„tommi boe“
Von Whataboutism zu Windpatriotism
Von Whataboutism zu Windpatriotism

Neulich bei Lanz (bis 9:19 min). Nicht dass ich mir häufig Lanz anschauen würde, so tolerant bin ich nun auch nicht. Aber der Ausschnitt, in dem Lanz versucht, Sarah Wagenknecht zu grillen, und ihr mehrfach das Wort abschneidet und reflexhaft Whataboutism vorwirft, war mal wieder sehr hübsch. Lanz, traditionell in Stars and Stripes gekleidet, versucht Wagenknecht zwanghaft, die Russlandfahne umzuhängen, während sie in aller Ruhe die geopolitischen Ränkespiele um Nordstream 2 erklärt oder, besser gesagt, zu erklären versucht, denn davon will Lanz ja gar nichts wissen. Denn: Whataboutism!
Putzig der Lanz! Denn letztlich betreibt Lanz jetzt selber eben jenen Whataboutism, indem er zwanghaft darauf besteht, Wagenknecht würde von der Diskussion ablenken und Nebenkriegsschauplätze aufmachen. Damit lenkt er nämlich von den durchaus berechtigten Vergleichen ab, die Wagenknecht anführt und auf die deutsche und US-amerikanische Doppelmoral verweist. Denn wenn wir den Giftanschlag auf Alexei Nawalny (was ohne Zweifel ein Verbrechen ist und aufgeklärt werden muss) tatsächlich mit einem möglichen Stopp von Nordstream 2 verknüpfen, wie seltsam ist unser moralischer Kompass denn geeicht, wenn wir gleichzeitig von Saudi-Arabien weiterhin Öl beziehen können. Der Kronprinz bin Salman hat den prominenten kritischen Journalisten Jamal Kashoggi mutmaßlich ermorden lassen. Ich mein: Hallo…?!
Das Gleiche gilt für die US-Interessen, ihr teureres, noch umweltschädlicheres Fracking-Gas nach Deutschland zu exportieren. Auch diese Zusammenhänge und Einordnungen sind wichtig.
Und diese Vergleiche mit Whataboutism abzucanceln, ist der klägliche Versuch von Lanz, von der eigenen deutschen Doppelmoral abzulenken, und zeigt letzten Endes, wie egal uns nämlich die Menschenrechtsverletzung in den Herkunftsländern der Rohstoffe sind. Russland ist böse, na klar; aber Saudi-Arabien ein seriöser, verlässlicher Handelspartner oder was? Geht’s noch billiger?!
Conclusio: Und wenn ihr mich fragt: Ja, sollen wir nun Gas von Putin oder doch lieber Fracking-Gas aus den USA importierten? Dann antworte ich: nein, verdammte Scheiße! – Stattdessen schlagen wir mit dem konsequenten Ausbau von Wind- und Solarkraft drei Fliegen mit einer Klappe. 1. Wir machen uns importunabhängig, 2. investieren in Zukunftstechnologien und retten 3., verdammt noch mal, unseren kleinen unschuldigen Planeten. Klingt eigentlich ganz einfach!
Und so kommt man von Whataboutism zu Windpatriotism: Deutscher Wind durch deutsche Räder zu deutschem Strom! (Hier bitte ein selbstironisches Lächeln mitdenken!)
„Klöckner Porn“ – Das geht zu weit!
„Klöckner Porn“ – Das geht zu weit!
Das Wissen ist begrenzt, die Phantasie ist grenzenlos! Jedem seine Phantasie und jeder ihre. Geschenkt! Ich bin da recht großzügig…
Aber als ich las, dass ich auf meiner Seite einen Zugriff aufgrund des Google-Suchbegriffs „Klöckner porn“ hatte, machte ich mir doch Sorgen! Was ist los mit den Algorithmen von Google…?! Sind die fiebrig, haben die Corona?
Sicher, ich habe schon ein paar Blogs über unsere Superministerin Julia Klöckner schreiben müssen und es ging ordentlich zur Sache dabei, aber vollkommen unpornographisch das Ganze. Dafür ist ihre Gesamtperformance einfach zu unsexy.
Und, na klar, in dem ein oder anderen Blog kam vielleicht auch schon mal das Wort „porn“ vor, aber hauptsächlich in meiner Kategorie „food no porn“ und das ist nun wirklich wieder etwas ganz anderes und hat mit Julia gar nichts zu tun!
Also Google, mal unter uns: Wo ist der Zusammenhang?! „Klöckner porn“? Dein Ernst…?! Jetzt tummeln sich solche Leute mit solchen Suchanfragen und solchen Vorlieben auf meiner Seite!! Okay, bisher ist es nur eine Person und ja, ich weiß, Einzelpersonen tummeln sich nicht. Aber so fängt es ja immer an! Ich habe vielleicht keinen so guten Ruf zu verlieren. Aber das geht echt zu weit! Meine Seite ist doch keine Promi-Wichsvorlage!
