tommiboe
Apothekenumschau
Apothekenumschau
Es hat mich erwischt! (Nein, ich bin nicht verliebt!)
Einige Tage nachdem Betty, meine Gastmutter, schnaufend durch Haus und Hof gelaufen war, kratzte es an meinen Mandeln und kribbelte es in meiner Nase. Zum einen bin ich froh, dass ich meinen beiden Outdoortage (Canyoning und Gleitschirmfliegen) hinter mir habe, zum anderen habe ich jetzt die Nase richtig voll.
Betty empfiehlt mir ein Medikament, das ich mir nicht verschreibungspflichtig in der Apotheke gleich um die Ecke holen kann. Ich versuche, das Positive in der Sache zu sehen. Da habe ich doch mal wieder einen verbrauchernahen Anlass, mir ein paar unbekannte spanische Vokabeln rauszusuchen. So weiß ich jetzt, das Schleim „flema“ heißt, sich anstecken „contagiarse“ und Popel „loro“. Schön! Das hätte ich sonst nie gelernt!
Das Wort „Pañuelos“ kannte ich schon, hilft mir aber nichts, denn schließlich sind wir in Venezuela, also in einem Land in dem das Klopapier knapp ist und – zumindest leuchtet mir diese Logik ein – damit auch die Taschentücher. Es gibt also keine: akute Zellstoffverknappung! Ich befinde mich in einer Apotheke wohlgemerkt und nicht beim Metzger! Dafür bekomme ich einen Packen Servietten, die zwar nicht so kuschelig weich wie Zewa Softies sind und nicht so viel „flema“ (ihr lernt also auch wichtige spanische Vokabeln) wie Tempos aufnehmen können, aber ich habe ja auch keine verwöhnte Nase, schließlich erledigt den Job zuhause auch die Küchenrolle!
Dann frage ich noch nach „algo para inhalar“, etwas zum Inhalieren, woraufhin mir die Apothekenfachangestellte einen „Inhalador“, einen Inhalator, andrehen möchte. Nein, ich möchte einfach etwas zum Inhalieren haben. Ich kassiere einen ungläubigen Blick, als hätte ich gerade ein Pfund Gehacktes bestellt. Das verstünde sie nicht. Ich könne doch Essig und Salz nehmen… aha! Ach, hatte ich es schon erwähnt, ich war noch immer in der Apotheke. Als Übersprungshandlung kaufe ich eine Tafel Mandelschokolade, die kann ich mir ja später mit Essig und Salz aufkochen… Die Schokoladenauswahl ist hier übrigens ganz ausgezeichnet!
Zurück zu Hause nehme ich meinen ersten Löffel Broxol, schließe die Augen und schmecke Venezuela / Südamerika. Selbst die Medizin ist hier so süß, dass einem die Zähne knirschen! Und auf der Flasche steht „adultos“ drauf, ist also für Erwachsene. Da möchte ich mir gar nicht ausmalen, wie die Kinderversion schmeckt.
Hätte ich das gewusst, hätte ich mir die Schokolade sparen können.
dolar paralelo
Mercado negro – mercado rojo
oder: Was hat die Wirtschaftskrise mit Canyoning zu tun?
„Bolivares Fuertes“ heißt die Währung seit 2008. Mir ist klar, dass man Ironie nicht erklären oder zu deutlich darauf hinweisen soll (wie meine Oma schon sagte: „Bevor du Ironie erklärst, erschieß dich!“). Aber es vielleicht nicht allen klar, dass „fuertes“ stark bedeutet. Und zur venezolanischen Währung fallen mir nur wenige unpassendere Adjektive ein als „fuerte“. Da die Venezolaner gerne Bolos zu ihrer Währung sagen, fände ich „Bolos flojos“ eine angemessene, zugleich selbstironische Bezeichnung (wobei flojo so etwas wie „schwach/schwächlich“ bezeichnet). Aber man soll nicht zu viel Schabernack auf Kosten anderer treiben, zumal tatsächlich sehr viele Venezolaner unter der aktuellen Situation leiden (Inflation von 30-40 %, bei Lebensmitteln noch deutlich höher).
