Schümli

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Schümli 

Ich würde jede Wette eingehen, dass ich eine andere Assoziation zum Wort „Schümli“ habe als Sie. Gut, vielleicht haben Sie gar keine Assoziation zu „Schümli“. Vielleicht neigen Sie nicht so zu Assoziationen. Muss ja auch nicht. So etwas wird gnadenlos überbewertet.

Das Bild, das sich vor meinem inneren Augen formiert, wenn ich „Schümli“ denke, ist zwar nicht besonders schön oder appetitlich aber mit Sicherheit einzigartig. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass demnächst der eine oder andere von Ihnen auch eine ganz neue Assoziation zu Schümli haben wird.
Neuerdings geh ich schwimmen. Fand ich früher doof und langweilig. Und Schwimmer waren auch doof und langweilig. Alle. Logisch. Und so ist es ja auch immer noch. Ich hab mir also eine Schwimmbrille gekauft und eine 10er-Karte und schon war ich selber ein doofer Langweiler. War gar nicht so schwer. War fast ein bisschen stolz auf mich. Über meine Wandlungsfähigkeit. Über meine Offenheit, mich alten Vorurteilen zu stellen. Muss ich meiner Exfreundin erzählen, die immer meinte, dass ich so schrecklich eingefahren sei und mich auf nichts Neues einlassen würde. Soll sie sich doch mit Heißwachs enthaaren – also wirklich!
Zurück zum Schwimmen: Aber bei aller Langeweile hin und wieder kann man im Schwimmbad etwas erleben, was man so woanders nicht erleben könnte. Nach dem Schwimmen geh ich zu den Duschräumen, wo sich schon ein paar Männer duschen. Es gibt zwei halboffene Duschkabinen und einen offenen Gruppenduschraum. Also, die meisten Männer duschen sich in einem öffentlichen Schwimmbad nackt. Machen Frauen das eigentlich auch? Konnte ich bisher noch nicht überprüfen. Saunafreunde sind Nacktduscher, das ist klar, aber ansonsten im normalen Badebetrieb zeigen sich Frauen städtisch-öffentlich gegenseitig ihre Brüste…?
Über Brüste gibt es sicherlich viele schöne Geschichten. Aber sie gehören jetzt nicht hier her. Also schnell zurück in die Männerdusche. Drei, vier Männer duschen dort bereits und einer von ihnen ist besonders vergnügt bei der Sache. Der war mir schon beim Schwimmen aufgefallen. Beim Bahnenschwimmen begegnet man sich ja regelmäßig und dieser Mann war besonders dick, also ausnehmend dick. Und ich dachte mir schon beim Schwimmen: Mensch, ist der dick! Muss man ja regelrecht außen rum schwimmen! – Aber ich dachte auch: Cool, dass der trotzdem schwimmen geht!
Jedenfalls macht er unter der Dusche einen höchst vergnügten Eindruck, was ich daran erkenne, dass er sich wie ein Verrückter einschäumt. Nicht nur so ein bisschen Duschgel zum Saubermachen, nein, sondern weil er Spaß daran hat. Ich denke: Aha, viel Schaum – viel Spaß! Lächele für mich und schenke mir auch noch eine Portion Duschgel in die Handfläche ein und schäume ordentlich nach.
Dann bückt sich der dicke Mann, um sich seine Beine einzuschäumen. Ganz schön gelenkig für sein Volumen, denk ich. Und er beugt sich noch weiter runter, um auch an die Füße zu kommen, und genau in diesem Moment, durch das Zusammenklappen von Ober- und Unterkörper, schießt ihm zwischen den gewaltigen Pobacken eine weiße Schaumfontäne heraus!
Schön, zu welchen Tricks dicke Männer in der Lage sind!
Und ich sehe seine Enkel vor mir, wie sie rufen: „Opa, Opa, machst du noch mal Schaum hinten raus?!“ – Und er sagt: „Och, Kinder…!“ – Aber sie schreien und hüpfen und flehen: „Opa, bitte, noch einmal Schaum machen, bitte!“ – Und schließlich lächelt er sein bestes Opalächeln, seift sich noch mal gründlich ein und sagt – und ich weiß auch nicht, woher er plötzlich diesen schweizer Akzent hat:
„Also gut, Opa macht noch einmal Schümli!“

