CamperMate
Na klar, ich bin inzwischen auch alt genug, um zu sagen, ahhh, früher war das Reisen doch etwas ganz anderes, viel ursprünglicher, unvorhersehbarer, natürlicher, wahrhaftiger! Heute mit dem Smartphone kann ja jeder reisen! „Große Worte = großer Bullshit!“ ist allerdings auch so eine Gleichheit, in der viel Wahrheit steckt.
In Neuseeland begleitet mich die App CamperMate, entwickelt von und für Camper, die in Neuseeland unterwegs sind – und davon gibt es einige. I can tell you! Die App zeigt mir, wo ich mit meinem kleinen „self contained“ Camper abgesehen von „normalen“ Campingplätzen stehen kann, oft kostenlose Plätze. Dazu kann ich mir Bilder und Kommentare von anderen Nutzer:innen anschauen. Zudem findet man Infos, wo man sein Klo leeren oder das Wasser auffüllen kann, wo sich öffentliche Duschen und vieles Nützliches mehr finden lassen.
Auf meiner Suche nach einem geeigneten Stellplatz nach meinen Regentagen an der Ostküste finde ich einen Platz für einen schönen Zwischenstopp auf dem Weg zu den Fjorden im Südwesten. Es handelt sich um ein kleines Weingut, Como Villa, an dem auch Weintastings angeboten werden. Das gefällt! Um sicher zu gehen, einen Platz zu bekommen, rufe ich vormittags an und erfahre, jaja, wenn ich um 4pm da bin, sollte es klappen.
Als ich um 3pm ankomme, wirkt der Ort verlassen. Ein anderes Wohnmobil steht einsam herum. Das dazugehörige Pärchen hat schon das alte, oder besser, antike Gebäude gefunden, wo das Tasting stattfinden soll. Aber auch doch ist niemand. Wir kommen ins Gespräch, sehr nettes Pärchen aus Kiel, bereits zum dritten Mal in Neuseeland. Ganz selbstverständlich driftet mein Sprachstil in einen gemütlichen norddeutschen Singsang. Ein bisschen Heimat streift mein Gemüt.
Kurz vor 4 fährt ein Auto vor, unser Gastgeber. Wir bekommen eine eineinhalbstündige Weinprobe (vier verschiedene Weine und dazu ein Portwein) inklusive der bewegten, interessanten Geschichte des Weinguts, das gleichzeitig ein privates Museum ist. Großartig (erzähle ich gerne mal genauer bei einem Glas Wein!). Meine norddeutschen Mitprobanden kaufen noch eine Flasche Portwein, zu der sie mich im Anschluss in ihr etwas geräumigeres Wohnmobil einladen. Danke dafür und die vielen Insidertipps!
So endet auch dieser neuseeländische Reisetag mal wieder mit vielen (netten) Überraschungen, auch dank CamperMate.






Spielegruppe vs Vogelgruppe
Spielegruppe vs Vogelgruppe
Spoilerwarnung: Es könnte etwas Nerdy werden! Zu meiner eigenen Schande muss ich mich vorher schon mal outen: Ich bin gar kein richtiger Nerd. Und das, obwohl ich gleich in zwei höchstverdächtigen Gruppen „aktiv“ bin. Auf der einen Seite bin ich in einer Spielegruppe, die auf den harmlosen WhattsApp-Namen „Spieleabend“ hört, was aber nicht annähernd verheißt, was dort so passiert und gespielt wird, nämlich meist hochkomplexe Boardgames, die allesamt nicht in der durchschnittlichen Spielesammlungskiste stecken. Unter anderem gibt es dort ein Spiel, das sich detailgetreu mit der Lord of the Rings-Saga befasst, bei dem die Gefährten/ Spieler quasi allen Gefahren von Mittelerde ausgeliefert sein – und nein, das ist keine Übertreibung! Und allen, die das anzweifeln, sei gesagt: Ihr habt ja keine Ahnung! Einige meiner Mitspieler stecken bis zum Hals in der Materie und kennen sich deutlich besser im Auenland aus als der Otto-Normal-Hobbit. Einer von ihnen, nennen wir ihn H., hat mir jetzt für meinen Neuseelandtrip Hausaufgaben aufgegeben, Originaldrehorte aufzusuchen und dort Orks niederzumetzeln oder den heiligen Gral zu finden (was weiß denn ich…?!). Mein Ausredeversuch, ich sei im Sabbatjahr und mache daher keine Hausis, wurde müde und abschätzig wegignoriert. Die Erwartungen sind hoch und ich darf meine Gefährten nicht enttäuschen!
Auf der anderen Seite bin Teil der Gruppe „Horny Ornies“, die sich einmal im Jahr zu einem vogelkundlichen Ausflug trifft und sonst vogelaffines Zeugs oder besondere Sichtungen postet. Die über ganz Deutschland verstreuten Gruppenteile zusammenzubringen, ist jedes Jahr das Hauptproblem. Und so habe ich es auch erst zweimal geschafft dabeizusein. Zudem, ich bin ehrlich, ist meine Vogelexpertise beschränkt – abgesehen vom Uhu-Lockruf, den ich hervorragend beherrsche (wirklich!). Mein Lieblingsvogel ist der Flamingo. Das sagt schon alles!
