Chavez

dolar paralelo

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Mercado negro – mercado rojo
oder: Was hat die Wirtschaftskrise mit Canyoning zu tun?

„Bolivares Fuertes“ heißt die Währung seit 2008. Mir ist klar, dass man Ironie nicht erklären oder zu deutlich darauf hinweisen soll (wie meine Oma schon sagte: „Bevor du Ironie erklärst, erschieß dich!“). Aber es vielleicht nicht allen klar, dass „fuertes“ stark bedeutet. Und zur venezolanischen Währung fallen mir nur wenige unpassendere Adjektive ein als „fuerte“. Da die Venezolaner gerne Bolos zu ihrer Währung sagen, fände ich „Bolos flojos“ eine angemessene, zugleich selbstironische Bezeichnung (wobei flojo so etwas wie „schwach/schwächlich“ bezeichnet). Aber man soll nicht zu viel Schabernack auf Kosten anderer treiben, zumal tatsächlich sehr viele Venezolaner unter der aktuellen Situation leiden (Inflation von 30-40 %, bei Lebensmitteln noch deutlich höher).
Eine Begleiterscheinung der Schwäche des Bolivars ist, dass ein Run auf alle härteren Währungen besteht, letztlich also auf alle anderen Währungen, mal abgesehen von der Ostmark, deren Bestände aber selbst in Venezuela weitestgehend aufgebraucht sind. Nun gibt es natürlich einen offiziellen Wechselkurs. Der liegt beim Euro bei 1:8,3. Aber bei meinem letzten Wechsel habe ich 1:49 bekommen und mein letzter Touranbieter hat mir angeboten, dass ich meine Tour in Euro für einen Kurs von 1:50 zahlen konnte (auf http://www.dollarparalelovenezuela.com/ nennt sich der Kurs „oficial paralelo“ und dort steht der Euro sogar bei 1:60 – wird täglich aktualisiert – Tendenz steigend!). Das bedeutet, dass für mich gerade alles erschreckend günstig ist. Natürlich ist dieses Tauschen illegal. Aber es praktiziert quasi jeder.

Putzig wird das Ganze in Santa Elena, einer Stadt nahe der brasilianischen Grenze. Da hier so ein großer Grenz- und Devisenverkehr herrscht, hat sich der Staat quasi dem Schwarzmarkt ergeben. Deshalb sieht man die Geldwechsler offen auf der Straße herumlaufen mit ihren typischen Hüftgürteln, in denen batzenweise Bolivares stecken. Damit man sie besser erkennt, tragen sie rote Westen, auf denen eine Nummer sowie ihr Name stehen. Hier wird die Illegalität höchst offiziell verwaltet! Das Geldwechseln bleibt zwar irgendwie verboten, da illegal in Venezuela, aber ähh… naja… hier in Santa Elena machen wir mal eine Ausnahme!

Dieser Schwarzmarktkurs führt dazu, dass ich für meinen Einkauf (siehe Foto: Tomaten, Avokado, Bananen, Aji (kleine süßer Paprika), Physalis (eine kolumbianische Strauchfrucht aus 104% Vitamin C / zu deutsch: Kapstachelbeere, noch nie gehört…) sowie 8 Dosen Polar Pilsen (ich weiß, ich Arsch kaufe Dosen, aber dieses Bier ist leider lecker – selten für venezolanisches Bier – und nur in Dosen erhältlich) und eine etwa säuglingsgroße Papaya) gerade mal 4 € bezahle. Natürlich ist dieser Einkauf nur für mich – schwarzmarktbedingt – billig.

Dieses etablierte Tauschsystem führt dazu, dass letztlich alle Firmen, die etwas mit dem Ausland oder mit Tourismus zu tun haben, selbstverständlich Konten im Ausland haben und anbieten, dass man (also ich) gerne dorthin überweisen kann – in Euro zu Schwarzmarktkurs. Das ist völlig gängig und normal.
Mein extrem seriöses Reisebüro in Mérida verkauft mir einen Flug von Caracas nach El Habana/Cuba und zurück für 3000 Bolivares Fuertes, das entspricht nach offiziellem Kurs 350 Euro. Ich überweise stattdessen wahlweise in die USA, nach Spanien oder natürlich nach Panama (wozu brauchen wir eigentlich noch eine Schweiz?) 62 Euro.
Wie lange das alles hier noch gut oder schlecht geht, lässt sich schwer sagen. Die Propagandamaschine läuft weiter – wenn auch ohne Chavez nicht mehr so rund. Ich durfte heute Zeuge davon auf dem Plaza Bolívar (wo sonst?!) werden. Da war eine Wahlkampfveranstaltung der PSUV (Vereinigte Sozialistische Partei Venezuelas), das Publikum größtenteils hübsch in rot gewandet und da wurde böse gegen die Rechten geschimpft und an die Erfolge Chavez‘ erinnert.
Aktuell wird in Venezuela von einer „guerra económica“ gesprochen, also einem „Wirtschaftskrieg“! Und die Sozialisten geben der Wirtschaft die Schuld für die katastrophale Situation, während sich die Politik ohnmächtig gibt. Aha! In der aktuellen Situation kann man leider kein großes Vertrauen in das wirtschaftliche Geschick der Regierung haben. Das geht hier gerade ziemlich steil den Bach herunter!
Apropos „den Bach herunter“, kommen wir zu etwas Positivem! Morgen mache ich Canyoning und dabei geht’s im Neoprenanzug auch den Bach herunter.