Eine Begleiterscheinung der Schwäche des Bolivars ist, dass ein Run auf alle härteren Währungen besteht, letztlich also auf alle anderen Währungen, mal abgesehen von der Ostmark, deren Bestände aber selbst in Venezuela weitestgehend aufgebraucht sind. Nun gibt es natürlich einen offiziellen Wechselkurs. Der liegt beim Euro bei 1:8,3. Aber bei meinem letzten Wechsel habe ich 1:49 bekommen und mein letzter Touranbieter hat mir angeboten, dass ich meine Tour in Euro für einen Kurs von 1:50 zahlen konnte (auf http://www.dollarparalelovenezuela.com/ nennt sich der Kurs „oficial paralelo“ und dort steht der Euro sogar bei 1:60 – wird täglich aktualisiert – Tendenz steigend!). Das bedeutet, dass für mich gerade alles erschreckend günstig ist. Natürlich ist dieses Tauschen illegal. Aber es praktiziert quasi jeder.
Putzig wird das Ganze in Santa Elena, einer Stadt nahe der brasilianischen Grenze. Da hier so ein großer Grenz- und Devisenverkehr herrscht, hat sich der Staat quasi dem Schwarzmarkt ergeben. Deshalb sieht man die Geldwechsler offen auf der Straße herumlaufen mit ihren typischen Hüftgürteln, in denen batzenweise Bolivares stecken. Damit man sie besser erkennt, tragen sie rote Westen, auf denen eine Nummer sowie ihr Name stehen. Hier wird die Illegalität höchst offiziell verwaltet! Das Geldwechseln bleibt zwar irgendwie verboten, da illegal in Venezuela, aber ähh… naja… hier in Santa Elena machen wir mal eine Ausnahme!
Dieser Schwarzmarktkurs führt dazu, dass ich für meinen Einkauf (siehe Foto: Tomaten, Avokado, Bananen, Aji (kleine süßer Paprika), Physalis (eine kolumbianische Strauchfrucht aus 104% Vitamin C / zu deutsch: Kapstachelbeere, noch nie gehört…) sowie 8 Dosen Polar Pilsen (ich weiß, ich Arsch kaufe Dosen, aber dieses Bier ist leider lecker – selten für venezolanisches Bier – und nur in Dosen erhältlich) und eine etwa säuglingsgroße Papaya) gerade mal 4 € bezahle. Natürlich ist dieser Einkauf nur für mich – schwarzmarktbedingt – billig.
Dieses etablierte Tauschsystem führt dazu, dass letztlich alle Firmen, die etwas mit dem Ausland oder mit Tourismus zu tun haben, selbstverständlich Konten im Ausland haben und anbieten, dass man (also ich) gerne dorthin überweisen kann – in Euro zu Schwarzmarktkurs. Das ist völlig gängig und normal.
Mein extrem seriöses Reisebüro in Mérida verkauft mir einen Flug von Caracas nach El Habana/Cuba und zurück für 3000 Bolivares Fuertes, das entspricht nach offiziellem Kurs 350 Euro. Ich überweise stattdessen wahlweise in die USA, nach Spanien oder natürlich nach Panama (wozu brauchen wir eigentlich noch eine Schweiz?) 62 Euro.
Wie lange das alles hier noch gut oder schlecht geht, lässt sich schwer sagen. Die Propagandamaschine läuft weiter – wenn auch ohne Chavez nicht mehr so rund. Ich durfte heute Zeuge davon auf dem Plaza Bolívar (wo sonst?!) werden. Da war eine Wahlkampfveranstaltung der PSUV (Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas), das Publikum größtenteils hübsch in rot gewandet und da wurde böse gegen die Rechten geschimpft und an die Erfolge Chavez‘ erinnert.
Aktuell wird in Venezuela von einer „guerra económica“ gesprochen, also einem „Wirtschaftskrieg“! Und die Sozialisten geben der Wirtschaft die Schuld für die katastrophale Situation, während sich die Politik ohnmächtig gibt. Aha! In der aktuellen Situation kann man leider kein großes Vertrauen in das wirtschaftliche Geschick der Regierung haben. Das geht hier gerade ziemlich steil den Bach herunter!
Apropos „den Bach herunter“, kommen wir zu etwas Positivem! Morgen mache ich Canyoning und dabei geht’s im Neoprenanzug auch den Bach herunter.

