wichtigen Fußballspielen. Da werden die Stärken und Schwächen der unterschiedlichen Mannschaftsteile gegenübergestellt und es kommt ein subjektives Ergebnis heraus, das mit dem Ausgang des Spiels – und das ist das Faszinierende daran – NIEMALS etwas zu tun hat.
Das kann ich auch! Heute geht es um den Direktvergleich zweier Weintouren, die ich in den letzten vier Tagen gemacht habe, eine in Chile (bei Valparaiso) und eine in Argentinien (bei Mendoza). Für meine fachkundige Untersuchung habe ich verschiedene Kriterien ausgewählt und sie beurteilt. Auf diese Weise verteile ich Punkte.
1. Die Organisation der beiden Touren ist sehr verschieden. In Valpo organisiert der Hostel-Eigner die Tour sehr individuell und begleitet uns persönlich durch die Weingüter, während es in Mendoza eine fest organisierte Tour mit fix gebuchten Stationen und dortigen Führungen ist. Beides funktioniert gut. Unentschieden: 0,5:0,5.
2. Der Preis in Mendoza für das Gesamtpaket ist viel günstiger, was auch daran liegt, dass Argentinien insgesamt billiger ist. 1,5:0,5 für Mendoza.
3. Die Infos, die man auf den Weingütern bekommt, sind in Mendoza gut, auch wenn sie sich bei den Stationen wiederholen. In Chile verzichten wir auf Führungen und konzentrieren uns aufs Degustieren. Punkt für Mendoza: 2,5:0,5.
4. Die Degustacion, das Kernstück der Tour (daher doppelte Bewertung!), ist in Chile erheblich besser. Sehr gut geschultes Personal bringt uns die Weine näher. Da macht das Schlürfen und Klugscheißen richtig Spaß. Ausgleich: 2,5:2,5.
5. Die Weine (auch hier doppelte Punktzahl): Auch hier gehen beide Punkte nach Chile. Hier werden uns ganz klar die subjektiv besseren Weine angeboten. Sehr überzeugend und lecker. 4,5:2,5 für Chile.
6. Die Tour in Mendoza überzeugt durch ihre Abwechslung. Neben Wein stehen noch eine Likörfabrik, Olivenölproduktion und eine Schokoladenmanifaktur mit selbst komponierten Schnäpsen auf dem Programm. Alles mit Verkostung versteht sich. Punkt für Mendoza: 3,5:4,5.
7. Ein Punkt für die reizvollere Landschaft und die Attraktivität der besuchten Weingüter geht nach Chile. Das Auge trinkt ja schließlich auch mit. 5,5:3,5.
8. Die Kategorie „Tourschlampe“, äh, „Tourbetreuung“ geht auch nach Chile. Die persönliche Betreuung von René ist einfach eng verbunden mit dem Erfolg der Veranstaltung und der tollen Stimmunmg an Bord. 6,5:3,5.
9. Sonderpunkt für mein persönliches „Fundstück aus Fernwest“ ist im Übrigen der Carmenère, eine ursprünglich französische Traube, die aber wegen großflächigen Schädlingsbefall in Europa (weitestgehend) verschwunden ist. Tolle Traube, toller Wein. Punkt für Chile: 7,5:3,5.
10. Letzte Kategorie: Betrunkenheitsgrad am Ende der Tour! Allein die Tatsache, dass ich noch in der Lage bin das hier überhaupt zu schreiben, spricht klar gegen Mendoza. Wenngleich wir auch in Chile noch in der Lage waren, im Anschluss vergnügt weiter zu trinken. Punkt nach Chile! 8,5:3,5.
Fazit: Chile gewinnt, ganz objektiv betrachtet, die bilaterale Weinverköstigung. Falls sich bei der Fußball-WM die beiden Teams mit genau diesem Ergebnis trennen sollten, werde ich in Zukunft als Wahrsagerkrake arbeiten und euch allen einen geilen chilenischen Carmenère spendieren!

