markus lanz

Von Whataboutism zu Windpatriotism

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Von Whataboutism zu Windpatriotism

Neulich bei Lanz (bis 9:19 min). Nicht dass ich mir häufig Lanz anschauen würde, so tolerant bin ich nun auch nicht. Aber der Ausschnitt, in dem Lanz versucht, Sarah Wagenknecht zu grillen, und ihr mehrfach das Wort abschneidet und reflexhaft Whataboutism vorwirft, war mal wieder sehr hübsch. Lanz, traditionell in Stars and Stripes gekleidet, versucht Wagenknecht zwanghaft die Russlandfahne umzuhängen, während sie in aller Ruhe die geopolitischen Ränkespiele um Nordstream 2 erklärt oder, besser gesagt, zu erklären versucht, denn davon will Lanz ja gar nichts wissen. Denn: Whataboutism!

Putzig der Lanz! Denn letztlich betreibt Lanz jetzt selber Whataboutism, indem er zwanghaft darauf besteht, Wagenknecht würde von der Diskussion ablenken und Nebenkriegsschauplätze aufmachen. Er lenkt damit nämlich selber von den durchaus berechtigten Vergleichen ab, die Wagenknecht anführt und auf die deutsche und US-amerikanische Doppelmoral verweist. Denn wenn wir den Giftanschlag auf Alexei Nawalny (was natürlich ein Verbrecher ist und aufgeklärt werden muss) tatsächlich mit einem möglichen Stopp von Nordstream 2 verknüpfen, wie schief ist unser moralischer Kompass denn eingestellt, wenn wir gleichzeitig von Saudi-Arabien weiterhin Öl beziehen können.

Das Gleiche gilt für die US-Interessen, ihr teureres, noch umweltschädlicheres Fracking-Gas nach Deutschland zu exportieren. Auch diese Zusammenhänge und Einordnungen sind wichtig.

Und diese Vergleiche mit Whataboutism abzucanceln, ist der klägliche Versuch von Lanz, von der eigenen deutschen Doppelmoral abzulenken, und zeigt letzten Endes, wie egal uns nämlich die Menschenrechtsverletzung in den Herkunftsländern der Rohstoffe sind.

Conclusio: Und wenn ihr mich fragt, ja, sollen wir nun Gas von Putin oder doch lieber Fracking-Gas aus den USA importierten, dann sage ich: nein!! Stattdessen schlagen wir drei Fliegen mit einer Klappe. 1. Wir machen uns importunabhängig, 2. investieren in Zukunftstechnologien und retten 3. noch unseren Planeten. Klingt eigentlich ganz einfach!

Und so kommt man von Whataboutism zu Windpatriotism: Deutscher Wind durch deutsche Räder zu deutschem Strom! (Hier bitte ein selbstironisches Lächeln mitdenken!)

Windpatriot Herr Boe checkt die Wetterlage. Sonne und Wind scheinen unbegrenzte Energielieferanten zu sein, aber halten sie sich auch an die Menschenrechte? Das wäre uns Deutschen schon sehr wichtig, irgendwie, manchmal, je nach dem…

Markus Lanz – der populistische Antipopulist?!

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Markus Lanz – der populistische Antipopulist?!

Muss ich mich jetzt wirklich zu einem Markus Lanz-Bashing herablassen? Muss ich mich jetzt auch noch über so einen Vollpfosten aufregen?! Die Antwort ist einfach: Ja! Das muss sein! Weil dieser Lanz für so viel steht, was in unserer Gesellschaft und Medienlandschaft gerade so schrecklich schiefläuft. Und nur wenige schaffen es derart genial und dämlich, auf Populismus zu schimpfen und gleichzeitig genau diesen zu bedienen. Ist Lanz der populistische Antipopulist, das etablierte Antiestablishment…? Oder einfach nur der Volltrottel unter den Trotteln? – Ich würde sagen: Ja, beides!

Vielleicht ist es auch nur mein Problem, da ich sonst niemals Markus Lanz schaue und es dann, wenn ich es tue, natürlich besonders schmerzt. Aber kann sich Lanz nicht einfach mit Bela B., Marianne Koch und Dagur Sigurdsson unterhalten (meinetwegen auch im Fernsehen, da wäre ich großzügig!) und dafür Politiker einfach von Leuten interviewen lassen, die das können?

Gestern war der Grüne Toni „Du hast die Haare schön“ Hofreiter dran, den man aufgrund von Frisur, Dialekt und Aufregungsgrad nicht mögen muss, aber der wenigstens Inhalte zu präsentieren hat. Und das ist heutzutage doch schon mal etwas!