Vollsperrung mit Busersatzverkehr
Vollsperrung mit Busersatzverkehr
Ich möchte von Mochima zurück nach Puerto la Cruz. Denn von dort geht morgen früh mein Rückflug über Caracas nach Mérida. Mochima liegt idyllisch in einem Nationalpark an der Karibikküste. Mehrere Strände sind in Bootsnähe und kleine Inseln dümpeln im Meer herum. Einige würden das Dorf verträumt oder verschlafen nennen. Aber das täuscht. Es ist tot! Die Straßen sind leer. Vom Tauchcenter ist der Kompressor kaputt und wird nicht erkenntlich, warum er dringend repariert oder ersetzt werden müsse. Der Kajak- und Raftinganbieter hat selber für einen Monat Urlaub genommen. Die meisten Restaurants sind geschlossen oder – wie gestern – ich bin der einzige Gast…
Da fällt der Aufbruch nicht schwer. Hatte ich erwähnt, dass es morgens um 8 schon 30° hat…? – Das muss auch nicht sein und macht den Ort nur noch toter!
Ich bin um 9 Uhr morgens mit Gepäck und reichlich Schweiß im Gesicht an der einzigen ernstzunehmenden Straße des Dorfes. Hier soll der Bus vorbeikommen, der mich zur Kreuzung an die Hauptstraße bringt. An der gleichen Ecke wartet schon ein junger Einheimischer, der weiß, dass jene Hauptstraße in beide Richtungen von der Guardia Nacional vollgesperrt ist. Da man nicht weiß, wann sie wieder geöffnet wird, fahren erstmal auch keine Busse.
Das spanisch-englische Pärchen, das in die andere Richtung weiterreisen möchte, aber auch zur Hauptstraße muss, und ich schauen gemeinsam blöd aus der Wäsche. „Und nu?“ ist die Frage… Gut, man wartet letztlich auf irgendjemanden, der das Dorf verlässt und einen bis zur Sperrung mitnimmt. Dann geht man zu Fuß hindurch und hofft auf der anderen Seite auf irgendeine Form von Transport. Okay. So die Theorie. In der Praxis ist der Ort allerdings so tot wie die Mimik von Ottfried Fischer und die meisten Tote verlassen keinen Ort mehr. Es sei denn sie werden umgebettet. Und selbst dann wäre es wahrscheinlich schwierig, eine Mitfahrgelegenheit zu realisieren.
Aber schon kurz darauf fährt ein Pickup an uns vorbei und wir springen hinten auf. Wir wissen zwar nicht genau, wohin es geht, aber die Richtung muss stimmen. Denn es gibt nur die eine Straße und die führt raus aus der Sackgasse. Auf dem Weg der Berg hoch kommen wir tatsächlich an dem leeren Bus vorbei, der mit dem schlafenden Fahrer im Nichts geparkt steht und auf ein besseres Morgen wartet.
An der Kreuzung entscheidet sich der Fahrer für meine Richtung und fährt weiter in Richtung Santa Fé (wenn das mal kein Zeichen ist? Denn „Fé“ bedeutet „Glauben“!). Die anderen springen also ab und wir rollen langsam weiter. Der Pickup ist so alt, dass man ausnahmsweise mal nicht die waghalsige Fahrweise des Piloten fürchten muss, sondern eher dass wir irgendwo komplett liegen bleiben.
Wir passieren kurz vor Santa Fé die Kontrollstation, die Sperrung ist mittlerweile aufgehoben, und wenig später bin ich am Terminal, wo ich in den Bus nach Puerto la Cruz steigen kann. Ich frage den Fahrer, was ich ihm schulde, und er sagt den putzigen Satz, den man eigentlich in Venezuela nicht aussprechen kann: „Dame algo por la gasolina!“ („Gib mir etwas für den Sprit!“). Sicher, das ist bloß eine Floskel. Aber eine Floskel, die hier überhaupt nicht funktioniert. Der Sprit kostet hier nichts… Soll ich ihm also nichts geben?
Ich bedanke mich und gebe ihm einen 10-Bolivares-Schein. Das entspricht nach aktuellem Schwarzmarktkurs 20 Cent, was sehr wenig klingt. Allerdings kann er dafür zweimal volltanken! Es sei denn es handelt sich um einen Diesel. Dann reicht’s nämlich für drei bis vier Tankfüllungen!
Bis zur nächsten Bus – erscheint dann im Sammelband („Busreisen in Südamerika – ein Spaß für die ganze Familie!“)
„Kere Kere!“
„Kere Kere!“
oder: Warum Männer wirklich früher sterben!