4 €- Einkauf
4 €- Einkauf

Kaltes Bier in heißer Stadt

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Kaltes Bier in heißer Stadt
oder: Wenn die Idee besser ist als die Wirklichkeit, hilft Demut!

Ich sitze am Orinoco in Ciudad Bolívar, mit bürgerlichem Namen heißt die Stadt Santo Tomé de Guayana de Angostura del Orinoco, was mal ordentlich Eindruck auf dem Briefkopf macht. Da braucht man auf dem Amt schon ein gescheites großflächiges Stempelkissen. Jedenfalls hat der allgegenwärtige Símon Bolívar genau hier die Unabhängigkeit Großkolumbiens von den spanischen Drecksbesatzern erklärt und sich damit den Stadtnamen ehrlich verdient.
Aber nicht ihre historische Bedeutung noch ihre Hafenfunktion nicht einmal ihre regional bedeutende Viehwirtschaft hat mich in die Stadt am Orinoco gelockt. Nein, von hier aus soll es morgen per Propellermaschine zum Angel Fall, dem Salto Angel gehen, dem höchsten Wasserfall der Welt, der im Übrigen in der Sprache der Pemón „Kerepakupai Merú“ heißt. Das ist deshalb interessant (oder auch nicht), weil sich Hugo Chávez höchstpersönlich dafür eingesetzt hat, dass der Wasserfall künftig wieder seinen ursprünglichen Namen bekommt. Denn warum soll man ein durch und durch venezolanisches Weltwunder nach einem dämlichen Gringopiloten benennen, der nichts weiter im Gold berauschten Sinne hatte, als sich persönlich zu bereichern? Was zum einen typisch amerikanisch ist, fremde Länder auszubeuten, und obendrein in höchstem Maße unsozialistisch! Ob Chávez tatsächlich aus Ärger über diesen Namensstreit gestorben ist, darüber streiten sich noch Geschichtsschreiber (und Mediziner).
Besagtes Flugzeug, mit dem Jimmy Angel (mit dem Namen hätte er nicht Pilot sondern Rockstar werden sollen!) auf dem Plateau des Tafelbergs über dem Wasserfall landete, steht heute in der Ciudad Bolívar. Da schließt sich der Würfel und ich bin wieder in der Stadt am Orinoco!
Bevor ich nun aber zum Sitzen komme am Ufer des dicken fetten Orinocos, bin ich durch die Altstadt geschlendert. Und man muss wirklich schön langsam schlendern. Erstens, weil es schweineheiß ist, und zweitens, weil die koloniale Altstadt so klein ist, dass man sonst schon nach fünf Minuten damit fertig wäre. Klein aber fein! möchte ich anmerken. Kolonialhäuser, hübsch und farbenfroh angepinselt. So frisch, dass man die Tropfen noch auf den Gehsteigen sehen kann. Die Stadt hatte sich nämlich um den Titel „Weltkulturerbe“ der UNESCO beworben und Chávez persönlich hatte sich derzeit dafür stark gemacht und einen Aufruf an sein ciudadbolivarisches Volk gestartet, es möge doch seine Häuser streichen. Darauf das Volk: Lieber Despot, weder Farbe noch Geld sind unser eigen, es gehört doch alles dem Volke! Daraufhin musste selbst der große Hugo Chávez schmunzeln und gab eine Runde Farbe für alle aus, auf dass die Häuser der Stadt bunt wurden. Und so geschah es!
Und tatsächlich strahlt die Stadt auch heute noch farbenfroh. Wenn man aber genauer hinsieht, erkennt man, dass die Hauswände einfach übergestrichen worden sind. Es wurde nichts neu verputzt oder ausgebessert. Dafür war dann wirklich kein Geld mehr da. Die Ciudad Bolívar hat den Titel übrigens bekommen. (Ob Chávez tatsächlich aus Freude darüber gestorben ist, ist hingegen nicht eindeutig bewiesen.)
