Fundstück – Erdbebendeutung im Frühstücksfernsehen

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Fundstücke in Fernwest – Erdbebendeutung im Frühstücksfernsehen

Ich bin zu Besuch bei der Familie meiner norwegisch-chilenischen Freunde und sitze dort am Frühstückstisch. Es läuft im Frühstücksfernsehen eine Sendung zu den jüngsten Erdbeben um Iquique im Norden Chiles. Neben den Moderatoren befinden sich noch zwei ausgewiesene Experten in der Gesprächsrunde. Der Brasilianer Mago Yin, ist ein höchst talentierter Magier, der mittels seiner extrem sensiblen Hämorrhiden Erdbebenwellen schon vor ihrer Entstehung fühlen kann. Vielleicht habe ich diesen Teil auch nicht ganz richtig verstanden. Man möge mir diese Nachlässigkeit entschuldigen.
Jedenfalls sitzt er als Experte häufig in solchen Fernsehrunden, wie mir die Mutter meiner Gastfamilie bestätigen kann. Außerdem ist noch eine dicke, buntgekleidete „Tarotista“, also Tarotkarten-Betrügerin, äh, sorry, -Legerin, in der Runde. Ihre Glaubwürdigkeit werden durch ihre Dicke und ihr schreckliches Outfit unterstützt.
Mago Yin enttäuscht mich doch ein wenig. Für jemanden, der davon lebt, mit seinen Hämorrhiden Erdbeben vorherzusagen, sollte er einfach wissen, dass es nicht, wie er behauptet, die Pazifische Platte ist, die unter die Südamerikanische taucht, sondern die Nazca-Platte. Das wissen selbst die meisten meiner Neuntklässler – zumindest bis zur Klassenarbeit (haha)!
Hinter der Sendung steckt natürlich im Land des Erdbebenweltmeisters die Furcht vor einem neuen großen Beben. Das Erdbeben von Iquique hatte eine Stärke von 6,5 auf der Richterskala und war von einigen schwächeren Nachbeben gefolgt. Aber wird es bald ein noch stärkeres Beben geben? Diese Frage und diese Angst steckt in vielen Chilenos. Und so bestimmt diese Frage nicht nur das Fernsehen. Es gibt in den Schulen regelmäßige Evakuierungsübungen. So wie uns den jährlichen Feueralarm, nur viel häufiger und ernsthafter. Zudem gibt es extra Straßenschilder für Tsunamis (bzw wohin man bei einem Tsunami flüchten soll).
Das letzte große Beben 2010 hatte eine Stärke von 8,8 auf der Momenten-Magnituden-Skala, die im übrigen davon ausgeht, dass bei ihrem Maximalwert von 10,6 die Erdkruste auseinanderbricht, womit sie den Apokalypse-Preis des Tages erhält. Auf der „modifizierten Mercalliskala“ erreicht das Beben, je nach Quelle, die Stufe VIII oder IX (zerstörerisch bis verwüstend). Stufe XII bedeutet dahingehend „große Katastrophe“ und ist damit nicht vollends weltuntergangstauglich!
Auch 2010, es gab über 500 Todesopfer zu beklagen, war die Berichterstattung über Tage und Wochen hinweg so beherrschend, dass die damals elfjährige Tochter meiner Gastfamilie das Ganze nicht mehr verarbeiten und nicht mehr schlafen konnte und sogar völlig abwesend zu schlafwandeln begann. Dazu muss man sagen, dass die Familie in quasi jedem Raum des Hauses, abgesehen von den Bädern, einen Fernsehen (laufen) hat.
Der konsultierte Arzt verschrieb daraufhin absolutes Fernsehverbot für die Kleine! Kleiner Hinweis dazu: In Deutschland ist das übrigens nicht verschreibungspflichtig!
Ach, eins noch zu Erdbeben. Es gibt eine von US-amerikanischen Mikrowellenlobbyisten unterstützte Studien, in der amerikanische Wissenschaftler herausgefunden haben, dass Erdbebenwellen in der Lage sind, Mikrowellen auszulösen: „Pling!!“ Was dazu geführt hat, dass selbst in entlegenen chilenischen Dörfern ohne Stromanschluss in Prinzip in jedem Haus mindestens eine Mikrowellen steht.

(Anm. d. Red.: Sätze, die mit „amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden“ beginnen, weisen häufig auf Satire hin. Ich schreibe das, obwohl mir meine Oma beigebracht hat: „Erschieß dich, bevor du einen Witz erklärst!“ Ich weiß! Und sie hat natürlich recht. Sorry, Oma! Aber ich kann mir einfach keinen Rechtsstreit mit der US-amerikanischen Mikrowellenindustrie leisten!)

Evakuierungsrichtung im Falle eines Tsunamis, gesichtet in Pto. Natales
Evakuierungsrichtung im Falle eines Tsunamis, gesichtet in Pto. Natales

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