gediegenes Ambiente, interessante Ausführungen, professionelle Degustacion
gediegenes Ambiente, interessante Ausführungen, professionelle Degustacion
Weinprobe mit Aussicht! So macht das Spaß!
Weinprobe mit Aussicht! So macht das Spaß!
Selbsthilfegruppe bei der Arbeit.
Selbsthilfegruppe bei der Arbeit.
Herr Boe versucht, den Durchblick zu bewahren.
Herr Boe versucht, den Durchblick zu bewahren.
Schnappsregal in der Schokoladenmanifaktur. mein Favorit "ruso muerto", der "tote Russe", grüner Pfeffer auf Wodka aufgezogen!
Schnappsregal in der Schokoladenmanifaktur. mein Favorit „ruso muerto“, der „tote Russe“, grüner Pfeffer auf Wodka aufgezogen!

 

Tsunamialarm

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Tsunamialarm

So! Jetzt ist auch das amtlich: Ich bin Katastrophentourist. Ich hab’s irgendwie schon immer vermutet.
20:46 Uhr, Ortszeit, hat ein Erdbeben der Stärke 8,2 auf der Richterskala den Norden Chiles erschüttert. Zum Glück war das Epizentrum auf dem Meer und zum noch größeren Glück hat das Ganze keinen schlimmen Tsunami ausgelöst. Gibt es so etwas wie einen nicht schlimmen Tsunami…? Okay, sagen wir einfach, es gab für die chilenische Küste dieses Mal keinen Tsunami. Warum auch immer…
Zumindest die Vorhersagen und das Warnsystem in Chile sind absolut vorbildlich. So hat es für die gefährdeten Küstenabschnitte großräumige Evakuierungen gegeben. Allein in Iquique wurden 80000 Menschen evakuiert. Und die Chilenen machen dabei auch widerstandslos mit. Eine Zeitung sprach von einer Evakuierungsquote von 98% der betroffenen Region. Klingt zwar ein bisschen wie ein Wahlergebnis in der DDR oder der Krim, aber spricht natürlich für die Ernsthaftigkeit der Situation und den Umgang damit.
Die Vorhersage für den Tsunami in Valparaiso, meinem Standort, lag bei 22:42 Uhr. Klingt professionell. Mein Hostel liegt auf einem der zahllosen Cerros/Hügel der Stadt und damit deutlich oberhalb jeglicher Tsunamireichweite. Von dort ließen sich also relativ entspannt die einkommenden Nachrichten verfolgen. Knapp zusammengefasst: für diese Stärke – Schwein gehabt. Und auch vom angekündigten Tsunami blieb zum Glück nichts zu sehen. Denn davon möchte man, liebe Katastrophentouristen, definitiv nichts sehen. Weder direkte noch indirekte Folgen.
Der nächste Tag ist ruhig. Normalität ist schnell eingekehrt. Das Fernsehen berichtet weiter, die Präsidentin fliegt in die Krisenregion, wie es unsere Angie tun würde. Aber sonst…
Interessant finde ich den Beitrag einer peruanischen Journalistin, die die Rückständigkeit ihres eigenen Landes im Vergleich zu Chile anklagt. Schließlich ist ja auch die peruanische Küste betroffen. Aber dort gibt es kein funktionierendes Warnsystem wie in Chile. Dass das böse Folgen haben kann und wird, sollte eigentlich jedem klar sein. Aber dahingehend hinkt Peru seinem Nachbar wohl noch erheblich hinterher. Also, liebe Peruaner, macht etwas! Ich wollte eigentlich noch ein paar entspannte Tage an Euren Stränden verbringen!

