Zwischen den Welten

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Zwischen den Welten

Zwischen den Welten! So fühle ich mich wieder, seit ich in Bolivien bin. Das meine ich weder positiv noch negativ. Aber nach den letzten Monaten in doch relativ gut entwickelten Ländern, ist die Umstellung in Bolivien riesig: auf der einen Seite das touristische Leben mit entsprechenden Ansprüchen und Angeboten und auf der anderen die spürbare Armut, durch die man mit dem Fotoapparat spaziert, als wäre es ein Erlebnispark.
In Chile, Argentinien und auch in Uruguay und Brasilien traf ich immer wieder auf einheimische Touristen, die die Highlights ihres Landes besuchten. Das fehlt in Bolivien komplett. Tourismus bedeutet hier internationaler Tourismus!
Gestern bin ich zum Mirador Recoleta gelaufen, von wo es die beste Aussicht auf Sucre geben soll. Dort befindet sich eine alte Kirche, davor ein Platz mit einem kleinen Markt, auf dem sich viele Indios befanden und, man muss schon sagen, auch etliche lagen dort herum. Viele von ihnen in Trachten. Auch das natürlich ein großer Unterschied zu den zuvor bereisten Ländern. Bolivien ist das Land Südamerikas mit der deutlich höchsten Indio-Dichte. Weder die europäischen Besatzer oder ihnen folgende Einwanderer noch afrikanische Einflüsse haben sich in der bolivianischen Bevölkerung nachhaltig eingemischt. Zwar versuchten die Spanier, wie auch in anderen Regionen, afrikanische Sklaven einzusetzen und auszunutzen. Allerdings kamen diese mit der Mischung aus körperlicher Ausbeutung und extremen Höhenbedingungen überhaupt nicht zurecht (z.B. in Potosí im Silberbergbau) und starben ihrer Ausbeutern einfach weg.
Auf der anderen Seite des Platzes (quasi nur durch eine Mauer getrennt) befindet sich mit Blick auf die Stadt das „Café Gourmet Mirador“. Der Name ist Programm! Dort residieren die internationalen Touristen – so auch ich. Denn unsere Vorstellung von „mal gemütlich einen schönen Kaffee trinken“ existiert in Bolivien einfach nicht. Punkt! Gemütlich Kaffee trinken ist Touristensache. Und schon ist man auf seinem vorgesehenen Platz! Kaffee mit Milchschaum dazu internationale Essenkarte… Die Preise sorgen dafür, dass Gringos und Artverwandte reinrassig ihre Aussicht genießen können. Da hilft es auch nicht, dass sich seit Beginn der Präsidentschaft von Evo Morales, seit acht Jahren also, die Durchschnittslöhne um 175% gesteigert haben.

Natürlich hätte ich mich auch oben auf den Platz vor die Kirche fläzen können. Vielleicht hätte ich sogar eine nette Unterhaltung geführt und ein paar Worte Quechua gelernt. Ging es nicht darum beim Reisen…? Aber…! Tja, hier ist der Unterschied zwischen den Welten so hart zu spüren, dass er Beklemmungen auslöst. Zu hart! Also bleiben wir (und ich) bequem auf „unserer“ Seite der Mauer. Der einzige Begegnungspunkt zwischen den Kulturen bleibt, wenn hin und wieder, bei ungünstigem Wind, ein Hauch von Urin (in der Bandstärke von Hundert Pumas) von der anderen Seite herüber zieht. Denn die andere Seite der Mauer dient dort als kostenloses Urinal.
Dann taucht auch noch eine verkleidete Kapelle auf, um für ein bisschen Kulturaustausch zu sorgen. Das mag der Bildungsbürger natürlich gerne. Hach, Kultur! Herrlich! klatscht er in die Hände und bewirft anschließend die Indios noch hübsch mit Indianergeld und darf sich auch noch gönnerhaft fühlen! Meiner Ansicht nach ist das völlig überbewertet und die kulturrevolutionäre Panflöte kann sich gerne selber einen blasen und mich solange in Ruhe lassen. Der Bildungsbürger ruft mir „Pfui! Interkulturelle Intoleranz!“ entgegen. Und wenn schon! Panflöten sind fast so große Nervtöter wie Dudelsäcke und Jürgen Drews. Das hat doch nichts mit Intoleranz zu tun, wenn mir das weh tut! Wenn Panflötisten und Dudelsackgänger (ja, und auch Jürgen Drews!) selber auch nur einen Funken Resttoleranz vor ihrer Umwelt hätten, würden sie ihr Tun einfach lassen!

Was wollte ich noch mal sagen? Ach, auch egal…! Frohe Ostern weiterhin!

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