Frau mit Vogel

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Frau mit Vogel
(Guatemala 2008)
Gegenüber auf der anderen Straßenseite stand eine Frau und winkte mir mit beiden Armen zu. Eine großangelegte Geste, die mir galt…? Wer war diese Frau? Was wollte sie? – Ich blickte mich sicherheitshalber um. Und, ja, was wollte sie von mir?
Jetzt, da ich sie bemerkt hatte, fuchtelte sie noch ein wenig wilder. Ja, sie meinte eindeutig mich! Ich solle ihr bitte zu ihr kommen, sie brauche meine Hilfe! rief sie auf Englisch, genauer gesagt, sogar ziemlich Amerikanisch.
Eine kleine, dickliche Amerikanerin, allein um Hilfe bittend auf einer guatemaltekischen Straße… Mein Pfadfinderherz war aktiviert. Ich wechselte die Straßenseite. Lächelnd begrüßte sie mich. „Sie müssen mir helfen, mein Vogel sitzt da im Baum!“ – „Ihr Vogel…?!“ – Eine amerikanische Touristin hatte ihren Vogel in einem guatemaltekischen Baum sitzen? „Ja, dort sitzt er! Ich wollte ihn freilassen!“ – „What?!“ Ich hoffte, etwas falsch verstanden zu haben. Aber nein! Sie hatte eine Taube in einem Geschäft gekauft, um sie freizulassen. Mir stand ein großflächiges „Hä?!“ ins Gesicht gemeißelt. War die noch ganz dicht? – Das mache man so! sagte sie belehrend und sah mich ernst an. „Who?“ entgegnete ich. Who um alles in der Welt mache so etwas? – Das sei durchaus üblich so. Sie mache das auf jeder Reise. „Und andere übrigens auch!“ Wie sie noch schnell hinzufügte. – Ja, neh, sicher! Natürlich! Ich sonst ja auch…
Naja, wie auch immer. „Aber dann ist doch alles bestens! Der Vogel sitzt in Freiheit…“ – „Nein, gar nichts ist gut! Der Vogel fliegt nicht. Wir müssen etwas tun!“ – Ihm fliegen beibringen…? schoss mir durch den Kopf. Und wieso überhaupt „wir“? – „Wir müssen ihn wieder einfangen!“ – Aha! Der Sachverhalt war doch ganz klar. Der Vogel konnte nicht richtig fliegen, war also nicht überlebensfähig, der harten guatemaltekischen Wirklichkeit nicht gewachsen. Das ganze gutgemeinte Prinzip des Freilassens funktionierte so natürlich nicht mehr, wenn Freilassen plötzlich Verrecken bedeutete. Das leuchtete ein. Also musste der Vogel eingefangen und zurück in den Vogelladen gebracht werden, wo man sich adäquat und professionell um diesen flugunfähigen Vogel kümmern sollte.
Die Taube selbst saß gleichgültig und bewegungslos auf einem Ast, während um uns herum bereits einige Passanten stehen geblieben waren, die uns, die Frau, mich und den Vogel, beobachteten.
Meine Aufgabe sollte es nun sein, den Vogel zu schnappen. Die Frau selbst war zu klein, zu ungelenk und viel zu aufgeregt dafür. Sie versuchte, den Vogel mittels „Guzzi-guzzi“-Lauten abzulenken, während ich mich aus dem Vogelrücken heraus an den Baum heranpirschte. Und es klappte auch ganz gut – eigentlich. Also fast ganz gut, um es genau zu sagen. Denn der Vogel ließ sich hervorragend ablenken und mir gelang es auch, den Vogel an den Schwanzfedern zu fassen. Allerdings war das flugunfähige Vieh doch agil genug, um sich wieder loszureißen, was mehrere Folgen hatte. Erstens fingen die umstehenden Zuschauer zu kichern an, zweitens verlor die Taube eine Handvoll Schwanzfedern an mich und drittens kassierte ich einen strengen, vorwurfsvollen Blick der amerikanischen Vogelmutter.
Der Vogel hatte sich mit ein paar notdürftigen Flügelschlägen auf einen Nachbarzweig gerettet. „Du solltest ihn fangen und ihm nicht die Federn ausreißen!“ – „Ich hab doch versucht, ihn zu fangen!“ – „Aber doch nicht so!“ – Aha! Wenn sie besser ausgebildet war, bitteschön!
Weitere Passanten blieben stehen. Vor dem zweiten Versuch bekam ich neben Taubenmamas Anweisungen auch noch Ratschläge eines guatemaltekischen Vogelfangexperten. Ich sollte die Taube genau so fangen wie ein Huhn! – Richtig, muchas gracias auch noch mal!
Zweiter Anlauf: Wiederum Guzzi-guzzi und vorsichtiges Anschleichen. Da der zweite Ast ein wenig höher hing, musste ich mich auf Zehenspitzen anpirschen. Das Gekichere der Zuschauer war dieses Mal schon ein bisschen lauter. Der Hühnerfanggriff funktionierte – beinahe. Auch dieses Mal flatterte sich die Taube frei und schaffte es sogar auf ein benachbartes Hausdach. Ein Raunen ging durchs Publikum wie nach einer vergebenen Großchance im Fußballstadion.
Zu meiner eigenen Enttäuschung gesellte sich der vernichtende Blick der Vogelmama, in dem – ohne Übersetzungsverluste – ein international gültiges „Du kannst ja wohl gar nichts!“ mitschwang. – „Immerhin kann die Taube wieder fliegen!“ versuchte ich den zornigen Blick ein wenig aufzuweichen. „La paloma puede volar!“ übersetzte ich noch schnell, um wenigstens das einheimische Publikum auf meine Seite zu ziehen.
„Es sieht nicht so aus, als könne er für sich alleine sorgen!“ stellte die allwissende Vogelmama fest. Ich wähnte mich schon die Fassade hochklettern, als mein Blick auf eine Tüte Vogelfutter fiel, die am Baumstamm lag. „Er muss sich nur ein wenig stärken und erholen. Und dann wird das schon wieder!“
Glücklicherweise sah sie ein, dass uns keine andere Wahl blieb. Sie nahm die Tüte und warf eine Handvoll Futter ungelenk gegen die Hauswand, was zu spontanem Gelächter sowie vergnügtem Händeklatschen führte. Sie warf noch eine Handvoll gegen die Wand und einen wütenden Blick auf die amüsierten Umstehenden. Dann nahm ich ihr die Tüte ab und schleuderte eine Futterration zielgenau aufs Dach direkt neben die Taube. Wenigstens das hatte geklappt!
Ich verabschiedete mich von der Vogelmutter, ihrem Vogel und dem ausgezeichneten Publikum. Sie blieb noch, um ihrem Vogel ein wenig Gesellschaft zu leisten, und ich ging mit dem Gefühl, zumindest den Einheimischen eine gute Show geboten zu haben.

