Scheitern als Chance
Scheitern als Chance
Nach meiner überraschend großartigen Wanderung (Tipp einer Einheimischen) von der Jackson Bay durch den herrlich grünvermoosten Regenwald zur Smoothwater Bay, an deren ewig breiten und langen Strand ich dann plötzlich ganz alleine war und mich zu einer nudistischen Badeeinlage gezwungen sah (Ermittlungen laufen!), wollte ich heute einen herausfordernden Trek zum Mount Fox machen, von dem aus man einen tollen Blick auf den Fox Glacier, die umliegenden Berge sowie die Tasmanische See haben sollte.
Eine Herausforderung anzunehmen, ist ja die Grundvoraussetzung zum Scheitern. Ohne das wäre ein vernünftiges Scheitern gar nicht möglich, völlig undenkbar! Aus meiner Zeit als Abenteuerpädagoge in Q. kenne ich solche Sprüche noch zur Genüge. Und Scheitern führt zu Erkenntnisprozessen, die, wenn nicht auch diese scheitern, zu Erkenntnissen und zu Lernen führen können. Und da wollen wir ja hin!
Was habe ich heute über mich gelernt? Der Trek war als sehr schwierig und herausfordernd angekündigt. Es gab regelrecht Warnhinweise am Beginn des Pfades (siehe Foto). Vier Stunden Aufstieg für 1200 Höhenmeter über Steine, Felsen, Wurzeln, durch Pfützen und Matsch und das alles richtig steil. Ich schleppte mich durch den Wald, Wandern war definitiv etwas anderes. Man musste quasi jeden Schritt einzeln setzen. Anstrengend für Körper und Kopf. Und während ich, also mein Körper, sich den Berg hinaufkämpfte, entbrannte ein heftiger Streit in meinem inneren Team über Sinn und Zweck dieses Unterfangens, über Gefahren, Waghalsigkeit, Dummheit, falschen Ehrgeiz, Selbstüberschätzung. Ich weiß nicht, wie es euch geht mit eurem inneren Team, aber meins kann ganz schön nerven! Nach einer Stunde Gewander und Gezeter kamen wir zu dem einvernehmlichen Entschluss, diese Tour abzubrechen und stattdessen die einfache Wanderung/ Spaziergang zu einem anderen Viewpoint auf den Gletscher zu machen. Da ich schon um 8 Uhr gestartet und schon um 10 Uhr wieder zurück am Auto war, hatte ich ja noch genug Zeit für ein nettes Ausweichprogramm. Auf dem Rückweg fühlte sich die Entscheidung auch gut und richtig an, regelrecht vernünftig. Ich war fast ein bisschen stolz auf uns, äh, mich. Unten am Auto stand ein junger Franzose, der sich gerade für den Trek fertigmachte. Ich sprach ihn an, um ihn über den Zustand des Weges und die gegebenen Schwierigkeiten zu informieren. Jaja, das wisse er, deswegen sei er ja da, Herausforderung, blabla. Okay, er machte einen sehr fitten Eindruck und war vielleicht 25. Wir unterhielten uns kurz und als er erfuhr, dass ich schon länger unterwegs war, fragte er, ob ich „retired“ wäre. „Hast du mich gerade Rentner genannt, du kleines Franzosen-Arschloch? Legt dir erst mal einen vernünftigen Akzent zu!“ So bellte es in mir. Gerade hatte ich mich noch vernünftig gefühlt und war mit mir im Reinen, jetzt fühlte ich mich nur noch alt. Bisher hatte ich immer gedacht, ach, schau, du kannst ja noch mit vielen Jüngeren mithalten. Aber jetzt: „Rentner!“ Das war ein Wirkungstreffer! Chapeau, Franzose, bien joué, Schweinebacke!
Wenig später schlenderte ich vom vollen Parkplatz aus den Fox Glacier South Side Walk in Richtung Aussichtspunkt. Dabei entdeckte ich einen kleinen Umweg, den Moraine Walk, ein Pfad durch den herrlichen, moosvergrünten Regenwald, und musste an meinem „Wow!“ feststellen, was für eine hervorragende Entscheidung es doch gewesen war, den steilen Kacktrail zu beenden und durch diesen, selbst als Filmkulisse übertrieben designten Disney-Märchenwald zu flanieren.
Weitere drei Stunden später nach einem tollen Mittagessen bei einem gemütlichen, rentnergerechten Verdauungsspaziergang um den Lake Matheson begegnete ich einer sehr dicken Familie in meinem Alter, was mein inneres Team zu einem Jubelsturm inspirierte: „Hier, schau mal! Mit denen musst du dich mal vergleichen. Da schneiden wir nämlich viel besser ab!“ Stimmt, dachte ich. Zufrieden mit mir/uns kehrte ich zum Parkplatz zurück, wo am Nachbarauto schon wieder Französisch gesprochen wurde und so musste ich noch mal an den jungen, fitten Franzosen denken. „Ich hab deine Nummer und ich ruf dich an, wenn du 55 bist! Und was heißt eigentlich Feierabendbier auf Französisch? Wieso habt ihr da kein eigenes Wort für?“ Ich spürte eine innere Stimme in mir. „Au Mann! Das war wieder so dumm und unnötig!“ Aber ich lächelte die Einwände weg. Denn auch schöne Gedanken dürfen dumm und fies sein und müssen nicht immer Sinn ergeben und sich schon gar nicht an Verhaltensregeln eines inneren Teams halten!
Wem das Ende jetzt schon wieder zu positiv war, den verweise ich sehr gerne auf die wenig erfolgreiche Ratgeber-Reihe vom Küchenpsychologen Boe „Erfolgreich Scheitern!“ – „Scheitern auch Sie in nur 7 Schritten!“ – „Besser scheitern, als nie erfolglos sein!“