Im Deutschen gibt es den Spottvogel, im Englischen den „Mocking Bird„. Keine Ahnung, ob die beiden Hübschen miteinander verwandt oder verschwägert sind, wie man ihren Spottgesang artgerecht nachmacht oder ihn in Lautschrift gießt. Mögen mich meine „Birdie“-Freunde (Menschen mit Vogelsachverstand) aufklären – oder besser noch: es seien lassen.
Aber ich weiß, dass es in Venezuela einen Vogel gibt, den man „Kere kere“ nennt, da sein Gesang/ Gemecker genau so klingt: Kere kere! Wer das einige zig Male laut und hell vor sich hin gemeckert hat, der weiß, wie’s funktioniert.
Das Schöne daran ist, dass die venezolanischen Männer ihre Ehefrauen, wenn sie zuviel meckern, mehr oder weniger liebevoll „Kere kere“ nennen.
Hier könnte die Geschichte schon zu Ende sein, aber es stellt sich mir die Frage, warum nennen Männer ihre Frauen so und nicht umgekehrt? Eine schnelle Antwort lautet, weil Frauen mehr meckern und warum…? Natürlich, weil sie mehr Anlass zum Meckern haben, zum Beispiel über ihre Männer. Diese Antwort liegt nahe… Meines Erachtens liegt es aber auch daran, dass Männer zu Hause weniger meckern. Das klingt banal. Aber das Warum ist interessant. Sie meckern weniger, weil sie einfach ihre Ruhe haben wollen und keine Lust auf Auseinandersetzung, Streit, ja mitunter nicht mal auf Kommunikation im Allgemeinen haben. Das wiederum bringt Frauen auf die Palme, ohne dabei die eigentliche und durchaus wichtige Botschaft des Mannes verstanden zu haben: „Ich möchte meine Ruhe!“ – Diesen Satz müssen manche Frauen einfach noch mal in Ruhe lesen…
Das kann natürlich sekundär auch etwas mit der Frau im Allgemeinen oder Spezifischen zu tun haben. In erster Linie ist der Wunsch nach Ruhe aber ein Grundbedürfnis des Mannes, welches Frauen in diesem Ausmaß nicht besitzen. Daher fehlt ihnen oft Verständnis und Toleranz und, was es noch schlimmer macht, sie nehmen es persönlich und fühlen sich missverstanden und vernachlässigt. Dabei hat es meistens gar nichts mit ihnen zu tun. Das sollte sie (kleiner Tipp!) an dieser Stelle beruhigen und nicht aufregen!
Aber ich hole zu weit aus… Und ich weiß, ich bin fürchterlich verallgemeinernd. Aber das muss es auch sein und das gehört bei vielen großen Theorien oft dazu.
Vor diesem Hintergrund beantworten sich die folgenden Fragen fast von alleine: Wer trifft eigentlich die Entscheidungen in einer Partnerschaft? Wer richtet die Wohnung ein? Wer wählt den Kinofilm aus? Wer entscheidet über die „gemeinsamen“ Freunde? Der Fragenkatalog ist quasi unendlich. – Aber für die meisten umstrittenen Fragestellungen ist das Ruhebedürfnis des Mannes einfach zu groß. Er weiß, dass er keine Chance hat und letztlich ist es ihm auch nicht sooo wichtig. Er wählt den Weg des geringsten Widerstands und lässt sie entscheiden. Darf sich aber nicht wundern, warum er sich plötzlich Filme wie Titanic oder von Rosamunde Pilcher anschaut.
Aber: Wer stirbt früher? – Männer!
Die (schlüssige) Beweisführung direkt hin zu Rosamunde Pilcher-Filmen ist mir leider noch nicht gelungen!
Es hat dahingehend noch niemand seriös überprüft, ob nicht vielleicht die ein oder andere Entscheidung im Haushalt lebensgefährlich sein könnte. Und wenn ja, für wen? – Langsam wird’s ernst!
