Wer bin ich und wie reise ich?
Wer bin ich und wie reise ich?
Natürlich bin ich ein Heuchler und ein Teil des Problems und selbst die Einsicht macht’s nicht besser. Wenigstens habe ich ein schlechtes Gewissen – zumindest manchmal.
Ich bin im Viertel Mestalla in Valencia untergekommen, habe ein Zimmer über Airbnb (ich weiß, ich bin ein Arsch!) gemietet. Direkt vor der Tür steht/ thront das ehrwürdige Estadio La Mestalla, das hier ganz selbstverständlich mitten im Viertel steht, umringt von Häusern, so als wäre es eines von ihnen, und natürlich habe ich mir auch schon ein Spiel angeschaut (mehr dazu später!).
Mein heutiger Kaffee-Stopp sollte mich zum Café „Adicto y Adicta“ führen, 4,6 Sterne Google-Bewertung, von dem ich weiß, „Besucher empfehlen die Trüffel-Tortilla“. Fast alle Tische sind frei, während auf der anderen Straßenseite regelrecht Trubel herrscht: fast alle Tische sind besetzt, viele Leute im Gespräch, einige in Blaumann, zwei Polizisten kommen mit ihrem Kaffee aus dem Eingang. Hier ist was los! Die „Bar Mestalla“ bekommt bei Google nur 4,2 Sterne…
Wer bin ich und wie reise ich? Mir wird fast von mir selbst übel, als ich mich mit meinem Block an einen der leeren Tische vorm „Adicto y Adicta“ setze. „Das ist nicht dein Scheiß Ernst?!“ schreit mein Inneres Team in seltener Einstimmigkeit. „Aha, der feine Herr, und jetzt schreibst du einen zynischen und selbstgefälligen Artikel über authentisches (würg!) Reisen und bestellst dir dazu, ganz ironisch natürlich, eine Trüffel-Tortilla, du W****?! Ich kotze mir in den Hals!“ – Ähh, Moment mal, Freunde! – Ich springe schnell auf, kotze mir nicht in den Hals und gehe stattdessen natürlich auf die andere Straßenseite zur „Bar Mestalla“, bestelle mir Kaffee und einen Bocadillo Esgarraet und schreibe einen selbstironischen (möglichst nicht selbstgefälligen) Artikel über authentisches Reisen (Achtung: schon hier beginnt die Ironie!), in dem es darum geht mit offenen Augen und nicht vom stets offenen Google geleitet durchs Viertel zu laufen!
Ich überlege kurz, eine 5 Sterne-Bewertung für die „Bar Mestalla“ zu schreiben, darüber wie nett, ursprünglich, untouristisch ich es finde, so ungentrifiziert, um es mal unnötig akademisch auszudrücken. Aber was und wen will ich damit erreichen? Vielleicht mich selbst, vielleicht möchte ich bei meinem Inneren Team um Entschuldigung bitten, das mir ja ganz intuitiv und authentisch und nicht von Google geleitet in den Arsch getreten hatte… In diese Bar gehen die Leute aus Mestalla, jeden Tag, am Morgen zum Kaffee, zum Mittagstisch und nach der Arbeit auf ein Bier. Die brauchen meine verschissene Bewertung ganz bestimmt nicht. Und die Leute, die auf Google suchen, die sollen doch rüber zu „Adicto y Adicta“ gehen und sich die Trüffel-Tortilla bestellen und fotographieren und hochladen und bewerten und eine beschissene Insta-Story draus machen und sich im Neid ihrer Freunde im kalten Irgendwo suhlen und… – Jaaaa, ist ja gut, unterbricht mich jemand aus meinem Inneren Team und nimmt mich in den Arm, komm mal wieder runter. Wir verzeihen dir! Und jetzt locker dich durch und bestell uns noch einen Cortado! – Na gut…