Nun sitze ich also tatsächlich am Orinoco, der sich mächtig und ruhig an mir vorbeischiebt. Die Stadt wurde hier gegründet, weil der Fluss hier an seiner Verengung nur 300 Meter breit. Verengung heißt (ich weiß, ich bin heute recht belehrend. Aber U- und E-Reiseberichte schließen einander nicht grundsätzlich aus!) im Spanischen „Angostura“. Und nach diesem Wort und Ort wurde der Angosturabaum benannt, der für den Angustora-Bitter, einem Bitterlikör, verantwortlich ist, den ein deutscher Arzt gegen Tropenkrankheiten wiederum für Bolívars Truppen entwickelt hat. Da schließt sich der nächste Würfel! (Da das alles lange vor Hugo Chávez geschah, sind sich die Historiker relativ sicher, dass das alles nichts oder zumindest wenig mit dem Tod des Comandantes zu tun hat.)
Der mystische Orinoco schiebt sich währenddessen gleichgültig an mir vorüber. Seine Mystik mag sich mir allerdings nicht erschließen. Dafür ist es leider zu heiß und zu windstill. Ich sitze einem großen offenen Restaurant mit massiven Holztischen und -stühlen. Es gibt nichts zu essen und es gibt nur einige wenige Gäste, die eines gemein haben: Vor ihnen auf den Tischen stehen viele leere Bierflaschen. Die Bedienung stellt immer nur neue kalte Bierflaschen auf den Tisch und räumt sie erst am Schluss ab, wenn bezahlt wird. Spart die Buchführung, erfordert aber große Tische. Denn die Flaschen sind klein (0,222 l), die Hitze ist groß, Resultat: volle Tische und ein extrem hoher Schweiß-Bier-Koeffizient!
Auch ich hatte diesen Plan, hier unten am Fluss Erfrischung zu finden, ein bisschen zu lesen, zu schreiben, Bier zu trinken. Aber manchmal ist eine Idee einfach besser als die Wirklichkeit. „Kaltes Bier in heißer Stadt“ klingt, meines Erachtens, nicht besonders komplex! Aber manchmal sind es Kleinigkeiten, die dir einen Strich durch die Rechnung machen. Besonders wenn sie sich häufen:
1. Es ist einfach viel zu heiß!
2. Die Ventilatoren vollführen zwar anmutige Rotationsbewegungen dort oben am Dach, sind aber nur von dekorativer Funktion.
3. Das einzige, wenngleich kalte Bier, das serviert wird, ist „Polar Light“! Nur so viel: Dahingegen schmeckt stark gechlortes Leitungswasser erfrischend und lecker (bei etwa dem gleichen Alkoholgehalt!). Aber selbst gechlortes Leitungswasser haben sie hier nicht!
4. Es läuft „Vallenato“, eine unnütze, schreckliche Musik, über die man wenig sagen kann, ohne sich maßlos aufzuregen. (Es streiten sich noch heute Musikwissenschaftler darüber, ob Hugo Chávez tatsächlich in seinen letzten Stunden Vallenato gehört haben soll. Angeblich, um ihm den Abschied von den schönen Dingen des Lebens zu erleichtern.)
5. Mein Zeigefinger ist so feucht, dass mein Ebook streikt und es sich nicht mehr umblättern lässt!
Was hilft in solchen Situationen? Demut! Ich beschließe, dass es mir saugut geht, lasse mein gechlortes Leitungswasser, äh, Polar Light stehen, verlasse den Ort und gehe mir einen frischen Orangensaft pressen! Und lächele dazu im Rhythmus der zum Glück immer leiser werdenden Vallenatoklänge…

für alle, die schon immer gesagt haben, frisch gepresster orangensaft schmeckt am besten. jaja, beruhigt euch, ihr habt doch recht!
für alle, die schon immer gesagt haben, frisch gepresster Orangensaft schmeckt am besten. Jaja, beruhigt euch, ihr habt doch recht!
casco historico - so schön dank farbe von hugo!
casco historico – so schön dank Farbe von Hugo!
niemals! bääääääääääh!
niemals! bääääääääääh!
das originalflugzeug von jimmy angel!
das Originalflugzeug von Jimmy Angel!