Verallgemeinern wir noch ein bisschen weiter. Frauen frieren leichter und mehr und überall. Das hat ursprünglich mit dem Schutz des ungeborenen Kindes zu tun und ist überhaupt nicht, liebe Frauen, als Vorwurf zu verstehen. Die Frau mag es also behaglich und warm, sehr warm. Zu warm für den Mann! Der Mann fängt an zu schwitzen und möchte es kühler haben. Aber dann wiederum würde sie frieren…
Was passiert…? Die Antwort auch auf diese Frage ist, dass die Frau über die Temperatur im Haus entscheidet und somit den Mann in die Saunafalle treibt. Wer sich auf Dauer in zu warmen Räumen aufhält, neigt zur Ausbildung von Bluthochdruck, einer der Hauptgründe für eine verminderte Lebenserwartung. Ein Krankheitsbild, das im übrigen nicht entstehen kann, wenn man sich eher in kälteren Räumen aufhält. Dagegen hilft oft schon ein Pullover. Ohh! Konjunktiv vergessen: Würde helfen! Denn natürlich wird, damit die Frau weder friert noch meckert, die Heizung aufgedreht.
Das vorzeitige Todesurteil für den Mann wird spätestens dann unterzeichnet, wenn er sich auf den Einbau einer Fußbodenheizung einlässt. Das ist nämlich das Allerletzte für seine Blutgefäße und seinen Kreislauf!
Bisher hat es, meinen Recherchen nach, noch kein Gerichtsurteil über Totschlag oder fahrlässige Tötung in diesem Zusammenhang gegeben…
Äh… Wie war ich noch mal darauf gekommen? Ach ja: „Kere Kere – Kere Kere!“

Buscama
Buscama – der Bettenbus
Endlich! Die Evolution des venezolanischen Busreisens hat mich ganz nach oben gespült. Nach meiner Tour zu den Angel Falls, von denen ich in einer 6-Sitzer-Cessna zurückgeflogen bin (so soll reisen sein!), wartet ein Ticket für einen Buscama (wörtlich: „Busbett“) von Ciudad Bolívar nach Santa Elena auf mich. Diese Busse sind pünktlich, bequem, haben Klimaanlage und halten nicht an jeder Milchkanne.
Dabei funktioniert die Metapher „an jeder Milchkanne halten“ in Venezuela nicht wirklich, da es dafür einfach nicht genügend Milch gibt – und damit auch keine Kannen! Das liegt wiederum daran, dass der Milchpreis, dem Sozialismus sei Dank, vom Staat festgelegt wird, sodass sich alle sozialistischen Schwestern und Brüder Milch leisten können. Da die Bauern für die Milch aber so wenig gekommen, wird die Milch lieber veredelt und gar nicht erst als Milch auf den Markt gespült/gegeben. So bringt diese schöne Idee von der günstigen Milch leider nichts, weil genau deshalb gar keine Milch in den Regalen landet. Bravo!
Aber ich sitze (auch ohne Milch) in der heißen Ciudad Bolívar am Terminal und warte auf meinen Buscama, der schon eineinhalb Stunden Verspätung hat. Der Venezolaner als solcher wartet, ohne zu maulen. Auch als der Bus endlich da ist, aber sich die Tür minutenlang nicht öffnet. Der Venezolaner stellt sich artig an – an der Tür, an der Gepäckluke, letztlich an jeder verfügbaren Schlange. Und wartet…
Endlich steigt der Hilfsmokel aus, streckt sich wie nach einem erholsamen Schlaf und geht erst einmal davon, um sich und dem Busfahrer „Refrescos“ (Erfrischungsgetränke) zu kaufen. Der Sozialismus lehrt uns – beziehungsweise mich – Geduld. Schon eine halbe Stunde später ist das Gepäck verstaut und ich sitze auf meinem Platz, erste Reihe im Obergeschoss, Beinfreiheit, weit rückstellbarer Sitz. Alles gut! Nur… Es ist immer noch verdammt heiß! Die Aire (Klimaanlage) schickt ein mit modernster Technik kaum messbares Lüftchen herab.
Keine Frage, der Motor läuft. Denn in Venezuela laufen alle Motoren immer! Man weiß ja, dass ein laufender Motor kaum kaputtgehen gehen kann. Nur das lästige An- und Ausschalten macht ihn auf Dauer mürbe. Und das passiert in Venezuela nicht, in einem Land, in dem Pissen teurer ist als Volltanken. Das ist keine Metapher! Probiert einfach mal beides an einer venezolanischen Tankstelle aus und ihr werdet sehen!