Und so konfrontiert ihn Markus Lanz damit, dass die Grünen jetzt ja selbst schuld seien, dass sie mit ihrem Ja zur Vermögenssteuer nun endgültig alle Chancen bei Merkel und der Union auf eine zukünftige Regierungsbeteiligung verspielt hätten, und sieht es als seine journalistische Pflicht an, die ewige Mär der Arbeitsplatzgefährdung ins Feld zu führen. Denn dabei handelt es sich ja um einen Gottgegebenen Konsens, dass, wenn man die Reichen und Superreichen an gesellschaftlichen Pflichten beteiligt, diese sofort mit allem, was sie haben, das Land verlassen. Wir wissen zwar sonst wenig über die Welt mit Sicherheit, aber das ist sicher! Wir müssen das Klagelied von der Staatsgefährdenden Vermögens- und natürlich auch Erbschaftssteuern nur oft genug wiederholen und wiederholen und wiederholen! Denn wir wissen ja: Wer sich ständig wiederholt, hat Recht!

Dabei geht es noch nicht mal darum, mehr von den Vermögenden einzufordern, als es in anderen Länder ganz selbstverständlich üblich ist. So liegt Deutschland weit unter dem OECD-Durchschnitt, was Steuern aus Vermögen angeht (siehe Grafik!). Aber von solchen Vergleichen will Lanz gar nichts hören, was auch eine beachtlich postfaktische Einstellung (für einen Öffentlich-Rechtlichen) ist. Im Gegenteil besteht er sogar darauf, dass das Verharren auf Vermögenssteuer „grüner Populismus“ sei. Und spätestens jetzt wird mir wirklich schlecht! Und genau deshalb muss man sich über solche Schlümpfe wie Lanz aufregen. Weil genau die es schaffen, dass sich in der öffentlichen Wahrnehmung der Konsens manifestiert, dass hohe Einkommen und hohe Vermögen nicht (noch) stärker (als ohnehin schon) belastet werden dürften. Und genau diese Ansicht unterstützt doch die Realitätsblinde Politik unserer Eliten, die zu Ungleichheit führen und (Achtung) auch dazu, dass sich die Ungleichheit noch weiterhin verschärfen wird.

Als ginge es darum die armen Reichen zu belasten! Es geht um eine faire Belastung aller Gesellschaftsschichten. Und wenn man nicht mal mehr so grundlegende Prinzipien zu einer solidarischen Gesellschaft äußern kann wie „Wer wenig hat, gibt weniger; wer viel hat, gibt mehr!“, dann wird’s in der Tat eng.

 

Fun fact:

In 2015 konnten Milliardäre ihre Vermögen um 7% vermehren, während der Otto-Normal-Sparer mit ca. 0% (realer Negativzins) dafür gesorgt hat, dass das überhaupt möglich ist.

Seit 2009 haben sich die Milliardärs-Vermögen mehr als verdoppelt. Ist schon klar, dass man diese Vermögen unmöglich belasten kann…!

(vgl.: http://www.finews.ch/themen/high-end/13554-von-krise-keine-spur-die-reichen-werden-mehr-und-reicher)

Die aktuell herrschende Umverteilung hat eine klare Richtung, nämlich von unten nach oben und nicht umgekehrt, wie uns so Vollpfosten wie Lanz weismachen wollen. Und dabei ist mir sogar egal, ob der Trottel das selbst glaubt, weil er es so oft gesagt bekommen und dann selbst wiederholt hat, oder nicht.

 

2016-11-16-13_29_14-vermogenssteuern-bringen-nichts-ein-steuermythen-und-17-weitere-seiten-%e2%80%8e-micr

(aus: http://steuermythen.at/vermoegenssteuern-bringen-nichts-ein/)

 

Und hier noch ein paar unkommentierte Fakten in Zeiten des Postfaktischen:

2012 trugen Einnahmen aus Kapitaleinkünften rund 16 Prozent zu den gesamten Steuereinnahmen bei. Allerdings kommen die Bezieher von Kapitaleinkünften in Deutschland trotz des Anstiegs noch immer glimpflich davon. EU-weit lagen die Einnahmen aus Kapitalsteuern bei durchschnittlich 20,8 Prozent des gesamten Steueraufkommens. Während die Steuern auf Arbeit innerhalb der EU im Schnitt nur 51 Prozent des gesamten Steueraufkommens ausmachen, waren es in Deutschland 56,6 Prozent.