Der Besteck-Nazi

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Der Besteck-Nazi

Schon ein paar Wochen vor unserem Klobürstendrama hatten wir mal wieder eine solcher WG-Sitzungen gehabt, in der über gemeinsame Aktionen, Anschaffungen oder natürlich über WG-interne Probleme gesprochen wurde. Meist wurde lediglich zusammen gegessen, Wein getrunken und locker über dies und das geschwätzt. Es sei denn es gab wichtige Themen.

Aber dieses Mal – Manuel sei Dank – hatten wir ein richtiges Thema. Er räusperte sich: „Also, wir brauchen dringend ein Ordnungssystem für das Besteckfach der Spülmaschine!“ – Wow! – Wie hatten wir ohne leben können?! fragte ich mich. – Augenblicklich herrschte absolute Stille in unserer Küche. Kein Kauen, Schmatzen, Schlucken – kein Atemzug! Nichts!

Mein Mitbewohner Chris suchte verzweifelt meinen helfenden Blick. Denn wie sollte man adäquat auf so etwas reagieren? Gab es ein Verhaltenshandbuch für solche Situationen? Es gab doch Ratgeber für jeden Scheiß! Gab es bereits einen Ratgeber mit dem Titel: „Wie gehe ich mit meinem Mitbewohner um, der ein Ordnungssystem für das Besteckfach der Spülmaschine braucht“? Oder gab es eine Telefonhotline des psychologischen WG-Beratungsdienstes?

Chris’ Blick fand den meinen und wir prusteten zeitgleich los. Manuels Miene verfinsterte sich. „Ich meine das völlig ernst! Es ist jedes Mal totales Chaos im Besteckfach …!“ Aber weiter kam er nicht. Denn unser Lachen wuchs sich weiter aus und auch Bettina hatte schon schwer mit sich zu kämpfen. – Wer allerdings vermutet, Manuel hätte sich womöglich durch unsere Heiterkeit anstecken oder ablenken lassen und erkannt, wie absurd seine Äußerung auf einen normalen Menschen / WG-Bewohner wirken musste, der kannte Manuel schlecht. Denn jetzt wurde er erst so richtig fuchsig!