Laufender Motor heißt, Klimaanlage müsste auch laufen. Aufgepasst: Konjunktiv! Der Venezolaner reagiert darauf mit Schwitzen und Warten und einer Kombination daraus: mit schwitzendem Warten. Keine Reaktion, kein Protest! Schließlich gehe ich runter und bitte, die Klimaanlage hochzudrehen. Der Fahrer signalisiert mir, sie sei bereits voll aufgedreht. Aha! Ich schau ihn fragend an, ob das sein Ernst sei. Daraufhin meint er, weiter hinten im Bus würde sie besser laufen. Ich packe meine Sachen und gehe nach hinten, wo noch Plätze frei sind, und in der Tat ein erfrischendes Lüftchen weht. Scheiß auf meine Sitzplatznummer!
Die Fahrt soll 10 Stunden dauern. Da wäre ein bisschen Schlaf doch ganz schön. Ich lese mich ein wenig müde und mache die Äuglein zu. Aber so recht funktioniert das Einschlafen nicht. Gerade bin ich eingenickt, da hält der Bus, Licht geht an, Leute steigen geräuschvoll ein und aus. Dann ist’s wieder dunkel und ich wach. Hmmm! Das nächste Mal, als ich gerade schlafe, weckt mich ein Zeigefinger, der eindringlich an meinen Oberarm tippt. Eine Uniform und ihr Gesicht schauen mich an. Pasaporte! Aha! Straßenkontrollen sollen auf der Strecke nach Santa Elena, das direkt an der brasilianischen Grenze liegt, hoch im Kurs liegen. Zumindest auf diese Auskunft scheint Verlass. – Ich kann nicht einschlafen. Lesen… Ein anderer Zeigefinger piekt auf die gleiche Stelle. Im Halbschlaf zücke ich meinen Reisepass, aber dieses Mal müssen alle aussteigen. Der Bus ist bereits leer. Bravo, ich habe wohl tatsächlich geschlafen. Draußen stelle ich mich in die Schlange, zeige meinen Pass und schlumpfe wieder auf meinen Platz. Matschig und müde sitze ich dort, knusper ein paar Tostones (Bananenchips) und schließe wieder die Augen.
Das offenbar geschulte Personal der Guardia Nacional trifft auch im dritten Versuch den Triggerpunkt auf meinem Oberarm. (Ich springe auf und salutiere.) Schlaftrunken will ich schon aus dem Bus wandeln. Aber dieses Mal muss ich meinen Rucksack mitnehmen. Draußen ist es inzwischen hell. Die Passagiere stehen mit dem gesamten Gepäck in Männlein- und Weibleinreihen. Ich stelle mich hinten an, werde aber von einem Nationalgardisten in ein kleines Zelt geleitet und dort gesondert untersucht. Dort muss ich alles Mögliche auspacken. Was suchen sie? Man hört so Geschichten, dass sie von Touristen gerne Geld haben wollen… Ich frag, ob ich tatsächlich alles auspacken soll und der relativ junge Mann sagt wörtlich: nein, die Hälfte! Ich packe also circa die Hälfte aus, zeige meinen Pass und, oh Wunder, das war’s!
Noch eine Stunde und ich bin in Santa Elena. Jetzt brauch ich erst einmal ein Bett und Schlaf. So hatte ich mir die Fahrt in einem Buscama nicht gewünscht, aber innerlich natürlich doch so ähnlich vorgestellt. Vorurteilsfreies Busfahren in Venezuela…? Nicht mit mir!
Qué más?! Und sonst so?!
– An den Angel Falls / Salto Angel gewesen, höchster freifallender Wasserfall der Welt (alle Fakten siehe Wikepedia o.ä.)
– abgefahrene Fahrt in einem schmalen Holzkanu (mit 16 Personen besetzt!) den Rio Churrún zu den Angel Falls hinauf – bisschen wie Rafting flussaufwärts. RESPECT an den Bootsmann!
– Laguna de Canaima mit etlichen schicken kaskadenartigen Wasserfällen. Hinter einigen kann man entlang laufen: spektakulär!
– cooler Rückflug in 6-Sitzer-Cessna.
– Weiterfahrt nach Santa Elena, von dort 5-Tages-Tour zum Roraima, dem höchsten (und vermutlich gefräßigsten) Tafelberg der Welt. Zum Angeben für den nächsten Geographen-Stammtisch!