 

Fundstück – Endlich Pazifik

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Fundstücke in Fernwest – Endlich Pazifik

Nach herrlichen Wochen in Patagonien, die neben der tollen Landschaft kulinarisch vor allem Fleisch zu bieten haben (keine Kritik!!!), genieße ich die kluge Idee Chiles, sich eine ordentliche Portion Pazifik gesichert zu haben. Ich meine hier ausdrücklich nicht die vier nördlichsten Breitengrade, die sie ihren Nachbarn Peru und Bolivien im Salperterkrieg abgenommen haben, sondern die übrigen 4000 Kilometer, die ja eigentlich auch genug sind/ sein sollten, aber eben keinen Salpeter hatten. Ich schweife ab…
Und viel Meer bedeutet auch viel Fisch und sonstiges Meeresgetier. Nachdem ich Puerto Montt schon mal meine erste Ladung Ceviche einwerfen durfte, bin ich jetzt noch mal schlappe 1000 Kilometer weiter im Norden in Valparaiso wieder an der Küste. Und hier bin ich gleich in den Mercado El Cardenal und habe sehr lecker Meeresfrüchte gegessen. Ein eingekochter Eintopf „Chupe de Camarón“ dazu eine Fischsuppe „Paila de Marisco“. Herrlich! Genau das richtige für pesco- und mariscophile Menschen wie mich!
Danach noch kurz mit der Metro an den städtischen Strand gefahren und die Nase gebührend in Sonne und Meeresluft gestreckt, während der Pazifik harmonisch und rhythmisch Wellen gegen den Strand wirft, als würde er nichts anderes machen. Wer mich gedanklich schon beherzt ins Meer springen sieht, kennt den Humboldtstrom schlecht. Denn das Wasser ist saukalt! Man kann eben nicht alles haben. Fisch- und Meeresfrüchtereichtum plus Warmwasseranschluss wird hier nicht geliefert!

WOW! Nun! Ich werde gerade Zeitzeuge eines heftigen Erdbebens, das es soeben in Iquique, im Norden des Landes, gegeben hat. 7,9 auf der Richterskala! Tsunami-Warnungen im ganzen Land. Ich bin zwar nach wie vor in Valparaiso an der Küste, aber ich wohne einige Hundert Meter am Hang aufwärts, sodass keine reelle Gefahr besteht. Trotzdem ist die Stimmung besonders…. die Nachrichten die laufen…. Berichterstattung auf allen Kanälen…. mehr dazu morgen….

"Chupe de Camarron" - großer Spaß!
„Chupe de Camarron“ – großer Spaß!
na, das schaut doch gut aus, was?
na, das schaut doch gut aus, was?

 

Fundstück – Heiße Schokolade

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Fundstücke in Fernwest – Heiße Schokolade