(vgl.: https://www.welt.de/wirtschaft/article129134877/Arbeitnehmer-sind-das-Melkvieh-der-Nation.html)

Auch lustig:

http://www.vermoegensteuerjetzt.de/vermoegensuhr/

Spaß mit Busfahrplänen

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Spaß mit Busfahrplänen

„Santa Cruz, Santa Cruz, Santa Cruuuuuuz!!!“
„Alapaz, Alapaz, Alapaaaaaaz!!!“
„Santa Cruz sale! Santa Cruuuuuuuuuuz!“
Es ist 4:15 Uhr morgens! Das ist eigentlich gar keine Uhrzeit! Okay, ich weiß, dass sie rechnerisch existieren muss. Logisch! Es muss schon irgendwie auch 4:15 Uhr morgens geben…! Zugegeben, ich kenne 4:15 nachts. Ist mir schon mal vorgekommen. Aber morgens gehen die Uhrzeiten für mich erst um 6:00 Uhr los – wenn’s blöd läuft!
Ich sitze in Cochabamba im Terminal und lausche im Halbschlaf den Marktschreiern/ Busticketverkäufern im Nebenerwerb: „Buscama, Buscama, Santa Cruuuuz!“ Aber ich will gar nicht nach Santa Cruz, und ich will auch nicht nach La Paz La Paz La Paz. Aber was sitze ich dann hier? Senile Bettflucht ist es (noch) nicht. Auch nicht die bolivianische Marktschreier/Busticketverkäufer im Nebenerwerb-Meisterschaft. Nein! Ich bin gerade mit dem Bus aus Sucre angekommen. Ich bin in die normale bolivianische Nachtbusfalle gestolpert. Die besagt nämlich, dass ein Nachtbus nicht nur nachts fährt, sondern auch garantiert zu einer völlig unbrauchbaren Zeit ankommt. Ist gar nicht so leicht zu organisieren. So fuhr mein Bus in Sucre um 19:00 Uhr los, damit er pünktlich um 4:00 Uhr in Cochabamba ist.
Eine singende Frau schiebt ihr Wägelchen vorbei: „MateLecheTeCaffe, MateLecheTeCaffeeeee!“ Auch sie kann die Frage nicht beantworten. Aber sie steht natürlich im Raum: „Warum fährt der Drecksbus nicht einfach um 21:00 Uhr los, dann wäre er um 6:00 da? Na…?“! Mit dieser Uhrzeit könnte man schon eher etwas anfangen.
Aber es steckt ein System dahinter! Ich hab nur noch nicht herausgefunden warum! Denn seit ich in Bolivien bin, werden mir ständig solche Busverbindungen angeboten. Von Tupiza nach Tarifa fahren die Busse täglich nur zu einer Uhrzeit und die bringen einen um 03:30 Uhr nach Tarifa. Das hab ich dann gelassen und bin direkt nach Potosí-Potosí-Potosíííí gefahren. Jene Nachtbusse kommen zwar auch zwischen 3 und 4 Uhr an, aber bei dieser Strecke konnte ich auf die Busse tagsüber ausweichen.
Ich beobachte die Marktschreierinnen/ Busticketverkäuferinnen im Nebenerwerb. Die neu erscheinenden potenziellen Fahrgäste werden persönlich abgefangen und auch nur halb so laut und schallend informiert.
In einer kleine Bude, in der die üblichen Tickets für die Terminalnutzung verkauft werden, sitzt eine Frau und stempelt in einem irren Tempo, ständig umblätternd, die Tickets in einem Zettelblock ab. Wow! Und das um diese Uhrzeit! Und zum ersten Mal überhaupt denke ich: Schade, dass es kein „Wetten dass…?“ mehr gibt! Markus Lanz moderiert bolivianisches Wettstempeln, während sich Hollywoodgrößen neben deutschen Comedians auf einer Couch zu Tode langweilen. Ist doch ein tolles Konzept!

Ich kaufe eine Zeitung, trinke einen MateLecheTeCaffe, löse ein bolivianisches Sodoku, nehme mir ein Taxi zum Hotel, checke ein und schlafe erst mal eine Runde. Was war noch mal der Sinn für einen Nachtbus…?

Marktschreierin/ Busticketverkäuferin im Nebenerwerb und im Profil vor ihrem Busticketschalter!
Marktschreierin/ Busticketverkäuferin im Nebenerwerb und im Profil vor ihrem Busticketschalter! 4:15 in Cochabamba!