„Ja, ist schon klar, dass Ihr Euch über alles lustig macht, wenn man mal einen konstruktiven Verbesserungsvorschlag macht!“ Ich versuchte, gleichmäßig in den Bauch zu atmen, um mich zu beruhigen. – „Wo ist denn überhaupt das Problem?“ fragte Jan schließlich in die Stille. „Wo das Problem ist?! Das kann ich genau sagen!“ Chris hatte inzwischen einen knallroten Kopf und ich hatte ein bisschen Angst um ihn, dass er ersticken könnte, weil er seit geraumer Zeit in eine Brötchentüte atmete. „Ich ordne nämlich das Besteck beim Einräumen in die unterschiedlichen Fächer ein. Die großen Löffel kommen in das eine Fach, die kleinen in ein anderes und so auch die Messer, Gabeln und das sonstige Küchengerät wiederum in ein eigenes Fach!“ – Aha! Mir fehlte noch immer die Handlungs- und Bewusstseinsebene, auf der ich Manuel angemessen begegnen konnte.

Bettina hielt den Austausch am Leben: „Und warum machst du das?“ Ja, genau, das war doch mal eine gute Frage… „Warum?! – Weil ich dann beim Ausräumen alle Löffel, Messer und Gabeln mit einer Handbewegung direkt einsortieren kann!“

„Das hat man davon, wenn man Beamte Kinder machen lässt!“ dachte ich für mich. Jedenfalls dachte ich, dass ich es nur für mich gedacht hatte. Aber aufgrund der versammelten Blicke, die mich trafen, hatte ich es wohl laut genug für alle Beteiligten gedacht. Mit einem lauten Bums platzte die Brötchentüte vor Chris‘ Gesicht.

Dabei lag ich mit meiner Unterstellung vollkommen verkehrt. Denn Manuels Vater war kein Beamter. Er war sogar ein erstaunlich entspannter und lustiger Typ, den ich kurz bei Manuels Einzug kennengelernt hatte. Er entsprach also eher dem Gegenteil des Beamtenklischees und auch des Verhaltens seines Sohnes Manuel. – Aber mit meiner Fehlinterpretation saß ich einfach einem übergeordneten Irrtum auf. Schließlich hatten es die 68er ja schrecklich einfach gehabt. Was waren das für herrliche Bedingungen gewesen! Die gesellschaftlichen Verhältnisse konnten gar nicht geeigneter sein, um mit Krach und Getöse gegen das Spießertum anzugehen. Was war das für eine Vorlage für junge, ambitionierte Steinewerfer. Man muss einfach von einer extrem putschfreundlichen Gesamtsituation sprechen.

Aber wie sollte man sich gegenüber Revolutionären verhalten? Was machte man, wenn die Revolution schon gelutscht und Laios schon ermordet worden war? Die Generation nach der Revolution war dahingehend die tote Generation. Denn alle Brandsätze waren geschmissen, alle Molotowcocktails geraucht und alle Sitzblockaden längst abgesessen. Schließlich konnte man nur stehende Mauern umschubsen! Aber was passierte danach…?

Danach wurde gegen die Rebellion rebelliert! Was blieb unserem armen Manuel anderes übrig? Er sehnte sich nach Disziplin und Ordnung. Das war sein persönlicher Vatermord!

Währenddessen hatten sich die Blicke Chris zugewendet, der sichtlich geschockt auf die Reste seiner geplatzten Brötchentüte starrte. Er zitterte sogar regelrecht. Und dann warf er Manuel einen so finsteren Blick zu, wie ich es noch nie von ihm gesehen hatte: „Du verschissener Besteck-Nazi! Ist dir klar, dass mir deinetwegen fast die Fresse explodiert wäre?! – Wegen so einem Scheiß!“

Schöner Einwand! So kann man auch mal ganz sauber und sachlich ein überflüssiges Thema beenden!