Das letzte Mal, als ich eine heiße Schokolade getrunken habe, ist gefühlte 25 Jahre her.
Ich sitze in diesem historischen Moment in den Bergen vor Pucón. Gerade bin ich aus den Termas Geométricas (Hot springs) als zufriedene Ursuppe zurück an Land geschwappt. Materialisiere mich gerade wieder entgegen dem überzeugenden Gedanken, dass wir eigentlich doch alle bloß Wasser sind und ins Wasser gehören, bei 38-40°C versteht sich, geschüttelt und nicht gerührt.
Ein nettes Café mit Feuerkorb und Glasfront zu den Thermalquellen lädt ein, sich etwas zu gönnen. Einem Kaffeetrinker wie mir kommt Kaffee in den Sinn. Ich weiß längst, dass das ein fehlerhafter Gedanke in Südamerika ist, und ich bin natürlich selber Schuld. Aber hin und wieder lauern positive Überraschungen. In Buenos Aires gibt’s nette Cafés mit gutem Kaffee. Italienischer Einfluss macht sich hier bezahlt, neulich in Puerto Varas konnte ich einen Ristretto bestellen und ihn auch bekommen. Aber sonst…?! Abwarten und Teetrinken.
Aber ausgerechnet Chile, das bestentwickelte Land des Kontinents, muss es völlig übertreiben. What’s wrong with you?! Sollt ihr doch das verfickte Nestlé-Logo direkt in eure Fahne mit aufnehmen. Die stellen einem in Restaurants (!) neben den Becher mit heißem Wasser eine Instant-Kaffee-Dose auf den Tisch. Und das ist keine dieser merkwürdigen Metaphern von Herrn Boe, die keine Sau versteht! Nein, sondern tatsächlich eine Dose mit Instant-Kaffee! Das ist so entwürdigend. Greift hier nicht das Völkerrecht! Die blöde UN beschimpft Uruguay, weil sie Marihuana erlauben, aber was unternimmt sie gegen Chile…?!
Bolivien zerrt Chile ja gerade wegen des in den Salpeterkriegen (im 19. Jahrhundert wohlgemerkt) verloren/geklauten Meereszugangs vor den internationalen Gerichtshof in Den Haag. Das Gleiche sollte man mit Chile wegen Verachtung der Würde des Kaffees machen!
Aber, aber… Ich bin viel zu entspannt und gut gelaunt und so bestelle ich mir eine heiße Schokolade. Natürlich ist auch das eine Fertiglösung und natürlich nicht mit Milch und natürlich viel zu süß für meinen Geschmack und natürlich auch von Nestlé (ich bin ja immer noch in Chile!). Aber trotzdem einfach herrlich! Heiß und süß und einfach mal kein schlechter Kaffee! Manchmal ist das so einfach. Hat sieben Monate gedauert. Da hätte ich Depp auch schon mal früher drauf kommen können!

das bekommt man im Restaurant auf den Tisch gesetzt, wenn man dummerweiser Kaffee bestellt! Na, dann viel Vergnügen...!
das bekommt man im Restaurant auf den Tisch gesetzt, wenn man dummerweiser Kaffee bestellt! Na, dann viel Vergnügen…!