Also, Google, erzieh deine Algorithmen mal besser. Ich behalte mir rechtliche Schritte vor!
Immerhin, wenn man bei Google „Klöckner no porn“ eingibt, bin ich schon auf der ersten Seite!
Hallo VW! Anstand oder Vorstand…?
Hallo VW! Anstand oder Vorstand…?
Manchmal kommt es mir vor, als würde sich in Corona-Zeiten hin und wieder ein Fenster öffnen, durch das wir sonst nicht schauen können oder dürfen. Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender von VW, hat gerade so ein Fenster aufgemacht und der Welt erklärt, warum es kein Problem und auch kein Widerspruch sei, satte 3,3 Milliarden Euro an Dividenden auszuschütten und gleichzeitig für 70000 Beschäftigte Kurzarbeitergeld zu beanspruchen. Schließlich habe der Konzern ja bereits in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt. Ende des Statements (ab min. 5:54)!
Dass die Rücklagen der Arbeitslosenversicherung bei derzeit ungefähr 10 Millionen Kurzarbeitsanträgen nicht ausreichen werden, sollte jedem mittelmäßig geschulten Milchmädchen/jungen klar sein. Warum also nicht auch einem Vorstandsvorsitzenden von VW…?! Mögliche Antwort: Dies könnte Diess einfach egal sein!
Denn wenn das Versicherungsprinzip, auf das sich Diess ja ausdrücklich bezieht, in einer Krisensituation wie jetzt nicht mehr funktioniert (Schätzungen zufolge fehlen bis zu 15 Milliarden Euro), dann sollte sich auch die Bewertungsgrundlage von VW ändern. Denn das, was VW höchstselbst in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, reicht offensichtlich bei weitem nicht aus, um dieses selbstgefällige Statement von Diess zu rechtfertigen. Und die Frage, wer denn für die Differenz aufkommen soll, stellt sich jedem, der einigermaßen geradeaus denken kann.
Aber Diess sieht hier wohl (natürlich) keine gesellschaftliche oder moralische Verpflichtung von VW. Stattdessen sollen vermutlich wir Steuerzahler:innen wie üblich herhalten und diese Versicherungslücke stopfen, während der VW-Konzern 3,3 Mrd. Euro als Dividenden raushaut (das dreiste Thema Abwrackprämie, ebenfalls aus Steuergeldern finanziert, bleibt hier mal außenvor!). Und Diess fühlt sich auch noch kackfrech im Recht.
Er hätte eigentlich nur noch das Peace-Zeichen von Jo Ackermann machen und ein paar Peanuts a la Hilmar Kopper unter den Journalisten verteilen können, während er das Wirtschaftsprinzip von VW diktiert:
„Natürlich sind wir dazu verpflichtet, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu solidarisieren. Sorry, dafür werde ich von den Aktionären von VW bezahlt! It‘s capitalism, stupid!“
Und ich mag denken „Okay! Was macht man nicht alles für acht Millionen im Jahr! Fairer Preis, um seine Seele zu verkaufen!“ Das ist übrigens das 127fache einer/s normalen VW-Mitarbeiter:in – nur mal so! Dafür könnte er sich eigentlich eine vernünftige Portion Moral leisten. Aber mein Denkfehler…! Anstand und Vorstand passen wohl einfach nicht recht zusammen… Denn so etwas ist einfach nicht im Sinn des Konzerns.
Darf man solche Leute eigentlich ungestraft „Arschkrampen“ nennen…? Ich denke schon, dass man das sollte!
Ach, und dies hier noch für die deutsche Politik: Die dänische Regierung würde so einen Drecks-Konzern, der Dividenden auszahlt, im Übrigen nicht unterstützen. Recht so!

Klopapier meets Corona – oder: Küchenpsychologie fürs Bad
Klopapier meets Corona – oder: Küchenpsychologie fürs Bad
Die reichsten 10% besitzen 50% des Vermögens, die dümmsten 10% besitzen 50% des Klopapiers!
Es scheint so, dass der Deutsche in Corona-Zeiten zu Chuck Norris mutiert: „Wie viel Klopapier kaufen wir?“ – „ALLES!!1!“

Neulich bei „dm“, als das Klopapier natürlich mal wieder ausverkauft war, vermutete die Kassiererin: „Ich glaube, die Leute fressen das!“
Auch ich hatte mir schon meine Gedanken gemacht, woher die deutsche Affinität zu Klopapier in Krisenzeiten kommt. Klar, es ist hübsch, perfekt perforiert und kuschelweich. Aber das bin ich auch…
Aber im Ernst, Psychologen und ich wissen, dass Klopapier ein Symbol für Sicherheit ist. Die Welt geht draußen unter, aber ich sitze auf dem Klo und der Blick zur Seite signalisiert mir „Ganz ruhig, Brauner! Es kann dir nichts passieren!“ und, da im Rückspiegel noch zwei Kubikmeter Klopapier erscheinen, weiß ich, das gilt bis deutlich nach dem Weltuntergang.