Apothekenumschau

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Apothekenumschau

Es hat mich erwischt! (Nein, ich bin nicht verliebt!)
Einige Tage nachdem Betty, meine Gastmutter, schnaufend durch Haus und Hof gelaufen war, kratzte es an meinen Mandeln und kribbelte es in meiner Nase. Zum einen bin ich froh, dass ich meinen beiden Outdoortage (Canyoning und Gleitschirmfliegen) hinter mir habe, zum anderen habe ich jetzt die Nase richtig voll.
Betty empfiehlt mir ein Medikament, das ich mir nicht verschreibungspflichtig in der Apotheke gleich um die Ecke holen kann. Ich versuche, das Positive in der Sache zu sehen. Da habe ich doch mal wieder einen verbrauchernahen Anlass, mir ein paar unbekannte spanische Vokabeln rauszusuchen. So weiß ich jetzt, das Schleim „flema“ heißt, sich anstecken „contagiarse“ und Popel „loro“. Schön! Das hätte ich sonst nie gelernt!
Das Wort „Pañuelos“ kannte ich schon, hilft mir aber nichts, denn schließlich sind wir in Venezuela, also in einem Land in dem das Klopapier knapp ist und – zumindest leuchtet mir diese Logik ein – damit auch die Taschentücher. Es gibt also keine: akute Zellstoffverknappung! Ich befinde mich in einer Apotheke wohlgemerkt und nicht beim Metzger! Dafür bekomme ich einen Packen Servietten, die zwar nicht so kuschelig weich wie Zewa Softies sind und nicht so viel „flema“ (ihr lernt also auch wichtige spanische Vokabeln) wie Tempos aufnehmen können, aber ich habe ja auch keine verwöhnte Nase, schließlich erledigt den Job zuhause auch die Küchenrolle!
Dann frage ich noch nach „algo para inhalar“, etwas zum Inhalieren, woraufhin mir die Apothekenfachangestellte einen „Inhalador“, einen Inhalator, andrehen möchte. Nein, ich möchte einfach etwas zum Inhalieren haben. Ich kassiere einen ungläubigen Blick, als hätte ich gerade ein Pfund Gehacktes bestellt. Das verstünde sie nicht. Ich könne doch Essig und Salz nehmen… aha! Ach, hatte ich es schon erwähnt, ich war noch immer in der Apotheke. Als Übersprungshandlung kaufe ich eine Tafel Mandelschokolade, die kann ich mir ja später mit Essig und Salz aufkochen… Die Schokoladenauswahl ist hier übrigens ganz ausgezeichnet!
Zurück zu Hause nehme ich meinen ersten Löffel Broxol, schließe die Augen und schmecke Venezuela / Südamerika. Selbst die Medizin ist hier so süß, dass einem die Zähne knirschen! Und auf der Flasche steht „adultos“ drauf, ist also für Erwachsene. Da möchte ich mir gar nicht ausmalen, wie die Kinderversion schmeckt.
Hätte ich das gewusst, hätte ich mir die Schokolade sparen können.

dolar paralelo

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Mercado negro – mercado rojo
oder: Was hat die Wirtschaftskrise mit Canyoning zu tun?

„Bolivares Fuertes“ heißt die Währung seit 2008. Mir ist klar, dass man Ironie nicht erklären oder zu deutlich darauf hinweisen soll (wie meine Oma schon sagte: „Bevor du Ironie erklärst, erschieß dich!“). Aber es vielleicht nicht allen klar, dass „fuertes“ stark bedeutet. Und zur venezolanischen Währung fallen mir nur wenige unpassendere Adjektive ein als „fuerte“. Da die Venezolaner gerne Bolos zu ihrer Währung sagen, fände ich „Bolos flojos“ eine angemessene, zugleich selbstironische Bezeichnung (wobei flojo so etwas wie „schwach/schwächlich“ bezeichnet). Aber man soll nicht zu viel Schabernack auf Kosten anderer treiben, zumal tatsächlich sehr viele Venezolaner unter der aktuellen Situation leiden (Inflation von 30-40 %, bei Lebensmitteln noch deutlich höher).
Eine Begleiterscheinung der Schwäche des Bolivars ist, dass ein Run auf alle härteren Währungen besteht, letztlich also auf alle anderen Währungen, mal abgesehen von der Ostmark, deren Bestände aber selbst in Venezuela weitestgehend aufgebraucht sind. Nun gibt es natürlich einen offiziellen Wechselkurs. Der liegt beim Euro bei 1:8,3. Aber bei meinem letzten Wechsel habe ich 1:49 bekommen und mein letzter Touranbieter hat mir angeboten, dass ich meine Tour in Euro für einen Kurs von 1:50 zahlen konnte (auf http://www.dollarparalelovenezuela.com/ nennt sich der Kurs „oficial paralelo“ und dort steht der Euro sogar bei 1:60 – wird täglich aktualisiert – Tendenz steigend!). Das bedeutet, dass für mich gerade alles erschreckend günstig ist. Natürlich ist dieses Tauschen illegal. Aber es praktiziert quasi jeder.