In beiden Gruppen bin ich also, was den Nerdfaktor angeht, eher am unteren Ende der Skala oder, um es noch deutlicher zu sagen: das untere Ende der Skala! Aber ich mag die Leute in beiden Gruppen und das soziale Miteinander um so mehr.
Meine heutige Wanderung steht nun vor der kniffligen Aufgabe, beiden Gruppen gerecht zu werden und wird vermutlich doch nur die hohen Erwartungen enttäuschen. Aber dafür bin ich ja gerne da!
Entgegen der Hausaufgabe aus meiner Spielegruppe, weil es in Rohan/ Edoras aus Kübeln regnet, habe ich mich für eine Wanderung in der Rakaia Gorge entschieden. Hier soll zum einen ein bisschen Mittelerde-Gefühl aufkommen und zum anderen Vögel zu beobachten sein.
Hier meine gesammelte Eindrücke! Aber entscheidet ihr, liebe Vogel- und Spielefreunde: in welcher Gruppe darf ich in Zukunft noch posten?
Bin schon gespannt, welche Gruppe zufriedener und welche enttäuschter von meiner Performance ist. Aber! Ich erwarte hier schon hochwertige, fachlich begründete, gerne auch persönliche Enttäuschungen! Die Vogelgruppe bitte ich um Bestimmung der Vögel – ohne Zuhilfenahme einer KI, versteht sich! Denn das kann ich ja selbst!





NZL – finally
NZL – finally
Neuseeland, da ist es! Und es wird einem echt leichtgemacht, anzukommen und sich direkt wohlzufühlen.
Nachdem ich am Check-in-Schalter in Hongkong noch einen Flug buchen musste, um zu beweisen, dass ich Neuseeland auch (jemals) wieder verlassen werde, ansonsten hätte ich in Hongkong nicht einchecken können(!), will davon in Christchurch am Airport niemand etwas wissen: „Welcome, enjoy und hereinspaziert!“ wird mir entgegengelächelt. Na gut!
Nachdem ich am Flughafen an zwei ATMs gescheitert bin und keine neuseeländischen Dollar abheben konnte, berät mich am Info-Schalter ein älterer Mann, wie ich den dritten und letzten, etwas versteckten ATM im Flughafengebäude finden könne. Und, als hätte sich seine Nettigkeit wie ein ATM-bezirzender Zaubermantel um mich gelegt, bekomme ich dort frische, lächelnde Dollar. Okay!
Mit Gepäck, Dollar und guter Laune gehe ich zur Bushaltestelle, um nach Christchurch zu fahren. Dort wartet bereits die Linie 8 auf mich. Ich steige ein und da das Bezahlen mit meiner Karte nicht funktioniert, reiche ich dem Busfahrer einen 50$-Schein entgegen. Er bekommt große Augen, hat kein Wechselgeld, dafür winkt er mich mit einem Lächeln rein. „Welcome to New Zealand!“ Ganz offenbar gilt der norwegische Spruch „Den bussjåfør, det er en mann med god humor“ zwar nicht für deutsche, aber auch für neuseeländische Busfahrer. Danke!
Beim nachmittäglichen Essen in Christchurch sitzt eine Engländerin mit mir am Tisch, die seit 12 Jahren in Neuseeland lebt. Wir unterhalten uns sehr nett, bestellen Bier und sie zeigt mir anschließend noch den sehr schönen botanischen Garten. Sie verabschiedet sich mit den Worten „See you in 4 weeks!“ Offensichtlich färbt Neuseeland auch auf andere Nationen ab! Da mache ich mir doch Hoffnung, auch selbst davon ein bisschen zu profitieren!
Ich halte an meinem ersten Tag mit meinem Camper an einem Aussichtspunkt. Neben mir steht ein Radfahrer in meinem Alter. Wir beiden schlecken am Eis (jeder an seinem!) und kommen ins Gespräch. Ganz selbstverständlich gibt er mir ausführlich Tipps für meine Reise und wünscht mir alles Gute dabei. Wie nett!
Selbst der Nordwind, den wir doch als fiesen Schurken und hässlichen Bruder von Väterchen Frost kennen, bringt hier tropische Temperaturen mit sich. Daran muss ich mich auch als Geograph erst einmal gewöhnen.
Danke bis hier hin, liebes Neuseeland, ich freue mich auf vieles mehr!









Wow – Aber!
Wow – Aber!
Oder: Hongkong, die Stadt, die nicht lächelt!