Nach der gleichen Logik müsste ich den Atomschutzbunker aber nicht nur in Klopapier einwickeln, sondern auch alles andere Notwendige dort einlagern. Und das würde ich auch, aber ich kann mir das nicht leisten. Küchenpsychologen sprechen vom Phänomen des „Zero-Risk-Bias“. Das bedeutet, wenn ich einen Zentner Mehl kaufe und das, weil dummerweise die Krise vorzeitig endet, nicht verzehre, dann muss ich das Mehl irgendwann wegschmeißen. Dann war das eine Fehlinvestition. Das versuche ich zu vermeiden. Daher kaufe ich – statt Mehl – zwei Kubikmeter Klopapier. Das hält! Also keine Fehlinvestition.
Andererseits bietet Klopapier in Zeiten von Nullzins und Krise womöglich interessante Renditechancen. Ähnliche Preissteigerungen gibt es bereits bei Desinfektionsmitteln, wo besorgte Bürger von fürsorgenden Bürgern im Internet abgezockt werden. Bitte denkt aber daran, bei aller Fürsorge, den Gewinn beim Finanzamt anzugeben, denn es sind 25% Kapitalertragssteuer fällig.
Vielleicht, und man kann nicht dumm genug denken (ich jedenfalls nicht), will der deutsche „Geiz ist geil“-Kunde auch nicht so viel Geld für überteuerte Atemschutzmasken ausgeben und wickelt sich stattdessen, bevor er das Haus verlässt, eine halbe Rolle Klopapier (reicht!) um Mund und Nase. Kann man auch gut auf der Höhe der Sutura Lambdoidea hinten am Schädel festtackern.
Vorteil: Wenn du so durch die Straßen oder den Supermarkt läufst, halten alle anderen garantiert ausreichend Sicherheitsabstand von dir! – Hat sich bisher leider noch nicht im Straßenbild durchgesetzt. Schade eigentlich…

Außerdem kann ich mit dem restlichen Klopapierpaketen im nächsten Winter meine Außentür dämmen!
Oder wie ein entfernter Bekannter sagte: „Ich kaufe ja nur so viel Klopapier wegen Home Office, weil ich sonst auf Arbeit scheiße!“ – Muss man nichts mehr zu sagen…
https://tommiboe.com/2020/03/13/was-wir-schon-jetzt-von-corona-lernen-koennen/
Was wir schon jetzt von Corona lernen können
Was wir schon jetzt von Corona lernen können!
Eigentlich verbiete ich meinen Schüler*innen, Sätze mit „eigentlich“ zu beginnen. Aber eigentlich wollte ich hier einen launischen Artikel über Corona schreiben – von wegen: ein mäßig gefährlicher Virus in hysterischen Zeiten, während die Bedrohung durch den Klimawandel weiterhin überhaupt nicht ernstgenommen wird….
Okay, die Zeiten sind und bleiben hysterisch, aber das Virus und die Gesamtsituation (auch und gerade die unseres Gesundheitssystems) laden dann doch nicht zum Scherzen ein.
Selbst wenn man selbst nicht zur Risikogruppe zählt und daher die gesundheitlichen Gefahren als nicht lebensbedrohlich einzuschätzen sind, trägt doch jeder einzelne, egal wie alt und wie gefährdet, durch sein Verhalten dazu bei, wie schnell sich das Virus in Deutschland verbreitet und damit auch wie viele Menschen gleichzeitig mit dem Virus infiziert sind. Das erhöht letzten Endes auch die Zahl der sogenannten Risikopatienten und von denen hat vielleicht jeder einen oder eine in seinem Bekanntenkreis. Und wenn viele Menschen gleichzeitig intensivmedizinische Betreuung benötigen, dann werden wir wohl erfahren, wie stressfähig unser notorisch überlastetes, kaputtgespartes Gesundheitssystem tatsächlich ist. Und wollen wir das wirklich austesten…? – Natürlich nicht! Daher sollten wir alles tun, um die Verbreitung des Virus‘, so gut es geht, auszubremsen.
Vielleicht, und das sollte schon jetzt der erhobene Zeigefinger sein, zeigt uns die aktuelle Krise in aller Deutlichkeit, was in den vergangenen Jahrzehnten im Gesundheitswesen so alles schiefgelaufen ist, nämlich dass Patient*innen keine zu vermarktende Fallpauschalen sind, dass medizinisches Personal weit mehr als ein Kostenfaktor ist und dass Krankenhäuser, verdammt noch mal, kein renditeversprechendes Investment sein dürfen. Ist doch nicht so schwer!
Hoffentlich erinnern sich die Politiker*innen noch daran, wenn die Corona-Welle abgeebbt ist, und reparieren unser Gesundheitssystem. Die Stellschrauben sollten allen bekannt sein!