Putzig wird das Ganze in Santa Elena, einer Stadt nahe der brasilianischen Grenze. Da hier so ein großer Grenz- und Devisenverkehr herrscht, hat sich der Staat quasi dem Schwarzmarkt ergeben. Deshalb sieht man die Geldwechsler offen auf der Straße herumlaufen mit ihren typischen Hüftgürteln, in denen batzenweise Bolivares stecken. Damit man sie besser erkennt, tragen sie rote Westen, auf denen eine Nummer sowie ihr Name stehen. Hier wird die Illegalität höchst offiziell verwaltet! Das Geldwechseln bleibt zwar irgendwie verboten, da illegal in Venezuela, aber ähh… naja… hier in Santa Elena machen wir mal eine Ausnahme!

Dieser Schwarzmarktkurs führt dazu, dass ich für meinen Einkauf (siehe Foto: Tomaten, Avokado, Bananen, Aji (kleine süßer Paprika), Physalis (eine kolumbianische Strauchfrucht aus 104% Vitamin C / zu deutsch: Kapstachelbeere, noch nie gehört…) sowie 8 Dosen Polar Pilsen (ich weiß, ich Arsch kaufe Dosen, aber dieses Bier ist leider lecker – selten für venezolanisches Bier – und nur in Dosen erhältlich) und eine etwa säuglingsgroße Papaya) gerade mal 4 € bezahle. Natürlich ist dieser Einkauf nur für mich – schwarzmarktbedingt – billig.

Dieses etablierte Tauschsystem führt dazu, dass letztlich alle Firmen, die etwas mit dem Ausland oder mit Tourismus zu tun haben, selbstverständlich Konten im Ausland haben und anbieten, dass man (also ich) gerne dorthin überweisen kann – in Euro zu Schwarzmarktkurs. Das ist völlig gängig und normal.
Mein extrem seriöses Reisebüro in Mérida verkauft mir einen Flug von Caracas nach El Habana/Cuba und zurück für 3000 Bolivares Fuertes, das entspricht nach offiziellem Kurs 350 Euro. Ich überweise stattdessen wahlweise in die USA, nach Spanien oder natürlich nach Panama (wozu brauchen wir eigentlich noch eine Schweiz?) 62 Euro.
Wie lange das alles hier noch gut oder schlecht geht, lässt sich schwer sagen. Die Propagandamaschine läuft weiter – wenn auch ohne Chavez nicht mehr so rund. Ich durfte heute Zeuge davon auf dem Plaza Bolívar (wo sonst?!) werden. Da war eine Wahlkampfveranstaltung der PSUV (Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas), das Publikum größtenteils hübsch in rot gewandet und da wurde böse gegen die Rechten geschimpft und an die Erfolge Chavez‘ erinnert.
Aktuell wird in Venezuela von einer „guerra económica“ gesprochen, also einem „Wirtschaftskrieg“! Und die Sozialisten geben der Wirtschaft die Schuld für die katastrophale Situation, während sich die Politik ohnmächtig gibt. Aha! In der aktuellen Situation kann man leider kein großes Vertrauen in das wirtschaftliche Geschick der Regierung haben. Das geht hier gerade ziemlich steil den Bach herunter!
Apropos „den Bach herunter“, kommen wir zu etwas Positivem! Morgen mache ich Canyoning und dabei geht’s im Neoprenanzug auch den Bach herunter.