Ich sitze am Airport Hongkong und nehme Abschied von Asien mit einer scharfen Tom Yum Suppe und bei allem „Wow!“, das Hongkong in mir ausgelöst hat, schwingt natürlich die ganze Zeit ein „Aber!“ mit. Denn Hongkong ist längst nicht mehr dieses offene, westliche Hongkong, das es mal war und das der Region und seinen Menschen so gut tun würde. Ja, und auch uns in Europa täte so ein Hongkong als Brückenkopf nicht nur in wirtschaftlicher, sondern besonders in gesellschaftlicher Hinsicht gut. Aber daran wurde in den vergangenen Jahre leider zur Genüge gedreht, geschraubt und geschreddert.
Viel spüre ich als Tourist davon natürlich nicht – wie auch. Es sind eher Kleinigkeiten, wie bei Ein- und Ausreise, die bis ins Kleinste professionell, formell und steril orchestriert ist. Gelächelt wird da nirgends. Auch in Punkto Ordnung und Regelgehorsam: Niemand geht über eine rote Ampel, alle stehen brav und warten, naja, Überwachungskamera hängen ja auch überall („Big Brother is watching you!“ wie man auf Kantonesisch sagt).
Und es sind verdammt wenig Kinder zu sehen. Das fällt mir natürlich besonders auf, nach meinen zwei Monaten in Südostasien. Das natürliche Bevölkerungswachstum von Hongkong ist inzwischen negativ. Lediglich Zuwanderung sorgt dafür, dass die Bevölkerung nicht schrumpft.
Viel mehr ist aber natürlich das, was ich nicht sehe, was nicht mehr da ist! Und das reist natürlich auch wie ein dauerhafter Schatten mit.
Ich weiß nicht, ob die Hongkonger:innen früher fröhlicher waren, keine Ahnung. Bunter, offener und demokratischer war diese Stadt auf alle Fälle. Und das ist einfach sehr schade…




Raus aus Hongkong!
Nach zwei Tagen im Hochhausmeer von Hongkong möchte ich heute das richtige Meer sehen.
Gestern beim Mittagessen hatte ich ein nettes Gespräch mit einem Hongkonger, der gerade in seiner Mittagspause war und an meinem Tisch saß. Er machte mir ein paar Empfehlungen für außerhalb der Stadt. Und so mache ich mich heute auf den Weg nach Lamma Island. Angekommen am Pier, von dem mein Boot in ein paar Minuten abfahren soll, stellen ich und drei Franzosen vor mir fest, dass man nicht mit Karte und auch nicht bar bezahlen kann. Der Typ am Drehkreuz spricht undeutlich und fuchtelt deutlich nach draußen. Die drei jungen Franzosen sprinten los, gefühlt in vier Richtungen. Ich geh mal grob und parabelförmig hinterher, hatte ja mal Mathe-LK. Die Jungs vor mir sind schon am nächsten Pier angekommen, als ich aus dem Augenwinkel einen versteckten Schalter erblicken. Ich hole ihn aus dem Augenwinkel heraus und lese „Coin Exchange“. Ahh, an dem Drehkreuz hätte man auch Münzen einwerfen können. Aber die hat natürlich keiner. Ich wusste bis eben nicht mal, dass es Münzen in Hongkong gibt. Ich laufe hin, wechsle Münzen und renne zum Drehkreuz. Den noch immer hin- und herflitzenden Franzosen rufe ich zu, dass es hier Münzen gibt. Der Typ am Drehkreuz nimmt mir schnell die richtigen Münzen aus der Hand, wirft sie ein und ich sprinte an Bord: 10:19, eine Minute bis zur Abfahrt, das nächste Boot geht in 1,5 Stunden. Puh! Geschafft. Ich setze mich hin, als das Tor hinter mir schließt. Ohne Franzosen fahren wir los. Einmal um Hongkong Island herum und dann taucht Lamma Island auf. Wir landen an einem kleinen Fischerdorf, ein paar Boote in der Bucht, eine Straße mit ein paar leeren Restaurants an Land. Nach zwei Minuten bin ich alleine auf meinem Wanderweg. Es geht hoch und von Hongkong ist schon nach kurzer Zeit keine Spur. Es tut gut, sich hier draußen zu bewegen. Große Granitfelsen liegen hier wie vergessen auf dem Berg herum, schön, markant, zum Teil wie mit einer Axt in zwei Teile zerschlagen (Kernsprung, Kernsprung! jubelt der innere Geograph, der sich kurz aus dem Sabbatical zurückmeldet). Dann bin ich oben, der Blick geht ins Weite auf die andere Seite, wo dann fast nichts mehr ist, ein paar einzelne Containerschiffe, dahinter bis zum Horizont das Südchinesische Meer. In meinem Rücken irgendwo diese 7,5 Mio.-Stadt. Kaum zu glauben wie nah und fern das ist. Vier Stunden später bringt mich die Fähre innerhalb von 30 Minuten zurück in den Wahnsinn! Wow!
P.S.: Beim Essen auf Lamma Island werden ich von der Bedienung gefragt: „You want more penis?“ – What…?! – „You want more peanuts?“ äh, yes and yes!