Seemannsgarn

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Seemannsgarn

Como se dice überhaupt „Seemannsgarn“ en español? Und ich will jetzt nicht „Hilo de Marinero“ hören!
Ich stand an Deck mit einer Belgierin und erzählte ihr von meinem Erlebnis mit einer der Kapitänsgehilfinnen von der Brücke. Wir schipperten zwar auf einem Viehtransporter durch die südchilenische Fjordwelt, aber immerhin durften wir auf die Brücke. Von dort konnten wir im Golfo de Penas Wale beobachten. Man sah eigentlich nur die Fontänen („Er bläst!“), aber darunter befanden sich, wie wir vermuteten, wohl die Wale. Ansonsten taten ja so etwas nur Geysire und die lebten bekanntlich woanders!
Ich fragte die Lady auf der Brücke höflich auf spanisch, um was für Wale es sich denn handele, woraufhin sie mir ein knappes „No sé!“ vor die Füße warf wie ein Greifvogel sein Gewölle vors Nest („Weiß nicht!“). Okay, ich formulierte meine Frage vorsichtig um, was für Walarten denn hier so normaler Weise unterwegs seien, woraufhin sie mir, als hätte sie mir genau diese Frage schon ein paar Hundert Male zuvor beantwortet, ein weiteres „No sé!!!“ entgegen warf. Ich hörte deutlich die drei Ausrufezeichen und wollte bereits vorsichtig den Rückzug antreten, aber sie ließ noch frostiges „I don’t know!!!“ folgen. Ja, doch, sorry! – Hätte sie doch durchaus wissen können, wenn sie hier jeden Tag lang fuhr. Es war ja auch bloß ’ne Frage…
Das erzählte ich der Belgierin, woraufhin sich folgendes Garn spann:
Denn natürlich gab es gute oder schlechte Gründe für die Verstimmtheit der Kapitänsgehilfin, die nicht in erster Linie mit mir (schon eher mit den blöden Walen) zu tun hatten. Denn einst war sie die Käptnsbraut gewesen, mit dem sie noch immer auf der Brücke arbeitete. (Sie hatte sich ursprünglich auf der Seite von http://www.findacrew.net beworben und bei „könnte mir eine Beziehung mit dem Kapitän vorstellen?“ mit JA geantwortet. Vergleiche: https://tommiboe.wordpress.com/2014/03/24/fundstuck-find-a-crew-net/) Mir war bei unserer Begegnung aufgefallen, dass sie sehr ernste, ein wenig männliche Züge hatte. Nichts Schlimmes, aber doch konnte man einen seichten Flaum auf der Oberlippe erkennen, auch hatte sie durchaus markante Gesichtszüge. Wie gesagt, nicht schlimm. Und es gibt Männer, die so etwas attraktiv finden. So auch unser Kapitän, bis ihm klar wurde, dass er insgesamt eher auf komplett männliche Typen stand: also direkt Männer und nicht männlich wirkende Frauen.
„Seitdem ist es die Liebe aus/ und nun lebt im Käptnshaus/ ein Mann/ der zu allem Überfluss auch noch besser kochen kann!“
Und je näher die Fähre Puerto Montt kam, um so garstiger wurde die Stimmung der Exkäptnsbraut. Und als ich nun auch noch nach dem Namen der Wale fragte, trat ich unwissentlich aber unentschuldbar in den nächsten mit frischem Waltran gefüllten Fettnapf. Denn der Neue des Käptns war ausgerechnet Walforscher.
Als ich das nächste Mal die Brücke betrat, war ich rücksichtsvoller, lächelte ein vorsichtiges Allerweltslächeln, nicht zu mitleidsvoll und verpisste mich auf die andere Seite der Brücke. Hoffentlich tauchten jetzt keine Wale mehr auf und irgendein anderer dämlicher unwissender Tourist fragte sie…!
Die Belgierin und ich schauten uns zufrieden an. Mensch, die Erklärung war doch ganz einfach gewesen…
Außerdem passierte ja sonst nichts auf dem Boot. Langsam schoben sich die Berge an Land vorbei, von Gletschern fast identisch abgerundete Inseln tauchten auf und verschwanden wieder, hin und wieder ein Geysir, Seelöwe oder Delphin. Das klang zwar ganz gut, aber streckte sich über drei lange Tage, während am Heck die Kühe verzweifelt blökten. Aber niemand kam vorbei und putzte ihre Toilette. (Was sonst auf der Fahrt passierte, siehe: https://tommiboe.wordpress.com/2014/03/23/auf-einem-viehtransporter-durch-die-chilenischen-fjorde/)
Und wenn man sich überlegt, wie öde das früher erst auf Booten gewesen sein musste und wie lange so eine Fahrt dauern konnte und wie schlecht die Netzabdeckung damals war, wundert man sich nicht, dass sich die Seemänner gegenseitig eine ordentliche Portion Unfug erzählt haben. Man war ja froh über jede Abwechslung!
Was das angeht, wäre ich wahrscheinlich auch ein guter Seemann geworden.

Fundstück – Erdbebendeutung im Frühstücksfernsehen

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Fundstücke in Fernwest – Erdbebendeutung im Frühstücksfernsehen

