Busreisen im Sozialismus

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Busreisen im Sozialismus
Am Montagvormittag bin ich am Terminal, um mir ein Ticket für den Nachtbus von Dienstag auf Mittwoch nach Coro zu kaufen, einem Ort an der venezolanischen Karibikküste. Die Schalter sind aber schon halb geschlossen, mit Schildern „no hay boletos“ im Fenster, also alles ausverkauft für den Abend. Nun gut, ich will ja erst am nächsten Tag aufbrechen. Hinterm Schalter sitzen noch immer zwei Frauen, die sich zwar mit sich bestens unterhalten können, aber mit mir nicht so richtig. Schließlich verweist mich die eine knapp auf ein anderes Schild in der Auslage: „se vende boletos solamente el día mismo del viaje!“ Heißt: Ich kann heute gar kein Ticket für morgen kaufen. Denn das geht nur am Tag der Reise! Klar, logisch…! Als ich noch mal nachfrage, weil sich mir der Sinn des Ganzen nicht erschließt, bekomme ich zwar keine Erklärung, aber immerhin den Tipp, morgen früh um zwei spätestens drei Uhr da zu sein, um mich anzustellen. Der Schalter macht dann um sieben Uhr auf. Bienvenido al socialismo del cieglo 21! Willkommen im Sozialismus des 21. Jahrhunderts.
Und die meinen das ernst! Und alle machen da mit! In Deutschland stellen die Leute nachts nur in eine Schlange, wenn man Tickets fürs Championsleague-Finale haben möchte oder wenn der neue Harry Potter rauskommt. Schlimm genug! Oder man braucht ein Busticket und lebt zufällig im real existierenden Sozialismus! Im real existierenden Kapitalismus sitzen die Nasskappen nächtelang fürs neueste Iphone auf der Straße. Weiß grad gar nicht, was schlimmer ist… Macht mich irgendwie beides traurig!
Am nächsten Tag stehe ich früh auf und fahr mit meinem Gepäck und einem Plan B zum Busterminal. Ich bin um halb sieben da – nicht etwa um zwei! Der Schalter ist noch nicht geöffnet, aber die Schlange reicht bereits durchs halbe Terminalgebäude – für 40 Plätze! Mit anderen Worten: Plan B tritt in Kraft!
Ich begebe mich direkt zum Bahnsteig und nehme einen Bus nach Barinas. Das liegt quasi auf dem Weg nach Maracay, und von dort geht’s dann weiter. Die Busse fahren regelmäßig los, wenn sie voll sind, und dann halt der nächste! Das funktioniert! In Barinas steige ich um nach Valencia, was die drittgrößte Stadt Venezuelas ist und nur etwa 30 Kilometer von Maracay entfernt ist, von wo ich dann nach Choroní möchte. Der aufmerksame Leser ermüdet zwar bei der Aufzählung böhmischer Dörfer, bemerkt aber, dass der Ort Coro nicht dabei ist. Plan B beinhaltet auch einen anderen Zielort. Obiges Choroní liegt auch an der Küste, wollte ich ursprünglich aber erst später besuchen. (So viel zur Planänderung!)
Nachteil von B ist natürlich, dass ich einen ganzen Tag in vollen Bussen bei lauter Musik verbringen, anstatt in einem bequemeren Nachtbus nachts zu reisen… Aber: Immerhin bin ich auch drin und komme voran!
Es ist halb fünf (nachmittags!), als mein Plan B scheitert. Ich stehe am Terminal in Valencia und will in den nächsten Bus nach Maracay. Die Idee hatten aber noch ein paar Hundert andere vor mir. Ich hatte während der Fahrt schon gehört, dass es heute – warum auch immer – keine Direktbusse nach Caracas gibt. Daher müssen sich alle, die nach Caracas wollen, etappenweise von Busbahnhof zu Busbahnhof hangeln. Und meine nächste Etappe liegt mitten auch auf dem Weg nach Caracas. Hatte ich erwähnt, dass die Ferienzeit in Venezuela zu Ende geht…?
Die Schlange ist jedenfalls so lang, dass mir kurz mein Zeitgefühl verloren geht. Ich wache wieder aus dem Sekundenschlaf auf und höre „Coro! Coro!“ rufe. Nein, es ist kein Papagei, der auf meiner Schulter gelandet ist! Es ist nämlich so, dass lateinamerikanische Busse, die noch nicht voll sind, sprechen können. Es laufen also Männer oder Frauen über die Bahnsteige und schreien diverse Zielorte aus. Das ist oft sehr hilfreich.
Einer der Buseinweiser, den ich frage, schätzt auf mindestens drei Stunden Wartezeit… Ich werfe noch mal einen kurzen Blick auf die Schlange, aber nur so lange, dass mir nicht wieder schwindelig wird, geh pullern und steige in den Bus nach Coro. Ich komme damit zwar an mein ursprüngliches Ziel, habe aber einen ordentlichen Zickzackkurs hingelegt und damit nochmals fünf Stunden Fahrt vor mir. Immerhin: Der Bus ist nur halb voll, ich hab also eine eigene Sitzreihe für mich und er ist klimatisiert. Zudem ist Coro die größere Stadt und ich werde dort auf alle Fälle, selbst wenn ich spät ankomme, noch etwas für die Nacht finden.
Auch im letzten Bus ist die Musik so laut, dass ich trotz Oropax noch die nach DIN genormte „deutsche Zimmerlautstärke“ mitbekomme.

Stellen sich mir folgende Fragen:
1. Bin ich ein Sensibelchen? Es scheint ja sonst niemanden zu stören.
2. Wird man im Alter geräuschempfindlicher? Ich dachte immer, man wird taub… So ein bisschen taub wäre manchmal gar nicht schlecht!
3. Gibt es auch Oropax „fuerte“ oder „deep inside“?
4. Habe ich gerade einen Erziehungsauftrag für mein Sabbatjahr gefunden? Da ich noch genügend Busreisen vor mir habe, nehme ich mir vor, fortan bei jeder Busfahrt den Busfahrer scheißfreundlich zu bitten, die Musik etwas leiser zu machen.

Und Reisende wissen: es ist immer gut, Aufgaben zu haben!

3 Kommentare zu „Busreisen im Sozialismus

    Frau Ke sagte:
    September 6, 2013 um 7:57 am

    sehr schön! Insbesondere mit den böhmischen Dörfern…. hehe
    Vielleicht ist ein weiterer Auftrag für dein Sabbatjahr, dass du alle deine Buserfahrungen in Geschichtenform sammelst und in Buchform rausbringst. Wär doch mal was Neues 🙂

    Christoph Böttcher sagte:
    September 7, 2013 um 10:41 am

    für alle die sich auch gerade gefragt haben, wo diese bömischen Dörfer sind, hier :
    http://maps.google.com/maps/ms?ie=UTF&msa=0&msid=
    213417178925393589044.0004e5c8c2dfa67b6b1fd

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