Vollsperrung mit Busersatzverkehr

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Vollsperrung mit Busersatzverkehr
Ich möchte von Mochima zurück nach Puerto la Cruz. Denn von dort geht morgen früh mein Rückflug über Caracas nach Mérida. Mochima liegt idyllisch in einem Nationalpark an der Karibikküste. Mehrere Strände sind in Bootsnähe und kleine Inseln dümpeln im Meer herum. Einige würden das Dorf verträumt oder verschlafen nennen. Aber das täuscht. Es ist tot! Die Straßen sind leer. Vom Tauchcenter ist der Kompressor kaputt und wird nicht erkenntlich, warum er dringend repariert oder ersetzt werden müsse. Der Kajak- und Raftinganbieter hat selber für einen Monat Urlaub genommen. Die meisten Restaurants sind geschlossen oder – wie gestern – ich bin der einzige Gast…
Da fällt der Aufbruch nicht schwer. Hatte ich erwähnt, dass es morgens um 8 schon 30° hat…? – Das muss auch nicht sein und macht den Ort nur noch toter!
Ich bin um 9 Uhr morgens mit Gepäck und reichlich Schweiß im Gesicht an der einzigen ernstzunehmenden Straße des Dorfes. Hier soll der Bus vorbeikommen, der mich zur Kreuzung an die Hauptstraße bringt. An der gleichen Ecke wartet schon ein junger Einheimischer, der weiß, dass jene Hauptstraße in beide Richtungen von der Guardia Nacional vollgesperrt ist. Da man nicht weiß, wann sie wieder geöffnet wird, fahren erstmal auch keine Busse.
Das spanisch-englische Pärchen, das in die andere Richtung weiterreisen möchte, aber auch zur Hauptstraße muss, und ich schauen gemeinsam blöd aus der Wäsche. „Und nu?“ ist die Frage… Gut, man wartet letztlich auf irgendjemanden, der das Dorf verlässt und einen bis zur Sperrung mitnimmt. Dann geht man zu Fuß hindurch und hofft auf der anderen Seite auf irgendeine Form von Transport. Okay. So die Theorie. In der Praxis ist der Ort allerdings so tot wie die Mimik von Ottfried Fischer und die meisten Tote verlassen keinen Ort mehr. Es sei denn sie werden umgebettet. Und selbst dann wäre es wahrscheinlich schwierig, eine Mitfahrgelegenheit zu realisieren.
Aber schon kurz darauf fährt ein Pickup an uns vorbei und wir springen hinten auf. Wir wissen zwar nicht genau, wohin es geht, aber die Richtung muss stimmen. Denn es gibt nur die eine Straße und die führt raus aus der Sackgasse. Auf dem Weg der Berg hoch kommen wir tatsächlich an dem leeren Bus vorbei, der mit dem schlafenden Fahrer im Nichts geparkt steht und auf ein besseres Morgen wartet.
An der Kreuzung entscheidet sich der Fahrer für meine Richtung und fährt weiter in Richtung Santa Fé (wenn das mal kein Zeichen ist? Denn „Fé“ bedeutet „Glauben“!). Die anderen springen also ab und wir rollen langsam weiter. Der Pickup ist so alt, dass man ausnahmsweise  mal nicht die waghalsige Fahrweise des Piloten fürchten muss, sondern eher dass wir irgendwo komplett liegen bleiben.
Wir passieren kurz vor Santa Fé die Kontrollstation, die Sperrung ist mittlerweile aufgehoben, und wenig später bin ich am Terminal, wo ich in den Bus nach Puerto la Cruz steigen kann. Ich frage den Fahrer, was ich ihm schulde, und er sagt den putzigen Satz, den man eigentlich in Venezuela nicht aussprechen kann: „Dame algo por la gasolina!“ („Gib mir etwas für den Sprit!“). Sicher, das ist bloß eine Floskel. Aber eine Floskel, die hier überhaupt nicht funktioniert. Der Sprit kostet hier nichts… Soll ich ihm also nichts geben?
Ich bedanke mich und gebe ihm einen 10-Bolivares-Schein. Das entspricht nach aktuellem Schwarzmarktkurs 20 Cent, was sehr wenig klingt. Allerdings kann er dafür zweimal volltanken! Es sei denn es handelt sich um einen Diesel. Dann reicht’s nämlich für drei bis vier Tankfüllungen!

Bis zur nächsten Bus – erscheint dann im Sammelband („Busreisen in Südamerika – ein Spaß für die ganze Familie!“)

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Ein Kommentar zu „Vollsperrung mit Busersatzverkehr

    Chmuel Bärchenbaum sagte:
    Oktober 5, 2013 um 2:36 pm

    Bärchen an Commandante:
    Härlich, deine Berichte. Wie schön, dass ich nicht dabei bin, denn spätestens (oder doch schon) jetzt wäre mein Bären-Leben (selbst mit der zusätzlich buchbaren Rettungsschirm-Option „kaufe-7-Katzenleben-zahle-6″….) endgültig beendet. Also erfreue ich mich lieber an deinen Geschichten, bei denen ich mindestens einmal täglich sterben würde…..an für mich schlechten Tagen wohl auch schon morgens um 8……
    Vermisse den Vallenato ein wenig……

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