4 €- Einkauf
4 €- Einkauf

Bächarschmand

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Bächarschmand

Nahe unserer WG gab es einen kleinen türkischen Laden, bei dem man neben dem obligatorischen Döner auch andere Lebensmittel kaufen konnte. Er hatte, schon bevor jeder Supermarkt seine Tore bis weit in die Abendstunden geöffnet hatte, sehr verbraucherfreundliche Öffnungszeiten, ihm waren christliche Feiertage schnuppe und zudem offerierte er Bier. Ein (schnörkelloses aber völlig) überzeugendes Gesamtkonzept, wie ich noch heute finde.
        Wir besaßen in unserer WG ein praktisches plastisches Biertragerl, in das 6 Bier hinein passten, mit dem wir abends mal eben in Hausschuhen Bier holen konnten. Okay, zugegeben, keiner von uns besaß wirkliche Hausschuhe, es soll hier aber trotzdem als Metapher dafür herhalten, wie unmittelbar wir uns diesen oft recht aufdringlichen Bierwunsch erfüllen konnten.
        Es war Sonntagabend. Es bestand akuter bierbedingter Handlungsbedarf und ich war an der Reihe. Ich quengelte nicht rum, argumentierte nicht und suchte niemanden, der noch dringender mit dem Bierholen an der Reihe hätte sein können. Denn es waren nur hundert Meter, es regnete nicht, ich war durstig und wollte ohnehin eine rauchen. Das Bierholen kam fast einer Belohnung gleich. Und – das kann ich jetzt schon verraten – auch ich wurde für das Bierholen belohnt. Denn wenn ich nicht gegangen wäre, hätte ich folgendes Ereignis nie erlebt:
        Unmittelbar vor dem Eckladen tauchte aus der anderen Richtung eine Frau auf, die gleichzeitig mit mir das Geschäft erreichte. Ich ließ ihr den Vortritt und folgte ihr. Während ich meinen Sechserträger mit Bier auffüllte, bestellte sie an der Bedienungstheke beim türkischen Ladenbesitzer. Als ich mich zum Zahlen dazugesellte, ließ sie gerade den Satz fallen, der mein Leben verändern sollte: „Ich hätte gern ein’ Becher Schmand.“ Okay, das klingt vermutlich erst einmal recht unspektakulär. Aber geben Sie dem Leben eine Chance!
Denn während die Frau auf ihren Schmand wartete, kniffen sich die Augen der Bedienung zusammen und ein deutlich erkennbares Fragezeichen in der Längsfalte zwischen den Augenbrauen tauchte auf: „Bächarschmaaahnd?“ Dieses Wort muss man sich lautmalerisch und mit mindestens zwei bis drei Fragezeichen sowie türkischen Akzent vorstellen „Bächarschmaaahnd??“ Versuchen Sie es selbst einmal! „Bächarschmaaahnd??“
Was völlig klar war, der Frau neben mir jedoch nicht: der Türke hatte natürlich keinen blassen Schimmer, was um alles in der Welt Bächarschmaaahnd sein sollte, drum wiederholte er so genau, wie es ihm möglich war: „Bächarschmaaahnd…??“ Die Frau lächelte und antwortete darauf völlig empathiefrei: „Ja, ein’ Becher Schmand!“ – Und wie durch ein Wurmloch zwanzig Sekunden zurückgeworfen, wiederholten sich das Zusammenkneifen der Augen, der Faltenwurf der Stirn und die verständnislose Rückfrage: „Bächarschmaaahnd??“ Und man konnte förmlich sehen, wie dieses Bächarschmand-Wortungetüm im Gehirn Stück für Stück in alle Einzelteile auseinandergenommen wurde und doch nicht sinngebend zusammengesetzt werden konnte und zwar mit dem deutlichen und weithin sichtbaren Resultat: Was um alles in der Welt ist Bächarschmand? – Aber die Frau erkannte nichts und nickte erneut: „Ja bitte!“
        Dankbar diesem fein inszenierten Schauspiel beiwohnen zu dürfen, übernahm ich die nun mir zustehende Rolle und deutete in Zeitlupe mit dem Zeigefinger in die Glasvitrine auf einen ebensolchen Becher und sprach genüsslich dieses herrliche deutsche Wort aus: „Da, Schmand!“ – Die Augen des Türken weiteten sich, drohten beinahe vor Freude aus ihren Augenhöhlen zu hüpfen. Er griff in die Vitrine, nahm diesen Becher heraus, hielt ihn glücklich in seinen Händen und las mit einem Kaiserlächeln im Gesicht vor, was darauf stand: „Aaah! – Schmaaahnd!“
In diesem Augenblick erschien mir Gott. Denn ich war dabei gewesen und hatte diese Situation miterleben dürfen! Dankbar ging ich nach Hause. Ich hatte mir das strahlende Lächeln des Türken geliehen und sprach dieses zauberhafte deutsche Kleinod mit türkischem Akzent und Falte zwischen den Augenbrauen vor mich hin: „Bächarschmaaahnd?? – Aaah! Schmaaahnd!“
Ich würde mir wünschen, dass auch Sie, wenn Sie das nächste Mal im Supermarkt Schmand einkaufen, ein breites Lächeln aufsetzen, Ihre Stirn in Falten werfen und halblaut für sich selbst sagen „Bächarschmaaahnd??“. Probieren Sie es auch dann aus, wenn Sie gar keinen Schmand kaufen wollen, selbst bei Schmandallergie. Schnappen Sie sich einen Becher und tun Sie es! Ja, trauen Sie sich! Sie müssen es ja nicht sooft und so laut sagen, dass Sie gleich eingeliefert werden!
„Bächarschmaaahnd??“

