WG gesucht – Lahngarten, 3.Teil

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WG gesucht – Lahngarten, Teil 3

Was mich am nächsten Morgen weckte, klang wie ein Staubsauger. Allerdings war der Lärm viel zu laut dafür. Denn es klang eher so, als würde jemand direkt in meinem Zimmer staubsaugen. Und als ich die Augen öffnete, war es auch so! Eine ältere Frau schob einen Staubsauger durch mein Zimmer! Instinktiv schloss ich wieder die Augen und drehte mich auf die andere Seite. Aber das Geräusch blieb und die Erkenntnis wuchs, dass es womöglich kein Traum war. Vorsichtig öffnete ich ein zweites Mal die Augen und tatsächlich kämpfte sich da ein Staubsauger durch meine halb ausgeräumten Umzugskartons!
„Äh hallo, was machen Sie da?“ rief ich gegen den Staubsaugerlärm an. – „Oh, tschuldigung. Habe ich Sie geweckt?“ – „Ja, äh, aber was machen Sie hier?“ – „Ich mache sauber!“ Okay, so richtig zufrieden konnte ich auch heute morgen nicht mit meiner Fragestrategie sein. Aber irgendwie passierten auch ständig Dinge, die eigentlich nicht passierten. „Wie kommen Sie in mein Zimmer?“ – „Tür war offen!“ antwortete die Frau mit stark osteuropäischem Akzent und ich wusste natürlich inzwischen (selbst), dass sie völlig recht hatte. „Aber…“ Ich brach ab und überlegte lieber noch eine Runde, bevor ich wieder etwas Unnützes fragte. 80 Prozent aller gestellten Fragen könne man sich selbst beantworten, hatte ich mal irgendwo gelesen. Ich lag derzeit bei mindestens 100 Prozent. (Beruhigend, dass mir so etwas gerade jetzt einfiel.) „Aber warum machen Sie hier sauber?“ – „Mache immer Samstag!“ – Damit war die Unterhaltung beendet. Sie wendete mir den Rücken zu und saugte unter meinem Schreibtisch.
Als sie fünf Minuten später fertig war, blickte sie mich aus der Tür an: „Ich bin Ludmilla. Und du? – Hast du Freundin?“ – „Ich äh nein, äh wieso?“ – „Bis nächste Samstag!“ Mit diesen Worten überließ sie mich meiner Ratlosigkeit.
Von Jochen erfuhr ich später, dass Ludmilla immer samstags bei uns putzen würde und dass ihre Kosten sogar schon durch unsere Miete gedeckt würden. Man müsse sich halt dran gewöhnen, dass sie einfach ins Zimmer spazieren würde.

Am nächsten Samstag saß ich morgens am Schreibtisch und wurde trotzdem von Ludmilla überrascht. Denn dieses Mal erschien sie nicht allein, sondern hatte neben dem Staubsauger noch eine junge Frau mitgebracht. Ludmilla zeigte ihr breitestes Lächeln: „Das ist Natascha, meine Tochter!“ – Aha! Putzte ihre Tochter auch hier oder…? „Hast du gesagt, du keine Freundin! Gefällt sie dir?“
Ja, das tat sie, besonders ihre unendlich tiefen schwarzen Augen. Aber trotzdem konnte ich mich aus dieser Situation noch befreien, bevor ich ihre Familie beleidigen und dadurch die Bekanntschaft mit Nataschas drei großen Brüdern machen konnte, die berühmt dafür waren, in der kasachischen Steppe die Kamele mit ihren bloßen Händen zu fangen – und zu enthäuten.

Nach diesen anfänglichen Kuriositäten schwächte sich das Bermudadreieck über meinem Zimmer im Verlauf meines ersten Semesters deutlich ab. Zum Glück oder leider…? Ich weiß es nicht… Immerhin bin ich über Ludmillas Neffen aber noch an ein sehr günstiges Mountainbike und meinen ersten Laptop gekommen sowie an eine handgeklöppelte und extrem kuschelige Kamelhaardecke, die, wenn man ganz tief die Nase reinsteckte, ein wenig nach der schönen schwarzäugigen Natascha roch, aber eben auch nach dem Ärger, den ihre großen Brüder anrichten konnten.

Hier geht’s zu den ersten beiden Teilen!

https://tommiboe.com/2015/05/05/wg-gesucht-lahngarten-1-teil/

https://tommiboe.com/2015/05/07/wg-gesucht-lahngarten-2-teil/

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