Ich bin zu Besuch bei der Familie meiner norwegisch-chilenischen Freunde und sitze dort am Frühstückstisch. Es läuft im Frühstücksfernsehen eine Sendung zu den jüngsten Erdbeben um Iquique im Norden Chiles. Neben den Moderatoren befinden sich noch zwei ausgewiesene Experten in der Gesprächsrunde. Der Brasilianer Mago Yin, ist ein höchst talentierter Magier, der mittels seiner extrem sensiblen Hämorrhiden Erdbebenwellen schon vor ihrer Entstehung fühlen kann. Vielleicht habe ich diesen Teil auch nicht ganz richtig verstanden. Man möge mir diese Nachlässigkeit entschuldigen.
Jedenfalls sitzt er als Experte häufig in solchen Fernsehrunden, wie mir die Mutter meiner Gastfamilie bestätigen kann. Außerdem ist noch eine dicke, buntgekleidete „Tarotista“, also Tarotkarten-Betrügerin, äh, sorry, -Legerin, in der Runde. Ihre Glaubwürdigkeit werden durch ihre Dicke und ihr schreckliches Outfit unterstützt.
Mago Yin enttäuscht mich doch ein wenig. Für jemanden, der davon lebt, mit seinen Hämorrhiden Erdbeben vorherzusagen, sollte er einfach wissen, dass es nicht, wie er behauptet, die Pazifische Platte ist, die unter die Südamerikanische taucht, sondern die Nazca-Platte. Das wissen selbst die meisten meiner Neuntklässler – zumindest bis zur Klassenarbeit (haha)!
Hinter der Sendung steckt natürlich im Land des Erdbebenweltmeisters die Furcht vor einem neuen großen Beben. Das Erdbeben von Iquique hatte eine Stärke von 6,5 auf der Richterskala und war von einigen schwächeren Nachbeben gefolgt. Aber wird es bald ein noch stärkeres Beben geben? Diese Frage und diese Angst steckt in vielen Chilenos. Und so bestimmt diese Frage nicht nur das Fernsehen. Es gibt in den Schulen regelmäßige Evakuierungsübungen. So wie uns den jährlichen Feueralarm, nur viel häufiger und ernsthafter. Zudem gibt es extra Straßenschilder für Tsunamis (bzw wohin man bei einem Tsunami flüchten soll).
Das letzte große Beben 2010 hatte eine Stärke von 8,8 auf der Momenten-Magnituden-Skala, die im übrigen davon ausgeht, dass bei ihrem Maximalwert von 10,6 die Erdkruste auseinanderbricht, womit sie den Apokalypse-Preis des Tages erhält. Auf der „modifizierten Mercalliskala“ erreicht das Beben, je nach Quelle, die Stufe VIII oder IX (zerstörerisch bis verwüstend). Stufe XII bedeutet dahingehend „große Katastrophe“ und ist damit nicht vollends weltuntergangstauglich!
Auch 2010, es gab über 500 Todesopfer zu beklagen, war die Berichterstattung über Tage und Wochen hinweg so beherrschend, dass die damals elfjährige Tochter meiner Gastfamilie das Ganze nicht mehr verarbeiten und nicht mehr schlafen konnte und sogar völlig abwesend zu schlafwandeln begann. Dazu muss man sagen, dass die Familie in quasi jedem Raum des Hauses, abgesehen von den Bädern, einen Fernsehen (laufen) hat.
Der konsultierte Arzt verschrieb daraufhin absolutes Fernsehverbot für die Kleine! Kleiner Hinweis dazu: In Deutschland ist das übrigens nicht verschreibungspflichtig!
Ach, eins noch zu Erdbeben. Es gibt eine von US-amerikanischen Mikrowellenlobbyisten unterstützte Studien, in der amerikanische Wissenschaftler herausgefunden haben, dass Erdbebenwellen in der Lage sind, Mikrowellen auszulösen: „Pling!!“ Was dazu geführt hat, dass selbst in entlegenen chilenischen Dörfern ohne Stromanschluss in Prinzip in jedem Haus mindestens eine Mikrowellen steht.

(Anm. d. Red.: Sätze, die mit „amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden“ beginnen, weisen häufig auf Satire hin. Ich schreibe das, obwohl mir meine Oma beigebracht hat: „Erschieß dich, bevor du einen Witz erklärst!“ Ich weiß! Und sie hat natürlich recht. Sorry, Oma! Aber ich kann mir einfach keinen Rechtsstreit mit der US-amerikanischen Mikrowellenindustrie leisten!)

Evakuierungsrichtung im Falle eines Tsunamis, gesichtet in Pto. Natales
Evakuierungsrichtung im Falle eines Tsunamis, gesichtet in Pto. Natales