Vollsperrung mit Busersatzverkehr

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Vollsperrung mit Busersatzverkehr
Ich möchte von Mochima zurück nach Puerto la Cruz. Denn von dort geht morgen früh mein Rückflug über Caracas nach Mérida. Mochima liegt idyllisch in einem Nationalpark an der Karibikküste. Mehrere Strände sind in Bootsnähe und kleine Inseln dümpeln im Meer herum. Einige würden das Dorf verträumt oder verschlafen nennen. Aber das täuscht. Es ist tot! Die Straßen sind leer. Vom Tauchcenter ist der Kompressor kaputt und wird nicht erkenntlich, warum er dringend repariert oder ersetzt werden müsse. Der Kajak- und Raftinganbieter hat selber für einen Monat Urlaub genommen. Die meisten Restaurants sind geschlossen oder – wie gestern – ich bin der einzige Gast…
Da fällt der Aufbruch nicht schwer. Hatte ich erwähnt, dass es morgens um 8 schon 30° hat…? – Das muss auch nicht sein und macht den Ort nur noch toter!
Ich bin um 9 Uhr morgens mit Gepäck und reichlich Schweiß im Gesicht an der einzigen ernstzunehmenden Straße des Dorfes. Hier soll der Bus vorbeikommen, der mich zur Kreuzung an die Hauptstraße bringt. An der gleichen Ecke wartet schon ein junger Einheimischer, der weiß, dass jene Hauptstraße in beide Richtungen von der Guardia Nacional vollgesperrt ist. Da man nicht weiß, wann sie wieder geöffnet wird, fahren erstmal auch keine Busse.
Das spanisch-englische Pärchen, das in die andere Richtung weiterreisen möchte, aber auch zur Hauptstraße muss, und ich schauen gemeinsam blöd aus der Wäsche. „Und nu?“ ist die Frage… Gut, man wartet letztlich auf irgendjemanden, der das Dorf verlässt und einen bis zur Sperrung mitnimmt. Dann geht man zu Fuß hindurch und hofft auf der anderen Seite auf irgendeine Form von Transport. Okay. So die Theorie. In der Praxis ist der Ort allerdings so tot wie die Mimik von Ottfried Fischer und die meisten Tote verlassen keinen Ort mehr. Es sei denn sie werden umgebettet. Und selbst dann wäre es wahrscheinlich schwierig, eine Mitfahrgelegenheit zu realisieren.
Aber schon kurz darauf fährt ein Pickup an uns vorbei und wir springen hinten auf. Wir wissen zwar nicht genau, wohin es geht, aber die Richtung muss stimmen. Denn es gibt nur die eine Straße und die führt raus aus der Sackgasse. Auf dem Weg der Berg hoch kommen wir tatsächlich an dem leeren Bus vorbei, der mit dem schlafenden Fahrer im Nichts geparkt steht und auf ein besseres Morgen wartet.
An der Kreuzung entscheidet sich der Fahrer für meine Richtung und fährt weiter in Richtung Santa Fé (wenn das mal kein Zeichen ist? Denn „Fé“ bedeutet „Glauben“!). Die anderen springen also ab und wir rollen langsam weiter. Der Pickup ist so alt, dass man ausnahmsweise  mal nicht die waghalsige Fahrweise des Piloten fürchten muss, sondern eher dass wir irgendwo komplett liegen bleiben.
Wir passieren kurz vor Santa Fé die Kontrollstation, die Sperrung ist mittlerweile aufgehoben, und wenig später bin ich am Terminal, wo ich in den Bus nach Puerto la Cruz steigen kann. Ich frage den Fahrer, was ich ihm schulde, und er sagt den putzigen Satz, den man eigentlich in Venezuela nicht aussprechen kann: „Dame algo por la gasolina!“ („Gib mir etwas für den Sprit!“). Sicher, das ist bloß eine Floskel. Aber eine Floskel, die hier überhaupt nicht funktioniert. Der Sprit kostet hier nichts… Soll ich ihm also nichts geben?
Ich bedanke mich und gebe ihm einen 10-Bolivares-Schein. Das entspricht nach aktuellem Schwarzmarktkurs 20 Cent, was sehr wenig klingt. Allerdings kann er dafür zweimal volltanken! Es sei denn es handelt sich um einen Diesel. Dann reicht’s nämlich für drei bis vier Tankfüllungen!

Bis zur nächsten Bus – erscheint dann im Sammelband („Busreisen in Südamerika – ein Spaß für die ganze Familie!“)

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